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Weshalb immer mehr Bremer Pflegekräfte in die Leiharbeit fliehen

Bremens Kliniken verlieren zunehmend Personal, das sie anschließend über Zeitarbeitsfirmen auf Station zurückholen. Darum verzichten viele auf die sichere Festanstellung.

Drei Pflegekräfte, die in einem Büro sitzen und arbeiten.

Der Ruf der Leiharbeit war nicht unbedingt immer der beste: schlechte und sprunghafte Arbeitszeiten und oftmals schlechtere Bezahlung als in direkten Beschäftigungsverhältnissen. Dennoch gehen Bremens Krankenhäusern immer mehr Pflegekräfte verloren, weil sich diese von Zeitarbeitsfirmen anstellen lassen. Um anschließend von den Kliniken wieder teuer angeheuert zu werden. Warum erfreut sich dieses Phänomen – in Bremen wie auch bundesweit – immer größerer Beliebtheit?

Die Kliniken im Land Bremen klagen zusehends über Fachkräftemangel. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich in den letzten Jahren immer weiter zuungunsten des Gesundheitswesens. Immer größer wird die Schere zwischen denen, die in der Pflege auf Jobsuche sind und den zu besetzenden Stellen.

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Die Fachkräfte im Gesundheitswesen klagen über belastende Arbeitsbedingungen sowie schlechte Bezahlung. Weshalb immer häufiger Pflegepersonal freiwillig ein Arbeitsverhältnis bei Leiharbeitsfirmen vorzieht, die oft übertariflich zahlen und vor allem mit flexibleren Arbeitszeiten locken. Bundesweit liegt der Anteil an Leiharbeitskräften in der Gesundheitsbranche bei zwei Prozent. So auch im Land Niedersachsen. Im Land Bremen sind 3,4 Prozent der Beschäftigten in dem Bereich über Zeitarbeit angeheuert. Nimmt man die Altenpflege mit dazu, sind es sogar 4,7 Prozent.

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Ingo Schierenbeck von der Bremer Arbeitnehmerkammer sieht im einsatz von Leiharbeit in der Pflege zwar noch kein Massenphänomen, allerdings habe auch die Kammer in den letzten Jahren einen sprunghaften Anstieg gestgestellt. Laut Arbeitnehmerkammer ist der Fachkräftemangel inzwischen so groß, dass sich die Personaldienstleister teilweise sogar die Betriebe aussuchen können, mit denen sie zusammenarbeiten wollen. Leiharbeit ist für manche Kliniken die letzte Option, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Die Kliniken greifen auch auf Leiharbeiter zurück, um die Fachkraftquoten und Mindestbesetzungen zu gewährleisten. Und um nicht Gefahr zu laufen, womöglich Station oder Pflegebereiche schließen zu müssen.

Insgesamt arbeiten im Land Bremen etwa 3% im Gesundheitsbereich in der Leiharbeitsbranche.

Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer.
Ingo Schierenbeck, Arbeitnehmerkammer Bremen

Die Arbeitnehmerkammer hält den verstärkten Einsatz von Leiharbeit für "keine Erfolg versprechende Strategie gegen den Fachkraftmangel". Und weist in einem Bericht über den Trend auf die Nachteile hin: Das angemietete Personal sei für die Kliniken deutliche teurer, da nicht nur die eigentlichen Personalkosten an die Personaldienstleister gezahlt werden müsse. Auch deren wirtschaftliche Dienstleistung und Verwaltung trägt ein Preisschild. Das Personal ließe sich auch in der Regel eher schwer und mit höherem Aufwand in die Abläufe integrieren und müsse häufig spezifische Schulungen besuchen.

Teures Dilemma für die Kliniken

Pflegedienstleiterin Michaela Ackermann-Redl vom Klinikum Links der Weser bestätigt, dass Zeitarbeit inzwischen kein Einzelfall mehr ist und sich die Verhältnisse im Laufe der letzten Jahre deutlich geändert haben.

Anders ist, dass die Leiharbeitsfirmen auf uns zugekommen sind und ihr Personal angeboten haben. Jetzt ist es so, dass wir eher auf die Firmen zugehen und fragen, ob sie jemanden für uns haben. Finanziell hat sich das natürlich auch ausgewirkt. Die Preise sind anders geworden.

