Bremer Psychotherapeutin: So überstehen Sie eine Quarantäne

Eine Quarantäne kann psychisch belastend sein. Eine Bremer Psychotherapeutin erläutert, wie man trotz Isolierung munter bleiben kann.

An einer Haustür steht der Schriftzug "Häusliche Quarantäne"
Trotz häuslicher Quarantäne mental fit zu bleiben: Wie das geht verrät eine Bremer Psychotherapeutin. Bild: Imago | Steinach

In den vergangenen Wochen ist die Zahl der Corona-Fälle im Land Bremen gestiegen – und damit auch die Anzahl derer, die in häuslicher Quarantäne bleiben müssen. An einem Ort eingesperrt zu sein, kann für viele eine psychologische Belastung darstellen. Selbst wenn dieser Ort aus den eigenen vier Wänden besteht. Was kann man tun, um sich bei Laune zu halten? Und wie können Eltern am besten mit der Situation umgehen? buten un binnen hat die Präsidentin der Bremer Psychotherapeutenkammer, Amelie Thobaben,gefragt.

Frau Thobaben, welche Herausforderungen stellt eine Quarantäne für die geistige Gesundheit der Betroffenen dar?
Es ist eine extrem große Belastung, wenn man unfreiwillig zu Hause bleiben muss und die üblichen Beschäftigungen wegfallen. Bei einigen kommen auch finanzielle Sorgen dazu. Die Betroffenen sind einerseits in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt, andererseits können sie weniger tun, um sich davon abzulenken. Und sie müssen gleichzeitig auf eine neue, völlig unbekannte Situation reagieren.
Amelie Thobaben von der Psychotherapeutenkammer Bremen
Bild: Psychotherapeutenkammer Bremen
Welche Auswirkungen kann so etwas haben?
Das ist ganz individuell. Es hängt davon ab, wie die Menschen mit Stresssituationen umgehen. Ob sie etwas tun, was ihnen schadet, oder im Gegenteil Strategien entwickeln, um damit klarzukommen. Die Frage kann man nicht pauschal beantworten.
Wie geht man am besten damit um?
Es gibt sicherlich Menschen, für die diese Situation relativ unproblematisch ist. Ich könnte die Lage zum Beispiel so sehen: "Jetzt habe ich endlich genug Zeit, um die Sachen zu tun, die ich sowieso schon lange machen wollte." Doch wenn ich weiß, dass ich vor der Quarantäne Angst habe, kann ich sogenannte "Coping-Strategien“ hamstern. Das bedeutet: Schon jetzt überlegen, was ich alles tun könnte, sollte für mich eine Quarantäne angeordnet werden. E-Bücher, Filme oder Sportprogramme auf den Rechner herunterladen – für den Fall, dass die Streamingdienste überfordert sind. Und wenn ich mich schon unter Quarantäne befinde, kann ich überlegen, was mir normalerweise gut tut. Vielleicht sind es kreative Betätigungen, die man auch zu Hause realisieren kann. Fotos sortieren, kochen, basteln. Oder die Chance nutzen, um die Wohnung gründlich zu reinigen – möglicherweise profitiert man auch davon.
Und was ist, wenn ich trotz aller meiner Anstrengungen einen Panikanfall erleide und nicht aus der Wohnung darf?
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar. Die Mitarbeiter sind für solche Fälle geschult. Wenn man weiß, dass man zu Panikanfällen neigt, kann man sich auch im Vorfeld mit Freunden absprechen und klären, ob man sie auch mitten in der Nacht anrufen darf. Gegen die Angst hilft es, sich innerlich vorzubereiten. Nicht nur psychologisch, sondern auch praktisch: Mit den Nachbarn die Versorgung absichern und einander Hilfe anbieten. Wer geht für wen die Milch kaufen, wer erledigt was. Es geht darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Und vielleicht Entspannungs- und Meditationsübungen bereithalten.
Viele werden in den nächsten Tagen von zu Hause aus arbeiten müssen. Dabei kann sich die fehlende Trennung zwischen Arbeits- und Entspannungsort negativ auf die Motivation auswirken. Wie kann man darauf reagieren?
Es hängt davon ab, womit man sich "aktiviert". Ich würde an dieser Stelle Sport empfehlen. Man kann ihn durchaus in der Wohnung betreiben. Das ist gut, um den Körper zu aktivieren. Entspannungsübungen oder Meditation könnten ebenfalls helfen, sich innerlich zu fokussieren.
Familien müssen während einer Quarantäne teilweise auf engem Raum tagelang zusammen leben – und zwar 24 Stunden am Tag. Wie beugt man Konflikten vor?
Indem alle gut beschäftigt sind. Ebenfalls wichtig ist eine klare Kommunikation. Im Zweifelsfall kann man Zeit für sich vereinbaren – gerade in kleineren Wohnungen. Dass man eine Zeit lang ein Zimmer für sich hat, zum Beispiel. Die Kinder können währenddessen eventuell von den anderen Familienmitgliedern unterhalten werden.
Für die Kinder ist es auch nicht leicht, den ganzen Tag zu Hause bleiben zu müssen.
Gerade für die Kinder ist Bewegung wichtig. Klare Strukturen und Tagesabläufe beizubehalten, verschafft zudem Sicherheit und reduziert den Stress. Sie einfach vor die digitalen Medien zu setzen, ohne den Geist zu fördern oder den Körper zu aktivieren, ist nur für eine begrenzte Zeit sinnvoll. Ich würde raten, dass man schaut, welche Spiele zum Toben oder Sportübungen möglich sind, sodass sie sich körperlich betätigen.
Ältere Menschen, Alleinstehende oder ausländische Studenten könnten sich ohne ihre Familie vielleicht einsam fühlen. Wie bekämpft man die Vereinsamung unter Quarantäne?
Wenn das Internet funktioniert, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich in Gruppen oder Chats online zu treffen. In den sozialen Netzwerken kann man Gruppen beitreten, kommentieren und die eigene Situation mit anderen teilen. Daraus ergibt sich nicht selten auch ein persönlicher Austausch über Mails oder Telefon.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. März 2020, 19:30 Uhr