So könnten Bremer Kita-Plätze gegen den Fachkräftemangel helfen

Die Bremer Kita Walljunioren hat ein besonderes Angebot für Firmen: Dort können Unternehmen für ihre Mitarbeiter Kita-Plätze buchen.

Video vom 3. März 2020
Eine Frau sitzt an einem Tisch und redet mit einem kleinen Mädchen. Zwei Jungen sitzen daneben und malen.
Bild: Radio Bremen

Konzentriert tippt Maria auf die großen Tasten der Kasse. Vor ihr liegen mehrere kleine Geldscheine und Münzen aus Plastik. "Dann bitte einmal 100 für den Cappuccino", ruft die Dreijährige ihren Erzieherinnen entgegen und lächelt. Ein wenig Unternehmergeist ist hier schon zu spüren – bei den Kindern in der Kita Walljunioren. Junge Bremer Unternehmer, die Wirtschaftsjunioren der Handelskammer, haben die Einrichtung gegründet. Es ist ihre Antwort auf die angespannte Betreuungssituation in Bremen. 2016 hatte Sebastian Schmitt, Projektleiter der Wirtschaftsjunioren, die Idee: "Wir wollten etwas bewegen."

Wir wollten etwas bewegen. Wenn nicht wir, wer sonst?

Sebastian Schmitt, Wirtschaftsjunioren Bremen

Die Kita Walljunioren liegt zentral in der Bremer Innenstadt, direkt gegenüber der Wallanlagen in einem denkmalgeschützten Gebäude. Lange hatte sich der Umbau, der finanziell von der Stadt getragen wurde, hingezogen. Vor eineinhalb Jahren wurde der erste Teil der Kita eröffnet, vor wenigen Wochen dann der zweite Gebäudeteil. Betrieben werden die Walljunioren vom privaten Träger pme.

Unternehmen müssen pro Kita-Platz 300 Euro zusätzlich zahlen

Insgesamt 100 Plätze gibt es in der Kita. Das Besondere: 60 davon sind reguläre, öffentliche Plätze, 40 können Firmen für ihre Mitarbeiter buchen. "Für die öffentlichen Plätze wurden wir überrannt. Das war jetzt in der Anmeldephase sehr viel und wir müssen einigen Eltern absagen. Bei den Betriebsplätzen ist es eher noch etwas schleppend, weil die Preise sehr hoch sind", erklärt Kita-Leiterin Hilke Land.

Mit Preis meint sie die Extra-Abgabe, die Unternehmen pro Kita-Platz zahlen müssen - damit sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Plätze anbieten können. 300 Euro sind das, die an die Stadt Bremen gehen. Bisher sind deshalb erst drei Firmen-Plätze vergeben, zwei weitere sollen folgen.

Welche Unternehmen das sind, möchte die Kita nicht sagen. Die Firmen seien ja bereit, mehr Geld zu zahlen, sagt Sebastian Schmitt von den Wirtschaftsjunioren. Aber: "Sie wollen die zusätzliche Abgabe lieber direkt an die Kita zahlen und nicht an die Stadt, wo sie nicht wissen, wofür das Geld verwendet wird."

"Es wird einem nicht leicht gemacht."

Kita-Leiterin Hilke Land, Sebastian Schmitt und Fabian Markmann von den Wirtschaftsjunioren und Konzept-Entwicklerin Ilse Wehrmann stehen zusammen.
Kita-Leiterin Hilke Land (l.) mit den Wirtschaftsjunioren Sebastian Schmitt und Fabian Markmann sowie Ilse Wehrmann, die das Kita-Konzept mitentwickelt hat. Bild: Kita Walljunioren

Generell, sagt Schmitt, fehle es ihm hier in Bremen an einer Willkommenskultur für Unternehmen und Initiatoren, die Kitas gründen wollen. "Es wird einem wirklich nicht leicht gemacht, es gibt viele bürokratische Hürden." Im Bildungsressort hält man die zusätzlichen Kosten für Unternehmen für gerechtfertigt: "Damit ist die Garantie verbunden, dass Unternehmen diese Plätze belegen können. Hier in Bremen ist das übrigens ein relativ geringer Anteil im Vergleich zu anderen Kommunen", sagt Thomas Jablonski vom Bremer Bildungsressort.

