So passen sich Bremen und Bremerhaven an den Klimawandel an

Das Wetter wird immer extremer. Der Juli war der weltweit heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen. Wie Bremen und Bremerhaven sich gegen Trockenheit, Hitze und Starkregen wappnen.

Das geplante Gewerbegebiet Lune Delta aus der Vogelperspektive.
Im künftigen Bremerhavener Gewerbegebiet Luneplate werden die Folgen des Klimawandels schon im Bau berücksichtigt. Bild: cityfoerster+urbanegestalt+transsolar

Seit 1881 sind die durchschnittlichen Temperaturen im Land Bremen um rund 1,3 Grad gestiegen. So viele Hitzetage wie 2018 gab es nie zuvor. Und 2019 kletterten die Tagestemperaturen in Bremen auf die höchsten je im Juni und Juli aufgezeichneten Werte, während in Bremerhaven die bislang wärmste Juli-Nacht gemessen wurde.

"Was einst als Jahrhundertsommer gegolten hätte, dürfte künftig im Schnitt einmal im Jahrzehnt auftreten", sagt Annika Brieber, Meteorologin im Klimahaus Bremerhaven. Das vom Weltklimarat genannte Ziel einer durchschnittlichen Temperaturerhöhung von maximal 1,5 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts sei im Land Bremen schon jetzt beinahe erreicht. Und ein weiterer Anstieg der Temperatur ist einer Studie des Deutschen Wetterdienstes zufolge praktisch sicher. Je nach Szenario, dürften die Temperaturen demnach im Land Bremen von 2021 bis 2050 um bis zu 2,1 Grad Celsius steigen.

Bremer Klimaanpassung per Gesetz

Neu ist diese Entwicklung nicht. Der im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und Linken ausgerufene Klimanotstand ist daher auch nicht die erste Konsequenz, die Bremer Politiker gezogen haben. Schon im März 2015 beschloss die Bremische Bürgerschaft das Klimaschutz- und Energiegesetz. Darin wurden Senat und Stadtgemeinden aufgefordert, eine Strategie zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu entwickeln.

"Es waren fast alle Ressorts in Bremen und Bremerhaven beteiligt", sagt Christof Voßeler, zuständig für die Anpassung an den Klimawandel beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr. Manche Behörden hätten noch gar nicht gewusst, dass der Klimawandel auch ihre Zuständigkeitsbereiche betreffe.

Die Stadt ist bis zu 8 Grad heißer als das Blockland

Die deutlichen Temperaturunterschiede zwischen Stadt und Land sind indes schon heute belegt. So ergaben beispielsweise Messfahrten, dass die Temperatur im Bremer Stadtgebiet abends an manchen Stellen bis zu acht Grad über den Temperaturen im Blockland liegt. "Das spielt für den gesunden 25-Jährigen nicht so eine Rolle – für Ältere, für Kinder oder Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen aber schon", sagt Voßeler.

Zwei Personen stehen an einem Trinkwasserbrunnen
Abkühlung: In der Nähe des Hauptbahnhofs steht ein Trinkwasserbrunnen.

Für letztere – und auch für Obdachlose – habe Bremen daher damit begonnen, fünf neue Trinkwasserbrunnen zu errichten. Einer der ersten wurde im Mai in der Nähe des Hauptbahnhofs im Nelson-Mandela-Park neben dem Antikolonialdenkmal, dem Elefanten, aufgestellt. Geplant waren die Brunnen bereits seit 2015, doch Diskussionen um Zuständigkeiten und Hygienevorschriften verzögerten den Aufbau um Jahre.

Nicht überall lassen sich Bäume pflanzen

Bei anderen Anpassungen an den Klimawandel ist die Umsetzung sogar noch schwieriger. "Die Infrastruktur steht ja schon", sagt Voßeler. Oft sei einfach nicht der Platz da, um Änderungen vorzunehmen. "Unterirdisch liegen auch viele Leitungen. Da kann man nicht ohne Weiteres einen Baum drüber pflanzen."

Bremen und Bremerhaven setzen daher im Hinblick auf eine klimataugliche Infrastruktur vor allem dort an, wo neu gebaut oder saniert wird. So gräbt beispielsweise das Bremer Abwasserunternehmen Hansewasser in regelmäßigen Abständen Straßen auf, um die Kanalisation zu erneuern. Dabei werden inzwischen Straßenprofile so angepasst, dass Wasser besser stehen und versickern kann und nicht in Richtung der umliegenden Häuser abläuft. Im Viertel und in Findorff wurde dies bereits vereinzelt umgesetzt. "Das so etwas flächendeckend in Bremen stattfindet, ist kaum möglich, aber auch nicht überall erforderlich", sagt Voßeler.

Wo dies möglicherweise erforderlich ist, darüber können sich Bürger seit März auf dem Bremer Starkregen-Portal informieren. Das Besondere: Betroffene können sich dort kostenlos beraten lassen, wie sie sich besser vor Überflutungen schützen können – beispielsweise durch Aufkantungen, die Wasser vom Grundstück fernhalten.

