In diesem Hotel in Cuxhaven sind dicke Menschen nicht willkommen

Kein Zimmer für dicke Menschen – das hört sich nach einem schlechten Scherz an. Ein Cuxhavener Hotel meint das aber ernst.

Audio vom 4. Juni 2020
Übergewichtige Figur auf einem Maßband
Bild: DPA | imageBROKER

Zumindest in Sahlenburg sticht das Hotel aus der Masse heraus. Es ist ein Designer-Hotel. Das wird einem schon klar, wenn man an der Rezeption steht: edle, dünne, lackierte Holzstühle – teure, alte, aber frisch bezogene Sofas. Und genau die sorgen dafür, dass dicke Menschen hier nicht willkommen sind, sagt die Hotelbesitzerin Angelika Hargesheimer. "Sie haben ja unten die Designerstühle gesehen, das sind richtige Klassiker. Wenn sich da eine Person von über 130 Kilogramm draufsetzt, die sitzt da mit einer Pobacke drauf und der Stuhl hält das auch nicht lange aus. Ich möchte aber ein Designer-Hotel haben, also ich möchte schöne Möbel haben – und nicht so Eiche brutal.“

Blick in einen Raum mit Tischen und Stühlen.
Schwere Menschen können auf diesen Stühlen nicht sitzen, sagt die Hotelbesitzerin. Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Dass schwere Menschen hier nicht willkommen sind, macht die Hotelbesitzerin schon bei der Buchung klar: "Aus Haftungsgründen weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass das Interieur unseres Hauses für Menschen mit einem Körpergewicht von mehr als 130 kg nicht geeignet ist“, steht auf der Internetseite des "Beachhotels Sahlenburg".

Ganz ehrlich: Ich müsste ja Sanatoriumsmöbel hier reinbringen. Designer-Möbel gehen da nicht.

Angelika Hargesheimer, Hotelbesitzerin

Konzept stößt auf Kritik

Seit gut zwei Jahren vermietet Angelika Hargesheimer die Hotel- und Apartmentzimmer direkt am Strand in Sahlenburg. Das Konzept ist wahrscheinlich zumindest in Cuxhaven einzigartig: keine Kinder, absolutes Rauchverbot und keine Gäste mit mehr als 130 Kilogramm Körpergewicht. Das Hotel sollte anders sein, anders als alle anderen: "Wir wollten nichts, was irgendeiner Kette oder irgendwelchen Standards entspricht, sondern etwas, was mal aus dem Rahmen fällt. Ich bin dieses Uniforme einfach leid.“

Ein Mann im Anzug guckt in die Kamera.
Friedrich Schorb von der Uni Bremen kritisiert das Hotel. Bild: Privat

Ein Konzept, das für ordentlich Kritik sorgt: "Kein Zimmer für dicke Menschen, das ist einfach diskriminierend“, schreibt beispielsweise jemand in einer Google-Bewertung über das Hotel. Und auch Wissenschaftler finden deutliche Worte. Einer davon ist Friedrich Schorb. An der Universität Bremen forscht er zum Thema Gewichtsdiskriminierung: "Es zeigt eben, dass es in diesem Bereich immer noch so ist, dass man scheinbar unbestraft diskriminieren kann. Es würde sich sicher kein Hotel trauen zu schreiben: 'Homosexuelle sind bei uns nicht erwünscht'. Und diese Extrembeispiele zeigen ganz deutlich das Fehlen dieses Bewusstseins.“

Experte spricht von fatalen Folgen

Rechtlich lässt sich gegen ein Besuchsverbot für Dicke in Hotels nicht vorgehen. Es gibt zwar ein Antidiskriminierungsgesetz in Deutschland, von körperlichen Merkmalen wie Übergewicht ist darin aber keine Rede. Und das, obwohl Gewichtsdiskriminierung weit verbreitet ist: 15 Prozent der Deutschen geben offen zu, dass sie den Kontakt mit dicken Menschen meiden – das geht aus einer Studie der Krankenkasse DAK hervor. 

Für übergewichtige Menschen habe die Aussage des Hotels fatale Folgen, sagt Schorb. Sie hätten sowieso schon mit vielen Einschränkungen zu kämpfen. "Und wenn Hotels dann auch noch ein Besuchsverbot aussprechen, ist das noch mehr herabwürdigend und führt noch mehr dazu, dass die Menschen sich isolieren.“ Und wer sich erst mal isoliere, für den werde es immer schwieriger, sich selbst zum Abnehmen zu motivieren, sagt Schorb.

Blick in einen Raum mit Sofa und Bücherregal.
Das gesamte Hotel hat Angelika Hargesheimer durchdesignt. Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Hotelbesitzerin Angelika Hargesheimer will von diesem Diskriminierungsvorwurf nichts wissen: "Also ich finde es persönlich diskriminierend, dass ich so einen Anblick ertragen muss – ehrlich gesagt. Und ich weiß, wenn ich dick bin, dass da was nicht stimmt. Und es hat auch nicht jeder was mit der Schilddrüse." Sie selbst habe auch eine Schilddrüsenunterfunktion. "Na und? Dann muss ich mich trotzdem entsprechend an die Ernährung halten und kann mich nicht so gehenlassen, wie ich möchte.“ Ihr Hotel laufe gut. Viele Gäste seien vom Design begeistert.

Experte fordert gesetzliche Regelung

Wo fängt Diskriminierung an? Das ist auch eine politische Frage. Deshalb plädiert Friedrich Schorb dafür, dass Diskriminierungen aufgrund körperlicher Merkmale, wie zum Beispiel Übergewicht, mit ins Antidiskriminierungsgesetz aufgenommen werden: "Ich glaube, dass es eine unglaubliche symbolische Anerkennung wäre, dass das eine Form der Diskriminierung ist, die genauso schädlich ist, die genauso falsch ist, genauso sanktionierenswert ist, wie Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, aufgrund von Religion, aufgrund sexueller Orientierung, des Geschlechts. Das wäre ganz wichtig.“

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Autoren

  • Leonard Steinbeck
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 4. Juni 2020, 12:15 Uhr