Kommentar

Bremer Eiswettfest 2020: Weiblichkeit zur Marginalie verdammt

Warum nur sperren sich die Macher des Bremer Eiswettfestes so gegen Frauen-Besuch? Diese Haltung ist längst überholt, findet butenunbinnen-Redakteur Daniel Hoffmann.

Eine ausschließlich männliche Ansammlung beim Eiswettfest in einem Festsaal.
Dieses Jahr nur noch zu 96,25 Prozent männlich besetzt: das Bremer Eiswettfest. Bild: Importer

Ach, was waren das doch damals für schöne Zeiten, als das Patriarchat noch hoch gehalten wurde. Die Herren – als Krone der Schöpfung – parlierten untereinander, ergötzten sich mit Bonmots, gerne auch über die abwesende Weiblichkeit, und ließen sich selbst hochleben. Das Ganze gerne auch in eigens dafür eingerichteten Herren-Clubs, die ihre Konjunktur vor allem in der viktorianischen und der wilhelminischen Zeit hatten. Also im 19. Jahrhundert oder quasi gestern, wie der eine oder andere Herr meint und sich altersgerecht nach diesen Zeiten zurücksehnt. Als Frauen nur schmückendes Beiwerk waren und sich um Haus, Hof und natürlich die Kinder zu kümmern hatten. Was war das schön, als noch der Mann entscheiden durfte, ob die Frau mitgeht, ob sie arbeiten darf und was und – Gott behüte – womöglich wählen geht. Und wenn, dann wen sie wählt.

Die Zeit der Gleichberechtigung – noch nicht bei allen angekommen

Nur wenige Clubs haben diese glorreichen Zeiten überlebt, sehr zum Bedauern einiger Zeitgenossen, denen offenbar beim intensiven Gespräch mit ihren männlichen Artgenossen entgangen ist, dass die Welt sich ein Stück weit weitergedreht hat. Man sieht derzeit tatsächlich Frauen auf den Straßen, die nicht nur als Straßenhöker unterwegs sind, wie einst die berühmte Zitronen-Jette in Hamburg oder zum vergnügten Plausch mit anderen Damen Sonnenschirm-tragend durch den Bürgerpark flanieren.

"Wie in aller Welt konnte das passieren?" fragen sich die entsetzten Herren in ihrem traditionellen Herren-Club, an dem die Welt in den vergangenen knapp 190 Jahren nur so vorbeigerauscht ist.

Wie man doch die Welt um sich herum vergisst, wenn man sich amüsiert – ohne Frauen versteht sich. Die haben von richtigem Amusement natürlich auch keine Ahnung. Wie auch? Wo doch nur Männer von der Schöpfung dazu auserkoren wurden, ihren Denk-Apparat adäquat zu nutzen und dafür zu sorgen, dass die Welt im Lot bleibt und sich eben nicht weiterdreht.

Thomas More, Déscartes, Voltaire, Napoleon und Bismarck – offenbar alles Männer nach dem Geschmack der altvorderen Herren-Clubs. Wer kümmert sich schon um Frauen, die davon nichts verstehen? Elisabeth I. von England, Katharina von Russland, Queen Victoria oder diese Angela Merkel – alles unbedeutende Randnoten der Zeitgeschichte.

Frauen-Besuch beim Eiswettfest nichts als Farce

Bremens Frauenbeauftragte Bettina Wilhelm steht vor dem Kongresszentrum Bremen
Letztes Jahr mussten Frauen draußen bleiben, dieses Jahr dürfen sie rein. Also ein paar.

Wie unbedeutend die Weiblichkeit ist, zeigt man ihr am besten, indem man sie zur Marginalie verdammt. 30 von 800 – oder wie die Herren sicherlich händereibend gewitzt ausgerechnet haben – 3,75 Prozent Anteil Frauen am Eiswettfest. Besser kann man doch gar nicht verdeutlichen, was man von der Anwesenheit der Frau hält und darf sich an seiner Genialität ergötzen, auf welch subtile Art und Weise die Krone der Schöpfung ihren Wert in der Gesellschaft unterstrichen hat. Da darf man auch über die Übergriffigkeit eines modern denkenden Senats schwadronieren, um sich gleich darauf in die Kindergarten-Ecke zurückzuziehen und mit weinerlicher Stimme zu sagen "Der war nicht lieb zu mir, der darf hier nicht hin".

Will vielleicht auch irgendwann keiner mehr. Auch Traditionen überleben sich – erst recht, wenn sie sexistisch und frauenverächtlich daherkommen. Oder sie überleben in einer Schmuddelecke, über die keiner reden und berichten will. Ja, ja, der Weg in die Moderne ist hart, steinig und voller Widrigkeiten, aber manchmal ist man überrascht, welche Möglichkeiten er bietet. Das Gespräch mit einer Frau kann dabei ungeahnte Möglichkeiten bieten. Und dann werden Herren-Clubs hoffentlich zu dem, was sie eigentlich jetzt schon sind – ein Treppenwitz der Weltgeschichte.

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Autor

  • Daniel Hoffmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 18. Januar 2020, 15:20 Uhr