Blonde Pflegedienstleiterin steht in einem Krankenhausflur.
Michaela Ackermann-Redl, Pflegedienstleiterin im Klinikum Links der Weser

In der Regel kosten Zeitarbeiter rund 20% mehr als festangestellte Pflegerinnen und Pfleger. Die Zeitarbeitsfirmen dürfen die Preise zudem selbst bestimmen und seien laut Michaela Ackermann-Redl im Vorteil gegenüber den Kliniken. "Sie sind teilweise nicht an Tarife gebunden. Das heißt: Sie können viel mehr Geld bezahlen. Wir sind im Tarif und können nicht einfach sagen, wir bezahlen 100 Euro die Stunde. An Nebeneffekten können die auch mehr anbieten."

Für die Pflegekräfte, die in ihrer bestehenden Festanstellung bleiben, kann der Wandel durchaus negative Effekte haben. Wenn zum Beispiel Wochenenddienste oder Nachtschichten vom festen Klinikteam übernommen werden müssen, weil die das angeheuerte Zusatzpersonal nicht ableisten will.

Der Nachteil ist, dass sich die festangestellten Kolleginnen und Kollegen oft um die anderen rumranken müssen. Die Heldinnen und Helden des Gesundheitswesens sind für mich diejenigen, die nicht weglaufen.

Blonde Pflegedienstleiterin steht in einem Krankenhausflur.
Michaela Ackermann-Redl, Pflegedienstleiterin im Klinikum Links der Weser

Attraktive Vorteile für die Leiharbeitskräfte

Die Bremerin Wiebke Brunken wagte vor einigen Jahren den Schritt und kündigte ihre Festanstellung als OP-Schwester, um sich von einer Zeitarbeitsfirma vermitteln zu lassen. Ihr Motiv: Ihr war klar, dass sie die Arbeitsbelastung in der Form nicht bis zur Rente aushalten würde. "Ich musste mich entscheiden, ob ich gerne so weiterarbeiten will und es nicht mehr lange durchhalte. Oder ob ich Alternativen suche."

Ich hab die Wochenenden frei und die Feiertage. Ich kann meinen Urlaub planen, wie ich möchte und auch freie Tage.

Rothaarige Frau mit Schal in den Bremer Wallanlagen.
Wiebke Brunken, Pflegekraft in Zeitarbeit

Seitdem verdient sie deutlich mehr Geld. Ihr steht sogar ein Dienstwagen zur Verfügung. Und sie muss keine 24-Stunden-Schichten schieben. Ein Risiko gehe sie mit ihrer Entscheidung nicht ein, sagt sie. "Mir kann ja nichts passieren. Wenn mir das nicht gefällt, gehe ich wieder zurück. Mir persönlich ist in diesem Fall das Geld zweitrangig. Ich wollte aus diesem System raus."

Die durch Zeitarbeitsfirmen angestellten Pflegekräfte sind oft unbefristet beschäftigt. In der Regel arbeiten sie sechs bis neun Monate auf einer Station. Es gibt viel Mitspracherecht bei den Dienstplänen: So können sie angeben, wann sie arbeiten können und wann nicht. Sebastian Schlumberger von der Zeitarbeitsfirma "avanti GmbH" weiß um die vielen Vorteile, die das Arbeitsmodell für Pflegekräfte bietet. Die Arbeitszeiten sind dabei nur eine Spielart neugewonnener Flexibilität. Personalleiter Sebastian Schlumberger: "Sie können nach der geleisteten Monatszeit auch "Stopp" sagen."

Mehr Fluch als Segen für die Kliniken?

Für die Kliniken deutlich mehr Kosten, für die Fachkräfte erhebliche Vorteile – zufriedene Leiharbeiter scheinen ein Problem für Kliniken zu sein. Die Kliniken versuchen zwar ihre Arbeitsmodelle zu verändern und familienfreundlicher zu gestalten. Mit Firmenwagen, geregelte Arbeitszeiten und übertariflicher Bezahlung sind Leiharbeitsfirmen allerdings konkurrenzlos.

Wir müssen 24 Stunden präsent sein. Das muss eine Zeitarbeitsfirma nicht leisten.

Blonde Pflegedienstleiterin steht in einem Krankenhausflur.
Michaela Ackermann-Redl, Pflegedienstleiterin im Klinikum Links der Weser

"An erster Stelle steht die Versorgung des Patienten", so Ackermann-Redl weiter. "Aber natürlich ist auch die Mitarbeiterzufriedenheit wichtig. Das ist der Spagat, in dem wir uns bewegen." Die Pflegedienstleiterin räumt ein, dass die Entwicklung die Kliniken etwas überrollt hat. Und so liegt die teure Leiharbeit in Krankenhäusern bundesweit weiter im Trend – solange sich die Arbeitsbedingungen der festangestellten Pflegekräfte nicht verbessern.

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Autoren

  • Madita Thomas
  • Helena Brinkmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Februar 2020, 19:30 Uhr