Das sagte "Querdenker" Schiffmann in Bremen über Corona – ein Check

Corona ist nicht gefährlich. Das Tragen von Masken schon, Kinder sterben dadurch. Das sagte der Arzt Bodo Schiffmann bei einer Kundgebung. Wir haben die Thesen Wissenschaftlern vorgelegt.

Video vom 14. Oktober 2020
Der Arzt Bodo Schiffmann im Interview mit buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Die Zahl der Coronainfektionen schnellt seit Beginn des Herbstes in die Höhe – europaweit, bundesweit und auch in Bremen, das sogar zu den Risikogebieten zählt. Dennoch haben am vergangenen Sonntag auf dem Bremer Bahnhofsvorplatz etwa 500 Menschen gegen Maßnahmen zum Schutz vor dem Virus protestiert. Sie sind zu einer Veranstaltung des Arztes Bodo Schiffmann aus Sinsheim gekommen. Er ist Wortführer der "Querdenker"-Bewegung, die das Virus und das Vorgehen des Bundes in Frage stellt. Schiffmann gab buten un binnen am Sonntag am Rande der Demo ein Interview. Seine Kernaussagen haben wir Bremer Medizinern und Wissenschaftlern und anderen Fachleuten vorgelegt.

1 Corona-Gefahr ist überschätzt

Laut Schiffmann überschätzt Deutschland die Gefahren, die von Corona ausgehen. Eine Viruserkrankung definiere sich darüber, wie stark das Gesundheitswesen in Anspruch genommen wird, sagt Schiffmann.

Wir haben schon in der ersten Welle unser Gesundheitssystem noch nicht einmal angekratzt von der Inanspruchnahme und sagen in der zweiten Welle, die nach den Sterbe- und Intensivzahlen noch nicht da ist, wir sollen zusätzliche Intensivbetten freihalten. Die Betten freizuhalten ist nicht vernünftig.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheistressorts, widerspricht dieser Aussage Schiffmanns entschieden. Das Gesundheitssystem sei zu Beginn der Pandemie massiv beansprucht worden. "Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, der öffentliche Gesundheitsdienst und nicht zuletzt die Kliniken mussten nicht nur eine große Anzahl an bestätigten Infizierten versorgen, sondern auch viele Verdachtsfälle."

Einen Teil der Betten für die COVID-19-Versorgung freizuhalten sei sinnvoll, um auf einen kurzfristigen Anstieg an stationär behandlungsbedürftigen Patienten vorbereitet zu sein. Dabei sei zu beachten, dass auch Verdachtsfälle zunächst wie bestätigte Infektionsfälle versorgt werden müssen und damit die vorgehaltenen COVID-19-Behandlungskapazitäten in Anspruch nehmen.

2 Intensivbetten müssen nicht vorgehalten werden

Leeres Bett in einer Intensivstation
Leere Betten in den Intensivstationen schlagen zwar kräftig zu Buche, müssen nach Auffassung der meisten Fachleute aber gerade in der Corona-Pandemie dringend vorgehalten werden. Bild: DPA | Daniel Reinhardt

Doch Schiffmann setzt noch eins drauf: Intensivbetten extra für Corona-Patienten vorzuhalten sei nicht nötig. In einem Notfall könne man auch Patienten früher entlassen oder planbare Operationen absagen, wenn man unbedingt kurzfristig mehr Intensivbetten benötige. So gingen die Kliniken etwa vor, wenn beispielsweise aufgrund eines "Massenanfalls" – zum Beispiel bei einem Zugunglück – auf einmal viele Patienten gleichzeitig ins Krankenhaus kämen.

Wir können auf solche Anfälle reagieren, gerade in Deutschland, weil wir das Land sind, das die größten Intensivkapazitäten hat.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Judith Gal, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Bremen-Mitte, sagt dazu: "Ein Vergleich eines Massenanfalls von Verletzten mit einer Pandemie ist unprofessionell."

Bei einem Massenanfall trete ein unvorhersehbares Ereignis akut ein und sei in den allermeisten Fällen innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen abgearbeitet. Hierzu hätten sich bewährte Prozesse mit schneller Ressourcenumverteilung etabliert. Bei der Corona-Pandemie aber sei davon auszugehen, dass sie noch Monate anhalte. Entsprechend wichtig sei es für die Krankenhäuser, längerfristig mit der Pandemie zu planen.

3 Masken schützen nicht

Bodo Schiffmann stellt den Nutzen des Mund- und Nasenschutzes im Kampf gegen die Pandemie in Zweifel.

