Kommentar

Die erste "Umsonst-Straßenbahn" ist albern und typisch Bremen

Bremen diskutiert über eine kostenlose BSAG-Verbindung an Samstagen von der Bürgerweide in die Innenstadt. Ein Witz, findet Radio-Bremen-Redakteur René Möller.

Ein Mann betritt eine Straßenbahn auf Bahnhof
Ist die geplante kostenlose Straßenbahn-Strecke wirklich eine gute Investition? Bild: Radio Bremen | Karsten Klama

Es klingt verlockend und wird seit Jahren gefordert und diskutiert: Der sogenannte "kostenfreie" ÖPNV. Eines gleich vorweg: Die Idee dahinter finde ich auch richtig klasse! Es ist längst überfällig, dass die Menschen dazu bewegt werden, nicht mit dem Auto in die Stadt zu kommen.

Die Alternativen hierfür sollen so attraktiv wie möglich sein. Da gehört es eben auch dazu, dass Busse und Bahnen auch für diejenigen attraktiv sind, die es sich nicht leisten können. Doch was da jetzt als erste "Umsonst-Straßenbahn" auf den Weg gebracht wird, ist nun wirklich albern. Oder milder gesagt: typisch Bremen! Ich erkläre gerne, warum:

"Alles aus der Auto-Perspektive gedacht"

Wieder werden diejenigen zuerst bedacht, die sich auch ein Kurzstreckenticket leisten könnten: Nämlich die Autofahrer, die nach Bremen rein fahren, ihre Autos auf der Bürgerweide abstellen und diesen Ort zu einem riesigen Parkplatz verkommen lassen.

Die alleinerziehende Verkäuferin aus Oslebshausen oder der langzeitarbeitslose Vater aus Burg-Grambke haben von dieser "Umsonst-Straßenbahn" gar nichts.

Die Strecke, die diese Linie nur samstags fahren soll, ist ein Witz!

Von der Bürgerweide bis zum Roland in der Innenstadt sind es zu Fuß exakt 1.100 Meter. Langsam gehend schafft man in einer viertel Stunde diese Strecke. Dafür braucht es eine Straßenbahn? Euer Ernst?

Mal zum Vergleich: 1.100 Meter sind es zu Fuß vom Jobcenter in der Osterholzer Heerstraße bis zum Tor 7 des Mercedes-Werks. Oder von den Wohnblocks der Grohner Dühne bis zum Schulzentrum in Vegesack. Überall dort würden die Menschen sich sicher auch über eine "Umsonst-Straßenbahn" freuen.

Die Linie ist nicht "umsonst".

Der sogenannte "kostenlose ÖPNV" muss natürlich finanziert werden. Noch ist gar nicht klar, wann genau die Bummelbahn zwischen Bahnhof und Roland starten soll. Aber natürlich muss diese Samstags-Linie finanziert werden. Der Senat hat 500.000 Euro Steuergelder allein für dieses Jahr eingeplant.

Nochmal: Eine halbe Million Euro dafür, dass Pendler vom Parkplatz Bürgerweide die 1.100 Meter in die City gebracht werden!

Auto-Politik aus den 70ern

Das ist kein erster Schritt in Richtung "kostenloser ÖPNV", das ist schlichtweg Auto-Politik wie aus den 70er Jahren.

Statt so viel Geld für eine Park&Ride-Strecke innerhalb der Innenstadt zu verprassen, hätte man längst mehr Radwege in den Stadtteilen sanieren können. An die denkt nämlich in der Bremer Verkehrsbehörde nach wie vor niemand. Vor lauter Prestige-Projekten zwischen der Neustadt und dem Hauptbahnhof weiß dort offenbar keiner, wie es ist, wenn man von Osterholz-Tenever oder Huchting mit dem Rad in die Innenstadt ruckelt.

Es gibt bessere Möglichkeiten

Statt einer solchen Straßenbahn-Strecke gibt es viele andere Möglichkeiten, die Menschen bequem in die Innenstadt zu locken und die City attraktiver für die Massen zu machen. Mit deutlich weniger Autos und mehr alternativer Mobilität.

Warum hat Bremen nahezu als einzige Großstadt immer noch keine richtig geschützten Radspuren? Diese haben hunderte Städte in ganz Europa während der Corona-Krise kurzerhand einfach mal gemacht. Gerichte haben zuletzt auch in Berlin bestätigt, dass man so etwas auch an Beiräten vorbei einfach mal entscheiden und machen kann. Wenn man nur will.

Zweispurige Straßen für Autos wurden kurzerhand aufgeteilt: eine Spur für Autos, die andere für Räder. Mit gelber Farbe und ein paar Warn-Baken. Kostet längst nicht so viel, wie eine Straßenbahnlinie — macht aber gleich viel mehr Menschen glücklich, als dieser Straßenbahn-Blödsinn, den man uns da jetzt als ersten Schritt verkaufen will.

Gratis mit der Straßenbahn in die Bremer Innenstadt

Video vom 24. Februar 2021
Ein Blatt Papier, auf dem die Nummer elf eingekreist wurde. Im Hintergrund die Bremer Innenstadt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Weitere Themen:

Autor

  • René Möller

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. Februar 2020, 18:00