Bremer Supermarkt erlaubt ab sofort das "Containern" – mit Regeln

Die Regeln sollen der Sicherheit dienen. Auch andere Bremer Supermärkte sagen der Lebensmittelverschwendung offen und teils kreativ den Kampf an.

Essensreste, Pflanzenteile und überlagerte Lebensmittel liegen in einer Mülltonne für Bio-Abfälle.
So unschön wie vermeidbar: Lebensmittel im Müll. Bild: DPA | Andrea Warnecke

An den Mülltonnen bei Lestra in Bremen-Horn kleben neuerdings Zettel: Regeln und Hinweise für Lebensmittelretter. Auslöser dafür war ein Beitrag von buten un binnen, wie das Unternehmen erklärt. In dem Film ging es um den Kampf des Kaufhauses Lestra gegen Lebensmittelverschwendung und um das sogenannte Containern: Menschen suchen in Mülltonnen von Supermärkten nach weggeschmissenen Lebensmitteln, die eigentlich noch verwertbar sind. Obwohl man schon viel gegen Verschwendung tue, habe man sich jetzt überlegt, auch mit dem Thema "Containern" noch offensiver umzugehen. Das verkündete der Supermarkt am Wochenende in einem Facebook-Post.

Wir stellen unseren Mitarbeitern Lebensmittel zur Verfügung, beliefern Kindergärten, Pferdehöfe und haben eine Kooperation mit der Horner Kirche. Trotzdem ist es nicht ganz zu vermeiden, dass abgelaufene, aber noch genießbare, Lebensmittel im Müll landen.

Lestra Kaufhaus - 8. Juni 2019, 11:48 Uhr.

Allerdings ist das Containern nicht ungefährlich: Juristisch gesehen handelt es sich um Diebstahl und in den Müllcontainern landen auch Dinge, die wirklich entsorgt werden müssen, weil sie zum Beispiel verdorben sind. Um Containern sicherer zu machen, gibt es laut Lestra jetzt die Hinweise und Verhaltensregeln: "Welche Lebensmittel sind nach Ablauf des MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum Anm. d. Red.) noch genießbar? Welche nicht? Wo ist Vorsicht geboten?" So wolle man Bedürftigen und Lebensmittelrettern die Angst nehmen "erwischt" zu werden, aber gleichzeitig erklären, was überhaupt ohne Bedenken aus der Tonne gegessen werden kann, und was eher nicht.

Facebook-Screenshot, weißer Zettel auf einem Müllcontainer mit Hinweisen zum sicheren Containern, rechts lange Bildunterschrift von Lestra Kaufhaus
Neue Hinweisschilder an Müllcontainern vom Bremer Lestra Kaufhaus Bild: Screenshot Facebook | Lestra Kaufhaus Bremen

Kundinnen und Kunden reagieren positiv

In den sozialen Netzwerken kommt die Aktion gut an. Mehr als 300 Nutzer haben den Beitrag des Bremer Supermarkts bereits geteilt. Viele unterstützen Lestra im Vorhaben, und loben, dass der Markt bereits in der Vergangenheit nachhaltig mit seinen Lebensmitteln umgegangen sei. Die neue Aktion sei wieder beispielhaft, schreiben einige.

Tolle Aktion! [...]Und es wäre super, wenn andere Märkte diesem Beispiel folgen würden!

Sabine Alexandridis - 8. Juni 2019, 22:43 Uhr.

Beispielhaft, danke für Eure praktizierte soziale Verantwortung.

Michael Thomas Borsum - 8. Juni 2019, 12:21 Uhr.

Das Kaufhaus in Bremen-Horn ist aber nicht der einzige Markt, der gegen Lebensmittelverschwendung vorgeht. Immer mehr Supermärkte in Bremen und umzu versuchen, weniger Lebensmittel wegzuschmeißen.

Geschenke, Spenden, Rabatte

Die Bio-Supermarkt-Kette Aleco verfolgt nach eigenen Angaben seit längerem einen ähnlichen Ansatz wie der Mitbewerber Lestra: Aleco verschenkt jene Produkte, die noch in Ordnung sind, aber nicht mehr verkauft werden könnten, an das eigene Personal. "Bei uns landen keine Lebensmittel im Müll", versichert Georg Appel, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens.

