Interview

Coronakrise: So motivieren Sie sich weiter zu vernünftigem Verhalten

Sonnenschein und seit Montag viele offene Läden – Abstand halten und Zuhause bleiben kann da schon schwerfallen. Mit diesen Tricks halten Sie die Beschränkungen durch.

Bei wolkenlosem sonnigen Himmel spazieren viele Personen am Osterdeich entlang
Schönes Frühlingswetter und die ersten Lockerungen der Maßnahmen machen es nicht leichter, sich zu beschränken und zu Hause zu bleiben. Bild: Imago | foto2press

Mit dem Einhalten des Mindestabstands haben viele Bremer so ihre Probleme – das stellen die Mitarbeiter des Ordnungsamtes immer wieder fest. Wie das Bremer Innenressort auf Anfrage von buten un binnen mitteilt, sei das vor allem an Ampeln und Haltestellen offenbar schwierig. Die vorsichtigen Lockerungen und das schöne Wetter führten bei nicht wenigen Menschen dazu, sich wieder unbeschwerter draußen zu bewegen und sich sicher zu fühlen, heißt es. Dabei könne es nur Lockerungen geben, wenn sich alle an den Mindestabstand von 1,5 Metern halten. Warum es so schwierig ist, sich einzuschränken und wie man die wegen der Corona-Pandemie getroffenen Maßnahmen dennoch durchhält, erklärt Amelie Thobaben, Psychotherapeutin und Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Bremen.

Frau Thobaben, vielen Menschen scheint es zunehmend schwer zu fallen, die Beschränkungen während der Corona-Pandemie weiter zu befolgen. Obgleich die Polizei Bremen weiterhin etwa ähnlich viele Verstöße ahndet wie noch vor mehreren Wochen, beobachten viele Bremer mehr Menschenansammlungen und Schwierigkeiten, die Mindestabstände einzuhalten. Wie kann man dieses Verhalten aus psychologischer Sicht erklären?
Es sind verschiedene Gründe denkbar und immer kommt es auf die persönliche Überzeugung eines Menschen an. Habe ich die Überzeugung, selber nicht gefährdet zu sein, dann fällt es mir schwerer, solchen Beschränkungen zu folgen. Denn sie ergeben dann für mich keinen oder wenig Sinn. Das Gleiche gilt für die Vorstellung, die Lungenkrankheit Covid-19 sei nicht gefährlich oder für die Überzeugung, dass Herdenimmunität angestrebt werden sollte. Außerdem gibt es den Mechanismus der Verdrängung, um Angst und Hilflosigkeit nicht zu erleben. Widerstand gegenüber "Autoritäten" kann ein weiterer Faktor sein – ich will einfach nicht befolgen, was andere mir vorschreiben. Schließlich kann Achtlosigkeit gegenüber den Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln auch dadurch entstehen, dass Menschen das Gefühl haben, die Situation sowieso nicht einschätzen zu können, da auch unter angesehenen Politikerinnen und Politikern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern keine Einigkeit zu bestehen scheint, welche Maßnahmen nun angebracht sind.
Kann es sein, dass wir es nur für eine bestimmte Zeit schaffen, uns stark einzuschränken, doch dann wird der Drang nach "Normalität" übermächtig? Welche Rolle spielen politische Botschaften dabei?
Um diszipliniert sein zu können, muss ich eine Entscheidung treffen und den Grund für die Entscheidung als ausreichend wichtig einschätzen. Durch die Diskussionen um Lockerungen der Corona-Maßnahmen ist das schwerer geworden. Zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen gab es eine politisch klare Botschaft, dass die Pandemie gefährlich ist und wir alles tun müssen, um die Infektion zu vermeiden. Zum Glück läuft es derzeit in den Bremer Kliniken noch so gut, dass wir noch keine Not vor Augen haben. Es wird auch immer wieder das Argument der freien Intensivbetten angebracht. Dadurch wird eine Sicherheit erzeugt, die man gerne glauben möchte. Die Nachrichten von schweren Verläufen oder lebenslangen Schäden der Lunge, von denen auch bei Nichtrisikopatientinnen und -patienten berichtet wird, können so vernachlässigt werden. Da die Datenbasis tatsächlich bei der neuen Erkrankung noch begrenzt ist, ist es natürlich auch nicht falsch, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genau das betonen. Nur entsteht dadurch ein sehr vielfältiges Bild. Aber gerade Widersprüchlichkeit und Unsicherheit auszuhalten, ist für Menschen viel schwieriger, als einer vermeintlich einfachen Wahrheit zu folgen.
Amelie Thobaben von der Psychotherapeutenkammer Bremen
Amelie Thobaben ist Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Bremen. Bild: Psychotherapeutenkammer Bremen
Was hilft aus psychologischer Sicht, um konsequent Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln einzuhalten?
Ich empfehle, eine klare Entscheidung für neue, eigene Regeln zu treffen, die bis auf weiteres Gültigkeit haben werden. Zum Beispiel: "Ich achte immer auf einen Mindestabstand von 1,5 Metern, den ich nur beim aneinander Vorbeigehen kurzfristig unterschreite. Ausnahmen von dieser Regel mache ich nur bei Personen A, E und T. In folgenden Situationen wasche ich mir die Hände... In diesen Situationen trage ich eine Maske..." Es ist viel einfacher, sich eine vorübergehend geltende neue Routine zu erarbeiten, als in jeder Situation und bei jedem Freund oder jeder Freundin neu zu entscheiden. Hilfreich kann es auch sein, Regeln mit Freunden und Freundinnen abzustimmen. Dann können zum Beispiel Spaziergänge mit Abstand für beide gut möglich sein.

Es gibt vieles, unter dem wir gerade leiden können: fehlende Kontakte, fehlende körperliche Nähe, beengte Wohnverhältnisse, eine Doppelbelastung durch Homeoffice und Kinderbetreuung und Homeschooling, finanzielle Sorgen. Das heißt, die Menschen sind gerade in sehr unterschiedlichen Situationen. Einige müssen gerade jetzt besonders viel arbeiten, andere sind in Kurzarbeit oder haben ihre Arbeit durch die Krise verloren, können ihr nicht nachgehen. Im Beispiel des fehlenden Abstandhaltens zeigen sich die Folgen des Verzichts auf körperliche Nähe, bestimmte Aktivitäten, schöne Orte.

Wir müssen andere Wege finden, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Zum Beispiel, indem wir uns neue Orte suchen, die in der Sonne auch schön sein können. Indem wir Briefe, Geschenke, Fotos, Essen, Aufmerksamkeiten austauschen, ohne uns direkt zu treffen. Indem wir bewusst und gut mit uns selbst umgehen. Indem wir Spaziergänge mit Abstand an Orten machen, wo wenige andere sind, und nicht dort, wo wir sonst gerne hingehen, an den Deich oder in den Park. Indem wir wieder telefonieren, auch an schönen Orten, Videotreffen veranstalten oder mit Abstand picknicken. Wir müssen neue, ungefährliche Kontaktformen etablieren, die uns den Verzicht auf die gewohnte Nähe erträglicher machen. Mit kreativen Alternativen zu dem, was wir gewohnt sind, lassen sich Beschränkungen auch über einen längeren Zeitraum durchhalten.

Autorin

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 22. April 2020, 23:30 Uhr