Kohleausstieg in Bremen: Wie schaltet man ein Kraftwerk ab?

Das SWB-Kohlekraftwerk Hafen geht offiziell vom Netz. Einfach per Knopfdruck kann man den Betrieb nicht beenden. Ein Besuch im Kraftwerk, das auf den Stillstand zusteuert.

Audio vom 7. Juli 2021
Das Kohlekraftwerk Bremen-Hafen, von der Weser aus gesehen.
Bild: DPA | Bildagentur-online/Schoening
Bild: DPA | Bildagentur-online/Schoening

Jetzt ist der Ofen wirklich aus: Um 23.59 Uhr wird das Kraftwerk Hafen in Bremen offiziell abgeschaltet. Ab Mitternacht ist der sogenannte Block 6 im Industriehafen endgültig vom Netz. Wer den markanten weißen Schornstein, mit 250 Metern immerhin das höchste Bauwerk Bremens, im Blick hat, wird bemerkt haben, dass der Kamin schon lange nicht mehr raucht.

Seit 2019 zählt das Werk nur noch zur Reserve im deutschen Energienetz. Es wurde nur noch angeschaltet, wenn dringend Strom gebraucht wurde. Im vergangenen Jahr war das noch für ein paar Wochen der Fall. Seitdem wurde der Kessel nicht mehr angefeuert. Konnte er auch gar nicht: Schon lange herrscht auf dem fußballfeldgroßen Lagerplatz, auf dem sich früher die Steinkohle türmte, gähnende Leere. Alles ist verfeuert oder abtransportiert worden. Nur ein paar schwarze Brocken liegen noch am Boden: Wie ein ausgekippter Grill sieht das aus.

Zeit der Kohlefrachter ist vorbei

Auch an der Kohlepier des Kraftwerks, gleich daneben am Hafenbecken, haben die Möwen ihr Revier zurückerobert. Sie segeln übers Wasser und kreischen, wo früher die Schiffe mit dem "schwarzen Gold" aus England, Amerika oder Russland ankamen. Wohl an die 750 Kohlefrachter waren es in den vergangenen rund 45 Jahren.

Ein Schiff vor dem Kohlekraftwerk Bremen-Hafen.
Schiffe, die am Kraftwerk am Hafen anlegen, sind eine Seltenheit geworden. Bild: Folkert Lenz

Richtig große Dampfer der Panmax-Klasse waren das, erinnert sich Peter Flegel, der seit mehr als drei Jahrzehnten in swb-Kraftwerken arbeitet. Heute ist er Chef der Elektro- und Leittechnik im Block 6: "Die Schiffe haben dann hier angelegt. Wurden mit unserem Schiffsentlader geleert. Und dann wurde die Kohle über kilometerlange Fließbänder Richtung Block 6 transportiert." Wer sich zu Fuß von der Pier zum Kesselhaus aufmacht, der kommt am Fuße des XXL-Schornsteins an einem quaderförmigen Gebäude vorbei. Dort wurde der Qualm vom Kraftwerk in der Rauchgaswäsche vom Schwefel befreit. Auch ein Katalysator war dort eingebaut, damit der Rauch nicht mehr so viele Schadstoffe enthielt.

Drinnen sind Arbeiter dabei, Schlackenreste aus den Ecken kleiner Hallen zu meißeln wegen der Stilllegung. Die Kammern konnte man jahrelang nicht betreten, denn die brandheißen Abgase wehten hier durch, bevor sie über den Kamin ins Freie kamen. Ein Abfallprodukt von der Rauchgaswäsche war Gips, tonnenweise. Der wurde nach Skandinavien gebracht, um daraus Gipskarton zu machen, erinnert sich Flegel.

Das Herzstück des Kraftwerks

Eine Turbine im Kohlekraftwerk Bremen-Hafen.
Der Turbinenraum im Kohlekraftwerk Hafen. Bild: Folkert Lenz

Das Herzstück des Kraftwerks aber ist das Kesselhaus. Die Steinkohle wurde hier verbrannt, erhitzte Wasser, bis es zu Dampf wurde, der dann Turbinen und den Generator antrieb. Wo es früher normalerweise ohrenbetäubend dröhnte, dort ist jetzt nur ein sanftes Brummen zu hören. Hier kam die grobe Kohle auf Bändern an – zum Mahlen, erzählt swb-Schichtleiter Sven Langner. Über mehrere große Zuteiler wanderten die groben Kohlestücke in die Mühle. Das sei das Gaspedal des Kraftwerks, sagt Langner: "Umso schneller dieser Zuteiler dreht, umso mehr Kohle wird der Kohlemühle zugeführt. Umso mehr Feuerleistung habe ich. Umso mehr Dampf entwickelt sich. Und damit steht mehr Energie an der Turbine und am Generator zur Verfügung." Man merkt, dass den Energiewerker die Power des Feuers auch nach dreißig Jahren noch fasziniert.

