Alles hängt am PCR-Test: Wenn genesene Bremer nie als genesen gelten

Video vom 1. Juni 2021
Ein medizinisches Dokument auf dem das Wort "Positiv" unterstrichen ist.
Bild: Radio Bremen
Bild: DPA | Clara Margais

Vollständig Geimpfte und Genesene genießen in der Seuche mehr Freiheiten. Doch nicht alle. Wer Corona überstanden hat, aber keinen PCR-Test vorweisen kann, hat ein Problem.

Es geschah vorigen Herbst: Nach dem Kontakt zu einer später positiv auf Corona getesteten Person musste sich Stefan Pitsch in Quarantäne begeben. Zwar verspürte auch der Bremer bald Krankheitssymptome. Zwei behandelnde Ärzte aber glaubten dennoch nicht, dass der Lehrer und Schwerbehindertenvertreter mit Corona infiziert wäre. Sie verzichteten sogar darauf, ihrem Patienten einen PCR-Test zu verordnen, der Gewissheit gebracht hätte. Denn bei diesen Tests wird der Erreger direkt nachgewiesen. "PCR-Tests waren zu diesem Zeitpunkt Mangelware", blickt Pitsch zurück.

Erst einige Wochen später, als der 61-jährige weiterhin über einen gestörten Geruchs- und Geschmackssinn litt sowie über anhaltende Müdigkeit klagte, ließ sein Hausarzt das Blut seines Patienten auf Antikörper untersuchen. Dem entsprechenden Laborbefund zufolge hat Pitsch, wie von ihm vermutet, eine Corona-Infektion überstanden.

Eine offizielle Bescheinigung aber, die ihm den Status eines Genesenen attestiert, soll Pitsch dennoch nicht erhalten. Denn laut aktueller Verordnung der Bundesregierung gilt nur als genesen, wer ein mindestens 28 Tage zurückliegendes positives PCR-Testergebnis nachweisen kann. "Ein alleiniger Antikörpernachweis ist nicht ausreichend, unabhängig vom gemessenen Antikörperwert" heißt es in der Verordnung.

Antikörper auch ohne Covid-19-Erkrankung

Lehrer und Schwerbehindertenvertreter Stefan Pitsch
Versteht nicht, dass professionelle Antikörpertests nicht als Nachweis einer Covid-19-Infektion anerkannt werden: Stefan Pitsch. Bild: Radio Bremen | Völker Kölling

Der Bund stützt sich dabei auf aktuelle Aussagen des Robert Koch-Instituts. Hiernach kann der Antikörpernachweis auch dann zu einem positiven Ergebnis führen, wenn die betreffende Person keine Covid-19-Erkrankung durchgemacht hat. Dann nämlich, wenn sie Kontakt mit einem anderen Coronavirus hatte als mit dem SARS-CoV-2.

Für Stefan Pitsch bedeutet das: Für ihn gelten weiterhin die gleichen Regeln wie für jemanden, der nie mit Covid-19 infiziert gewesen und auch nicht vollständig geimpft ist. "Ich habe das zunächst gar nicht als großes Problem angesehen", sagt der Betroffene dazu. Dann aber, vor ein paar Wochen, habe er sich gegen Corona impfen lassen – und das sei ihm nicht gut bekommen.

Eine oder zwei Spritzen?

"Ich hatte starke Kopf- und Gliederschmerzen, mein Arm war stark geschwollen. Ich fühlte mich total krank und habe drei Tage lang praktisch nur geschlafen", blickt er zurück: "Es war so, wie einige wenige Leute ihre Beschwerden nach der zweiten Impfung schildern“, fasst Pitsch seine Eindrücke zusammen. Sein Hausarzt habe ihm daher von der zweiten Spritze, die demnächst ansteht, abgeraten.