Für die Maske gibt es keinerlei Evidenz. Es gibt viel, was dagegen spricht, es gibt nichts, was dafür spricht.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Tatsächlich gab es am Anfang der Pandemie auch von Fachmedizinern und etwa dem Robert-Koch-Institut Zweifel an der Wirksamkeit insbesondere von schlichten, selbst genähten Masken. Allerdings ist diese Einschätzung durch zahlreiche Studien widerlegt. Andreas Dotzauer, Leiter des Laboratoriums für Virusforschung der Uni Bremen, sagt: "Untersuchungen zeigen, dass durch alle Maskentypen die Freisetzung von Viren, die durch Aerosole übertragen werden, unzweifelhaft reduziert wird." Damit werde durch die Masken der mögliche Kontakt mit diesen Viren vermindert und das Infektionsrisiko herabgesetzt.

4 Kinder sterben durch das Tragen einer Maske

Bei der "Querdenker"-Demo in Bremen behauptete Bodo Schiffmann, in Rheinland-Pfalz sei ein Kind durch das Tragen einer Mund-Nasen-Maske gestorben. Das sagte er bei seiner Rede, wie man im Film von buten un binnen vom 12. Oktober sehen kann.

Diese Meldung hatte sich im September in den sozialen Netzwerken verbreitet. Inzwischen wurde sie von zahlreichen Medien geprüft und widerlegt. Was geschah: Eine Zeitung hatte gemeldet, dass ein Mädchen in einem Schulbus zusammengebrochen sei und später im Krankenhaus verstarb. Kurze Zeit danach tauchte eine neue Behauptung – nicht von der Zeitung – im Netz auf: Das Mädchen sei gestorben, weil es eine Maske trug. Diese Meldung teilten Gruppen, die das Tragen von Masken boykottieren. Dass Kinder durch das Tragen einer Maske sterben, erklären Masken-Gegner mit einer CO2-Vergiftung. Belege dafür gibt es aber nicht.

"Was passieren kann, ist, dass die Atemtätigkeit durch die Maske ein wenig reduziert wird. Man kann dann nicht mehr frei durchatmen", sagt Martin Eikenberg, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am Klinikum Bremen-Mitte. Dass sich unter dem Mund-Nase-Schutz Kohlendioxid anreichere, wie oft behauptet, sei nicht der Fall, so Eikenberg. 

"Das klingt nach Unfug", kommentiert auch Stefan Trapp, Bremer Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. "Es ist kaum vorstellbar, dass ein halbwegs gesunder Mensch durch das Tragen einer Alltagsmaske in seiner Atemfunktion eingeschränkt ist", so Trapp. Denn eine Alltagsmaske erhöhe den Atemwiderstand kaum nennenswert. Dass sie Tröpfchen und Aerosole filtere, sei dagegen unstrittig. Masken seien eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen schlechthin gegen die Corona-Pandemie.

5 Es gibt Ausgangssperren

Die Menschen hätten Angst vor einem zweiten Lockdown, sagte Bodo Schiffmann. Zudem kritisierte der "Querdenker" Ausgangssperren.

Obwohl wir keine Kranken oder Toten haben, werden Ausgangssperren eingeführt.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

In Bremen gibt es seit Montag, dem 12. Oktober, eine Sperrstunde. Diese gilt ausschließlich für die Gastronomie. Das bedeutet, Kneipen, Bars und Restaurants müssen um 23 Uhr schließen. Eine Ausgangssperre für die Bremerinnen und Bremer gibt es nicht. Jeder kann sich auch nach 23 Uhr in der Stadt frei bewegen. Aktuell wird weder in Bremen noch bundesweit über Ausgangssperren diskutiert.

Die Aussage von Schiffmann, wir hätten keine Kranken oder Toten, sei in jeder Hinsicht falsch, sagt der Pressesprecher des Bremer Gesundheitsressorts. "Wir haben sowohl Kranke als auch Verstorbene. Alleine die Zahl der stationären Patientinnen und Patienten ist in den vergangenen Tagen in Bremen deutlich angestiegen, außerdem gibt es bereits mehr als 60 Verstorbene im Land Bremen während dieser Pandemie", so Fuhrmann.

Die Maßnahmen, die wir in den letzten Monaten und auch jetzt wieder erlassen, dienen der Vermeidung genau dieser Todesfälle und auch der Vermeidung weitergehender Maßnahmen, wie eines erneuten Lockdowns.

Lukas Fuhrmann, Sprecher Gesundheitsressort Bremen

6 Immunität schon vorhanden

Bodo Schiffmann hält viele Corona-Schutzmaßnahmen auch deshalb für unangebracht, weil er glaubt, dass die Bevölkerung "auf zellulärer Ebene" bereits eine Antwort auf das Virus gefunden habe.