Sebastian Schmitt von den Wirtschaftsjunioren überzeugt das nicht. Zumal angesichts der angespannten Betreuungssituation in Bremen dringend mehr Kita-Plätze geschaffen werden müssten. Dass Firmen ihrem Personal Kita-Plätze anbieten, hat seiner Meinung nach auch noch einen anderen positiven Effekt: Sie binden dadurch Arbeitnehmer an ihr Unternehmen.

Ein garantierter Kita-Platz ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute ein Argument, sich für den Job zu entscheiden.

Sebastian Schmitt, Wirtschaftsjunioren Bremen

In Zeiten von Fachkräftemangel könne es so also gelingen, qualifiziertes Personal nach Bremen zu holen. Bislang ist die Kita Walljunioren die einzige Kita in Bremen, die öffentliche Plätze und Betriebsplätze anbietet. Der Energieversorger swb startet bald mit einem ähnlichen Modell in Woltmershausen. Auch reine Betriebskitas gibt es aktuell nur wenige in der Stadt. So betreibt etwa der Daimler-Konzern eine eigene Kita.

Die Ausstattung liegt über dem Kita-Standard

Was beim Betreten der Kita direkt auffällt: Die Ausstattung liegt hier über dem Kita-Standard. Moderne und farbenfrohe Möbel, hochwertiges Spielzeug, alleine die beiden Klettertürme haben 48.000 Euro gekostet. Und auch ein Aquarium gehört zur Einrichtung dazu. Die Fische sollen in den nächsten Tagen einziehen.

Möglich machen das die Jungunternehmer: Sie haben einen Förderverein gegründet, werben Sponsoren ein. Auch ein digitales Medienkonzept gibt es in der Kita. Jede Gruppe verfügt über ein Ipad, die Kinder können ihre eigenen Hörspiele produzieren und Filme drehen. "Das ersetzt aber nicht Bücher und Zeitungen. Das sind Medien, die in dieser Kita genauso wichtig sind", sagt Leiterin Hilke Land.

Für die Jungunternehmer der Handelskammer ist die Kita Walljunioren das Modell der Zukunft, ausgerichtet an der modernen Arbeitswelt – mit Betreuungszeiten von 7:30 Uhr bis 17 Uhr, für die Unternehmensplätze sogar schon ab 7 Uhr. Eltern, wie Katharina Zerlik und ihrem Partner, kommt das mehr als entgegen. Beide arbeiten im Schichtdienst, Katharina Zerlik als Ärztin im Krankenhaus. Sohn Jonathan ist 15 Monate alt. "Für mich ist es entspannter, wenn ich das Kind morgens schon früher in die Kita bringen kann und dann pünktlich im Krankenhaus bin. Und wenn ich nachmittags nicht pünktlich rauskomme, was ziemlich häufig vorkommt, bin ich flexibler mit dem Abholen", sagt Zerlik.

Ob jemand einen öffentlichen oder einen Betriebsplatz hat, davon merken die Kinder nichts.

Hilke Land, Kita-Leiterin

Ob Firmen-Platz, wie bei Katharina Zerlik, oder öffentlicher Platz: In dieser Kita sollen alle gleich behandelt werden – und dennoch es gibt Unterschiede. Für Eltern, die von ihrer Firma vermittelt wurden, schließt die Kita nur an fünf Tagen im Jahr. Für Eltern mit öffentlichem Platz dagegen an 20 Tagen. Die Gefahr, dass ein Zwei-Klassen-System entstehen könnte, sehen Schmitt und Land aber nicht: "Ob jemand einen öffentlichen oder einen Betriebsplatz hat, davon merken die Kinder nichts", sagt Leiterin Hilke Land.

Und es gehe auch nicht darum, in der Kita eine Elite zu versammeln: "Ich nehme die Kinder hier nach den Gesetzen der Stadt Bremen auch auf und das in Wohnortnähe. Da kann man nicht aussuchen, ob das jetzt betuchte Eltern sind oder Eltern aus der Mittelschicht. Wir gehen danach, wer sich hier bewirbt und in der Nähe wohnt". Bei den Betriebsplätzen allerdings, so Land, würden dann natürlich die Betriebe entscheiden, wer den Platz bekommt.

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. März 2020, 19:30 Uhr