Um allerdings möglichst gar nicht erst in die Verlegenheit zu geraten, Lebensmittel ausrangieren zu müssen, zeichnet Aleco seine Produkte bereits deutlich vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum herunter, um sie auf diese Weise doch noch zu verkaufen, erklärt Appel das übliche Vorgehen. Nur "minimale Reste" blieben letztlich übrig.

Auch große Ketten und Discounter spenden Lebensmittel 

Gleiches reklamieren indes auch die Discounter Lidl und Aldi Nord für sich, ebenso die Rewe Group und die Märkte der Edeka Minden-Hannover (zu denen auch die Bremer Edeka-Märkte zählen). Sie alle kooperieren zudem nach eigenen Angaben mit karitativen oder zumindest gemeinnützigen Einrichtungen, insbesondere mit den örtlichen Tafeln, denen sie überlagerte Lebensmittel spenden.

Anders als die Mitbewerber veröffentlicht die Rewe Group, zu der auch der Dicounter Penny zählt, konkrete Zahlen: Lediglich ein Prozent seiner Lebensmittel könne Rewe nicht verkaufen, teilt Unternehmenssprecher Andreas Krämer mit. Und alles, was sich von diesem einen Prozent noch bedenkenlos verzehren lasse, stelle Rewe den örtlichen Tafeln zur Verfügung. "Das ist beispielsweise der Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum zeitnah abläuft, oder der Apfel mit einer Druckstelle. Grundsätzlich handelt es sich um frische und/oder unverpackte Lebensmittel wie Milch, Joghurt sowie Obst und Gemüse", so Krämer.

Fisch und Fleisch müssen entsorgt werden

Nicht an die Tafeln abgegeben würden dagegen kühlpflichtige Lebensmittel oder solche, die verdorben seien beziehungsweise ein Verbrauchsdatum trügen, wie etwa Frischfleisch oder -fisch. Solche Lebensmittel müssten den gesetzlichen und hygienischen Vorschriften entsprechend entsorgt werden, erklärt Krämer. 

Wie diese Entsorgung vonstatten geht, schildert Lidl-Sprecherin Sonja Kling: "Lebensmittel, die beschädigt oder verdorben und daher nicht mehr verkaufsfähig sind und nicht mehr gespendet werden können, werden zur Herstellung von Bio-Methan in Biogasanlagen transportiert oder über Mülltonnen entsorgt, die in öffentlich nicht zugänglichen Bereichen stehen."

Dort greift dann die letzte Instanz gegen Lebensmittelverschwendung: das Containern. Tatsächlich bestätigt Theodora Plate, Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Bremen: "Das Containern ist bislang nicht in Bremen angekommen." Zumindest seien ihr keine Fälle bekannt. An Aktionen wie der des Lestra Kaufhauses zeigt sich jedoch, dass offenbar auch in Bremen containert wird.

Privathaushalte verschwenderischer als Handel

Auch wenn der Einzelhandel in Verruf geraten ist: Das Gros der weggeworfenen Lebensmittel geht in Deutschland auf das Konto der Privathaushalte. Nach einer Studie des WWF Deutschland aus dem Jahr 2015 entstehen in Deutschland jährlich 18,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle, von denen fast 10 Millionen vermeidbar wären. Etwa die Hälfte dieser vermeidbaren Abfälle entstehen in Privathaushalten. Groß- und Einzelhandel kommen dagegen zusammen "nur" auf knapp ein Viertel der vermeidbaren Abfälle. Ein weiteres Viertel geht dem WWF zufolge auf das Konto von Großverbrauchern wie Restaurants und Kantinen.

Brot und Gemüse, das noch gut riecht und nicht verschimmelt ist, kann man auch noch gut essen.

Theodora Plate, Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Bremen

Wie Theodora Plate ergänzt, handelt es sich bei der Hälfte der Lebensmitteln, die in Deutschland weggeworfen werden, nicht etwa um Produkte, die durch Mindesthaltbarkeitsdaten gekennzeichnet sind – sondern um Obst und Gemüse. "Oft aus rein ästhetischen Gründen, weil eine Banane zu gerade oder ein Apfel zu schrumpelig ist", hat Plate festgestellt. Sie empfiehlt dem Konsumenten daher das "Genießen mit allen Sinnen": "Brot und Gemüse, das noch gut riecht und nicht verschimmelt ist, kann man auch noch gut essen", fasst die Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Bremen zusammen.

Sollte "Containern" erlaubt werden?

Eine Frau beim containern
  • Alexander Schnackenburg
  • Katharina Kuntze

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. Mai 2019, 19:30 Uhr