Warum werden Masken getragen bei einer Population, die nicht zur Risikogruppe zählt, bei einer Hintergrundimmunität von 80 Prozent?

HNO-Arzt Bodo-Schiffmann

Dieser Aussage widerspricht Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie der Uni Bremen. Schiffmann spreche von einer möglichen unspezifischen Immunität gegen das Virus, für die es derzeit aber keine klaren wissenschaftlichen Belege gebe. Mit "unspezifischer Immunität" ist eine Abwehrreaktion des Körpers gemeint, die das Eindringen von unterschiedlichen Krankheitserregern verhindern kann. Über eine Immunantwort, die speziell auf das Coronavirus SARS-CoV-2 zugeschnitten ist, die so genannte spezifische Immunität, verfügen Zeeb zufolge "derzeit im besten Fall alle Personen, die eine Infektion durchgemacht haben, also bundesweit wenige Prozent der Bevölkerung".

7 Corona ist nicht verbreitet

Bodo Schiffmann bestreitet auch, dass in Deutschland überhaupt von einer Seuche gesprochen werden kann.

Corona ist nicht hier.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Dass dennoch immer wieder Menschen in Deutschland positiv auf das Virus getestet werden, führt er auf steigende Testzahlen zurück.

Auch hier widerspricht Hajo Zeeb: "Es werden seit mehreren Wochen im Schnitt zirka eine Million Tests pro Woche gemacht, die vermehrten positiven Befunde sind hier bei annähernd gleichbleibend hohen Testzahlen aufgetreten. Damit sind dies echte Zunahmen."

8 Coronatests in Deutschland fehlerhaft

Bodo Schiffmann hält die Fehlerquote bei den Coronatests für sehr hoch.

Aktuell sind wir in der gleichen Situation, als wenn ich bei einer Million Männer einen Schwangerschaftstest machen würde, und 14.000 schwangere Männer kriegen würde.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Dazu sagt Epidemiologe Zeeb: "Beim Vergleich mit dem Schwangerschaftstest geht einiges durcheinander." Es gehe Schiffmann um den Anteil der Fälle, die irrtümlich positiv getestet werden. Dazu räumt Zeeb ein, dass PCR-Tests – wie alle Tests – tatsächlich eine Fehlerquote haben: "Sie sind sehr sensitiv, erkennen also diejenigen, die Virusträger sind, auch fast zu 100 Prozent." Eben dies sei für die Eindämmung der Pandemie entscheidend. Daher müsse man in Kauf nehmen, dass es auch vereinzelte falsche positive Tests gebe.

9 Alte Corona-Fälle in neuen Statistiken

Schiffmann bemängelt nicht nur die Qualität der Tests, sondern auch den Umgang in Deutschland damit.

Hier werden alte Fälle nachgetragen. Wussten Sie, dass wir einen Probenrückstand haben mit unbearbeiteten Fällen? Den finden Sie im epidemiologischen Bulletin unter 40, da sehen Sie, dass wir jetzt noch Leute dazurechnen, die im April einen PCR-Test abgegeben haben, als neuen Test von heute.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Auch hier widerspricht Hajo Zeeb: "Es gibt in Deutschland nur einen sehr geringen Probenrückstand, der auch nicht viele Monate, sondern wenige Tage betrifft." Lediglich bei etwa zwei Prozent der Proben in Kalenderwoche 40 hätten fünf oder mehr Tage zwischen der Entnahme und den Labortests gelegen. Dieser Anteil sei relativ konstant und werde regelmäßig abgearbeitet. "Alte Fälle tragen nichts zu den jetzigen Trends bei", stellt der Wissenschaftler klar.

10 Querdenker bestreiten Infektionsgefahr

Auch die Ansteckungsrisiken mit dem Coronavirus werden aus Schiffmanns Sicht weithin überschätzt.

Ich möchte Ihnen sagen, dass in Bremen keine Gefahr besteht für Menschen aus Nicht-Risikogruppen, sich mit Covid-19 zu infizieren.

HNO-Arzt Bodo Schiffmann

Lukas Fuhrmann aus dem Gesundheitsressort kann Schiffmann auch in diesem Punkt nicht zustimmen. Er sagt: "Wir haben in Bremen Infektionen in allen Altersgruppen, von jung bis alt, egal welchen Geschlechts, mit Vorerkrankungen und ohne." Schiffmanns Aussage entbehre jeder empirischen Grundlage.

Autoren

  • Alexander Schnackenburg Autor
  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Oktober 2020, 19:30 Uhr