Großprojekte: Gartenstadt Werdersee und Gewerbegebiet Luneplate

Vor allem bei Neubaugebieten wie der Gartenstadt Werdersee oder dem Bremerhavener Gewerbegebiet Luneplate werden die Folgen des Klimawandels hingegen schon heute im Bau berücksichtigt. So wurde das Wohngebiet an der Habenhauser Landstraße, das rund 560 Wohnungen umfasst, mit 70 Prozent Grünfläche und zahlreichen Gräben geplant, in denen Wasser versickern kann.

Auch eine Bepflanzung der Dächer – etwa durch Moose, Kräuter und Gräser – soll vor Starkregen schützen. Gleichzeitig hilft das Grün, im Sommer die Hitze im Zaum zu halten. Im Winter wirkt es dämmend. Nicht zuletzt sind Gebäude und Straßen im Grundriss so ausgerichtet, dass sie keine Windkorridore durchschneiden, um Wärmeinseln und stehende Luft zu vermeiden. Auch die Schatten, die Häuser und Bäume werfen, gehen bei Neubaugebieten wie der Gartenstadt Werdersee inzwischen in die Bauplanung ein.

Neubau von Gewoba in der Gartenstadt Werdersee
Viel Grün an Straßen und auf Dächern: So soll der erste Neubau in der Gartenstadt Werdesee aussehen (Visualisierung). Bild: Gewoba

Prominent im neuen Koalitionsvertrag erwähnt ist auch das Bremerhavener Gewerbegebiet "Green Economy Gründerzentrum LuneDelta". Es soll dem Willen von SPD, Grünen und Linken zufolge "eine Pionierrolle für die Entwicklung weiterer Gewerbegebiete einnehmen". Das Besondere: Statt kostengünstigen Leichtbau-Gewerbehallen setzen die Macher auf solidere Bauten, die bepflanzt werden können.

Auch die Straßen im neuen Gewerbegebiet sind an die Folgen des Klimawandels angepasst: Sie sind nicht versiegelt, so dass Wasser besser versickert. Dennoch sind sie auch für den Lkw-Verkehr ausgelegt. Die Konsequenz: Die Kosten für solche nachhaltigen Gewerbegebiete liegen höher.

Pilotprojekte: Pauliner Marsch und Blumenthaler Aue

Klimawandelvorsorge betreibt in Bremen auch das Projekt "BREsilient", das im Umweltressort angesiedelt ist. Vor allem der Überflutungsschutz steht dabei im Fokus. Als "Reallabor" dient dabei unter anderem die Pauliner Marsch, in der nicht nur das Weserstadion, sondern auch zahlreiche Freizeitanlagen und Sportvereine sowie Kleingärten angesiedelt sind.

Das zweite große "BREsilient"-Projekt ist die Blumenthaler Aue. In unmittelbarer Nähe der Burg Blomendal fließt der Nebenfluss der Weser mit der Beckedorfer Beeke zusammen. Die umliegenden Gebäude, darunter die Burg und eine Kindertagesstätte, stehen in einer Senke, was sie besonders anfällig für extreme Regenfälle und anschwellende Gewässer macht.

Meeresspiegelanstieg betrifft auch Flüsse

Angesichts des steigenden Meeresspiegels wird es für Flüsse künftig schwieriger, ihr Wasser im Meer loszuwerden. So können die Konsequenzen einer vom Meer ausgehenden Sturmflut in Kombination mit einem durch Regenfälle oder Schmelzwasser verursachten Binnenhochwassers gravierender sein als in früheren Jahren.

Die Weser trat im Oktober 2014 über ihre Ufer.
2014 trat die Weser in der Pauliner Marsch über ihre Ufer. Die Auswirkungen solcher Ereignisse könnten künftig gravierender sein. Bild: DPA/Nordphoto

"In beiden dieser Überschwemmungsgebiete gibt es zwar direkten Handlungsbedarf", sagt Projektleiterin Lucia Herbeck. Gleichzeitig jedoch könnten Hochwasserschutzmaßnahmen dort nicht erzwungen werden, weil es sich nicht um dauerhaft besiedelte Flächen handele. Die Konsequenz: Herbeck und ihr Team sprechen mit den Menschen vor Ort über Möglichkeiten, wo und wie dennoch Böden entsiegelt, Dachflächen begrünt und Versickerungsflächen geschaffen werden können.

"Es geht darum, ein Forum zur Bürgerbeteiligung zu schaffen, zu informieren und zu sensibilisieren", sagt die Klimaexpertin. Darüber hinaus sei das Wissen der Bürger vor Ort wertvoll. Zum Beispiel haben wir bei den Überschwemmungen in der Blumenthaler Aue von den Menschen selbst erfahren, wo und bis wohin das Wasser in der Vergangenheit angestiegen ist." Die Anpassungen an den Klimawandel seien schließlich nicht nur eine technische Herausforderung, sondern eine gesellschaftliche.

Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 8. August 2019, 8:20 Uhr