Weil die Anlage nicht mehr in Betrieb ist, kann man durch ein Loch in den Stahlzylinder der Mühle schauen. Drei wuchtige Eisenkegel machten die grobe Kohle zu Staub, der dann in den Ofen wanderte. Die fertig gemahlene Kohle sehe aus wie Mehl, erzählt Langner. "Wenn ich das in die Luft schmeiße, dann habe ich eine Wolke aus Kohlestaub. Und die wird dann eingeblasen in den Kessel." Der Kessel ist eine über 80 Meter hohe Röhre, die in einem riesigen Gerüst hängt. Metalltreppen darin führen Etage für Etage weiter hoch – bis man auf dem Dach des blechverkleideten, weißen Gebäudes mit dem swb-Emblem steht, das von weitem aussieht wie ein hochkant gestellter Schuhkarton.

Ein Abschied mit Wehmut

Der Blick schweift über die Stadt, das Teufelsmoor, die Weser – und über das Kraftwerksgelände, wo sich kaum noch was regt. Die Steinkohle-Ära ist hier vorbei. Das weiß auch Sven Langner: "Da ist natürlich ein großer Teil Wehmut dabei. Ich persönlich bin jetzt 33 Jahre in der Kohleverstromung aktiv. Man hat 30 Jahre mit den Kollegen zusammengearbeitet an diesen Anlagen. Das ist unsers hier."

Ein graues Kohlekraft mit mehreren Gebäuden und Türmen.
Ein Kraftprotz: 330 Megawatt lieferte das Kraftwerk in der Spitze. Das sind 448.000 PS. Bild: Radio Bremen

Der Stolz des altgedienten Kohle-Stromers flammt wieder auf, als er im Turbinenraum den Stromgenerator zeigt, der sich, fast bescheiden, unter einer blauen Eisenabdeckung versteckt. 330 Megawatt liefert das Kraftwerk in Spitze: "Um sich das besser vorstellen zu können: Das sind in etwa 448.000 PS", rechnet Flegel vor. Doch das ist nun vorbei. Die tonnenschwere Eisenwelle, die Turbinen und Dynamo verbindet, dreht sich schon seit letztem Jahr nicht mehr. Auch Peter Flegel weiß, dass Strom aus Kohle keine Zukunft hat.

Das Herz hat schon ein bisschen wehgetan. Aber – ich sag mal – das ist ja klar, dass wir da raus müssen aufgrund Klimawandel und allem, was dazu gehört.

Peter Flegel, seit 30 Jahren in swb-Kraftwerken tätig

Flegel und Langner müssen sich keinen neuen Job suchen, wie die meisten ihrer knapp 100 Kollegen im Kraftwerk Hafen, die jetzt anderswo im swb-Konzern eingesetzt werden. Die beiden "alten Hasen" gehören mit zum Aufräum-Kommando, das in den nächsten Jahren das Kohlekraftwerk zurückbauen soll. Denn auch nach der Abschaltung gibt’s hier noch einiges zu tun.

Wobei unklar ist, was mit den Maschinen und Gebäuden passiert. Denn für Ersatzteile aus Kohle-Kraftwerken gibt es keinen Markt mehr, weil ja in den nächsten Jahren möglichst viele Anlagen in Deutschland abgeschaltet werden sollen, um den Kohleausstieg voranzubringen. So steht auch die Zukunft des Wahrzeichens des Industriehafens in den Sternen: "Wie soll man denn einen 250 Meter hohen Schornstein an dieser Stelle abbauen?", fragen sich Langner und Flegel. So wird der weiße Kamin wohl noch länger dort stehen.

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Autor

  • Folkert Lenz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 7. Juli 2021, 7:35 Uhr