Interview

Corona-Folge: "Carearbeit muss als Wirtschaftsfaktor anerkannt werden"

"Die Familie ist die systemrelevanteste Gruppe unserer Gesellschaft", sagt die Bremer Soziologin Sonja Bastin. Doch sie werde konstant vernachlässigt. So soll sich das ändern.

Mutter arbeitet mit Labtop und betreut zeitgleich Baby
Homeoffice ist mit Kleinkind oft die wahre Notbetreuung. Bild: DPA | Christin Klose
Frau Bastin, Sie beschäftigen sich als Soziologin immer wieder mit Fragen rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zu Care-Arbeit und sozialer Ungleichheit. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das, was jetzt gerade passiert, für Sie sicher eine spannende Zeit?
Sehr! Die Krise, und wie Politik hier Prioritäten setzt, sagt viel über unser derzeitiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem aus. Ungleichheiten reproduzierende Mechanismen, die viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen seit Jahrzehnten beschreiben, werden in dieser Krise für viele nun sehr deutlich. Ich sehe hier eine Chance für Wandel. Im Umkehrschluss aber auch eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wie meinen Sie das?
Als Familiensoziologin habe ich da besonders den gesellschaftlichen Umgang mit Kindern und Eltern, insbesondere Müttern, im Blick. Bereits vor den ersten Lockerungen habe ich darüber geschrieben, dass sich gerade zeigt, wie die Leistung von Familien und Erziehern systematisch missachtet wird. Nach der Pressekonferenz am 15. April 2020 wurde dies dann großen Teilen der Elternschaft ebenfalls klar: Die regierenden Politikerinnen und Politiker sehen uns und unsere Kinder nicht. Sie glauben tatsächlich, dass die Situation für uns tragbar ist. Noch lange. Denn die Entscheidung, dass ein Großteil der unter 10-Jährigen noch Monate gar nicht oder nur stark eingeschränkt Betreuungs- und Bildungseinrichtungen besuchen darf, wurde weiterhin einfach in den leeren Raum gestellt. Ohne begleitendes Maßnahmenpaket. Ohne Hinweis darauf, dass genau daran gearbeitet wird. Dabei hätte schon Wochen vorher, ab Tag Eins der Einrichtungsschließungen, allen Verantwortlichen klar sein müssen, dass die Rechnung nicht aufgeht und Familien mit einem schier unlösbaren Problem alleingelassen werden.
 … nämlich einerseits arbeiten zu gehen, andererseits aber wieder die Kinder selbst komplett zu betreuen und zu versorgen.
Genau. Diese Unvereinbarkeit hätte die Politik von Beginn an klar kommunizieren und Eltern und deren Arbeitgeber umfangreich unterstützen müssen. Mit einem Rechtsanspruch auf institutionelle Kinderbetreuung wurde Familien suggeriert, dass ihr Lebensmodell von der Gesellschaft unterstützt wird. Dass sich Berufstätigkeit und Kinder – zumindest ansatzweise – vereinbaren lassen. Und jetzt? Ich halte das für einen nachhaltigen Vertrauensmissbrauch.
Für "systemrelevante Berufe" wurde früh eine Notbetreuung eingerichtet, die am 20.April in Bremen auf alle berufstätigen Elternpaare ausgeweitet wurde. Und auch in der Familienministerkonferenz eine Woche später wurde eine schrittweise Öffnung der Kitas beschlossen. War das das Signal, das Sie sich erhofft hatten?
Das alleine reicht nicht. Für die meisten Kinder gibt es noch sehr lange keinen Platz. Und für viele berufstätige Eltern, die beispielsweise zur Risikogruppe gehören oder von der Betreuung durch die Großeltern abhängig sind, ist die Kita-Öffnung ohnehin keine Lösung. Im Gegenteil vergrößert sich durch derartige kleinteilige Angebote noch der Druck auf die Eltern, da Arbeitgeber mehr Einsatzfähigkeit erwarten.
Und was ist mit dem Corona-Elterngeld, das von vielen gefordert wird?
Es löst nicht das Dilemma, dass das Betreuen zu Hause für Eltern – häufig den Müttern – große auch langfristige Risiken für Beruf und Rente hat. Und die Kinder nicht den wichtigen Kontakt zu anderen Kindern und Pädagogen bekommen. Mal abgesehen davon: Es ist völlig unklar, wer die notwendige Erwerbsarbeit übernehmen soll, wenn schlagartig hunderttausende Eltern mit dem Corona-Elterngeld ihren Beruf ruhen lassen würden.
Es gibt in dem bestehenden System keine leichten Lösungen. Aber erst jetzt und mit wenigen Ressourcen derart kleinteilig an das Thema heranzugehen, macht es eben unverantwortlich schwer! Das wäre so nicht passiert, wenn Familie an sich als das anerkannt wäre, was sie ist: die – auch wirtschaftlich – systemrelevanteste Gruppe unserer Gesellschaft.
Sie sprechen damit die Care-Arbeit an. Was läuft da aus Ihrer Sicht schief?
Die geht ja bislang vor allem zu Lasten von Frauen, die noch immer ein vielfaches der un- und unterbezahlten Sorgearbeit erledigen und dafür mit 50 Prozent weniger Lebenseinkommen, einer gleichermaßen geringeren Rente und geringerem politischen Einfluss bestraft werden. Dabei ist insbesondere die private Sorgearbeit das Fundament für die Gesellschaft und für die Wirtschaft! Ohne diese Sorge-Arbeit könnte niemand in ein Geschäft gehen, niemand würde eine Maschine entwickeln. Niemand würde einen Impfstoff finden. Es gibt viele Lösungen dazu, wie dieser Beitrag kompensiert und in ökonomischen Rechnungen berücksichtigt werden kann. Wäre dies bereits Realität, wären Familien von Beginn der Krise an eine viel größere Priorität beigemessen worden. Wir hätten also ein sehr viel krisenfesteres System als das bestehende. Hier zeigt sich übrigens die Parallelität zur Klimakrise: Auch hier werden Ressourcen zur individuellen Gewinnmaximierung genutzt, ohne dies zu entschädigen.
Sie sprachen eingangs davon, dass Sie in der Krise Chancen aber auch Gefahren sehen. Wie müsste die Politik aus Ihrer Sicht nun auf Familien reagieren, damit sich eine Chance für die Gesellschaft ergibt?
Die Politik muss jetzt sehr sensibel mit dem bereits erfolgten Vertrauensverlust umgehen. Da sind große, in die Zukunft gerichtete, Gesten nötig. Es muss eine glaubwürdige Einsicht erfolgen, dass der Fehler im System nun nicht mehr zu übersehen ist. Dass Care-Arbeit endlich als Wirtschaftsfaktor anerkannt werden muss, um ein gerechtes und krisenfestes System zu erhalten.

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Video vom 21. April 2020
Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen sitzen an einem Tisch und frühstücken in der Kita.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Eva Linke Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. April 2020, 7:35 Uhr