Tatsächlich empfiehlt auch das Robert Koch-Institut für Personen, die bereits mit Covid-19 infiziert gewesen sind, sechs Monate nach Genesung grundsätzlich zunächst nur eine statt zwei Impfstoffdosen. Allerdings fügt das RKI ausdrücklich hinzu: "Bei Personen mit einem alleinigen Antikörpernachweis ist eine vollständige Impfserie empfohlen, die bei den meisten derzeit zugelassenen Impfstoffen aus 2 Impfstoffdosen besteht."

"Unflexible Behörden"

Sollte Pitsch der Empfehlung seines Hausarztes folgen und auf die zweite Injektion verzichten, so wird er weiterhin als nicht vollständig geimpft gelten. Mit allen nachteilhaften Konsequenzen, die das für ihn hätte. Dann etwa, wenn er verreisen möchte – und eben nicht als immun eingestuft würde.

"Ich verstehe überhaupt nicht, wieso die Behörden so unflexibel auf den PCR-Test als Nachweis bestehen", sagt er dazu. Es sei allgemein bekannt, dass lange Zeit großer Mangel an PCR-Tests herrschte und es daher notgedrungen viele Menschen gebe, die Covid-19 zwar überstanden, aber nie einen PCR-Test gemacht hätten. Für diese Leute müsse schnell eine unbürokratische Lösung gefunden werden.

Wie viele Menschen tatsächlich einen positiven Corona-Antikörpertest vorzeigen könnten, sei nicht bekannt, sagt dazu Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Entsprechende Daten würden nicht durch das Gesundheitsamt erfasst.

Hausärzteverband widerspricht RKI

Der Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbands Hans-Michael Mühlenfeld im buten un binnen Studio.
Hält professionelle Antikörpernachweise für verlässlich: Hausarzt Hans-Michael Mühlenfeld. Bild: Radio Bremen

Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Bremen, Hans-Michael Mühlenfeld, glaubt zwar nicht, dass es sich um Massen an Betroffenen handelt. Allerdings sei Stefan Pitsch auch kein Einzelfall: "Mir sind durchaus mehrere Leute bekannt, bei denen der Fall ähnlich liegt", sagt er. Hinzu kämen einige Patientinnen und Patienten, die gar nichts von ihrer Infektion bemerkt hätten.

Dass die Betroffenen selbst dann keine Genesenen-Bescheinigungen bekommen, wenn ein Fachlabor Antikörper in ihrem Blut nachgewiesen hat, kann Mühlenfeld nicht nachvollziehen. "Das ist eindeutig eine Gesetzes- oder auch Verordnungslücke", sagt er. Mühlenfeld rät Betroffenen, sich bei der Bremer Impfkommission zu beschweren. Sie hätten ein Recht darauf, genauso behandelt zu werden wie alle anderen Genesenen.

"Da muss sich ganz schnell etwas ändern"

Stefan Pitsch hat sich unterdessen noch nicht entschieden, wie er weiter vorgehen wird. "Vielleicht werde ich auch nächste meinen zweiten Termin im Impfzentrum wahrnehmen, um mich noch einmal von einem Arzt beraten zu lassen – und dann spontan entscheiden, ob ich die zweite Spritze kriegen möchte." Ganz gleich aber, wie seine Entscheidung letztlich ausfallen werde, sei er von der starren Haltung der Behörden schwer enttäuscht.

Dass sich demnächst etwas an den derzeit geltenden Regelungen ändern wird, ist allerdings durchaus denkbar. Zumindest wird Bremen die Debatte um die Antikörpertests und über Genesene bei der wöchentlichen Gesundheitsministerkonferenz einbringen. Das hat Ressort-Sprecher Lukas Fuhrmann gegenüber buten un binnen am Montagabend angekündigt.

Bleibt es beim Nebeneinander von Impfzentren und Impfen beim Hausarzt?

Video vom 27. Mai 2021
Eine Aufnahme eines Arms, der geimpft wird.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. Juni 2021, 19.30 Uhr