Interview

Nach Hundeboom im Lockdown quillt das Bremer Tierheim vor Welpen über

Video vom 15. Juni 2021
Ein Hund schaut neugierig durch die Gitterstäbe seines Zwingers im Bremer Tierheim
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Viele Menschen haben sich in der Pandemie Haustiere angeschafft – und werden nun nicht mit ihnen fertig. Entsprechend voll sind die Tierheime. Gerade Hunde sind betroffen.

Laut Industrieverband Heimtierbedarf lebten zu Beginn des zweiten Lockdowns, im Spätherbst 2020, rund 35 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel in Deutschland, eine Million mehr als im Vorjahr. Doch längst nicht alle Tiere haben ein gutes neues Zuhause gefunden. Gerade von den fast 11 Millionen deutschen Hunden finden sich inzwischen viele im Tierheim wieder.

Frau Schwab, viele Tierheime müssen derzeit immer mehr Tiere aufnehmen. Wie sieht es im Bremer Tierheim aus?
Bei uns ist Abgabestopp. Das Tierheim ist voll. Sowohl die Katzenstation als auch die Hundestation. Und auch bei den Kleintieren ist alles voll.
So etwa vor drei oder vier Wochen wurde es immer klarer. Wobei man fairerweise dazu sagen muss: Es handelt sich bei den Tieren nur zu einem kleinen Teil um "Corona-Rückgaben". Von den Tieren, die wir vermittelt haben, ist überhaupt keines zurückgebracht worden.
Woher kommen die Tiere denn dann?
Es gibt große Probleme mit dem Hundehandel. Es sind zuletzt sehr viele Hunde sichergestellt worden, meist Welpen oder Junghunde aus Süd- und Osteuropa. Sie sind sichergestellt worden, weil ihre Papiere nicht in Ordnung waren, weil sie beispielsweise nicht gegen Tollwut geimpft gewesen sind.
Kurzhaariger brauner Hund mit langen Ohren blickt in Kamera
Auch Cosmo, acht Monate alt, ist im Bremer Tierheim gelandet und hofft auf ein neues Zuhause. Bild: Bremer Tierschutzverein
Können Sie mal einen typischen Fall schildern, wie ein Hund in diesen Tagen ins Bremer Tierheim kommt?
Es gibt im Prinzip zwei Einreise-Wege für Hunde. Der erste führt über seriöse Tierschutzorganisationen. Die kooperieren zum Teil mit privaten Tierheimen im Ausland, beispielsweise in Polen, der Ukraine oder Rumänien. Die vermitteln dann Hunde nach Deutschland, ganz seriös: mit Vorkontrolle, mit Impfnachweisen und mit Einreise-Papieren. Das sind ganz normale Hundeadoptionen.
Und wie sieht der andere Einreise-Weg für Hunde aus?
Der führt in der Regel über Kleinanzeigen im Internet. Da werden dann Welpen, inzwischen auch zu hohen Preisen, zum Verkauf angeboten. Die kommen einfach irgendwie über die Grenze, und ihre Papiere sind meist nicht in Ordnung. Da fehlen wichtige Impfungen, dann passt der Chip vielleicht gar nicht zum Hund. Oder, wie wir es zuletzt bei einem Hund aus der Ukraine hatten: Der war den Dokumenten zufolge schon vor seiner Geburt geimpft worden. An solchen Sachen merkt man natürlich, dass etwas nicht stimmt.
Warum hat diese Praxis so stark zugenommen, dass Sie die Auswirkungen im Bremer Tierheim sehen können?
Viele Leute wollten in der Corona-Zeit auf einmal unbedingt einen Hund haben. Aber die Züchter hatten ihre Bestände schnell verkauft und auch die Tierheime waren bald relativ leer. Also haben es viele Leute über das Ausland probiert, speziell dort, wo nicht viel nachgefragt, sondern Hunde einfach verkauft werden. Die kommen dann beispielsweise aus Spanien, Italien oder Rumänien über den Online-Kleinanzeigen-Markt zu uns.
Aber wie landen diese Tiere dann im Bremer Tierheim? Bitte schildern Sie doch mal den klassischen Fall.
Viele Tierschutzorganisationen geben sich als Käufer aus. Wenn sie dann mitkriegen, dass die Hunde auf einem Parkplatz für 1.000 Euro verkauft werden, rufen sie das Veterinäramt oder die Polizei an. Dann werden die Hunde beschlagnahmt und kommen schließlich zu uns in Quarantäne. Oft wird daraus dann leider eine Dauerlösung.
Großer, hellbrauner Hund
Lebt im Bremer Tierheim: Socke, zwei Jahre alt. Bild: Bremer Tierschutzverein
Gibt es noch einen anderen typischen Verlauf?
Ja. Es gibt eine Reihe von Leuten, die sich einen Hund im zweiten Lockdown gekauft und die dann schnell festgestellt haben, dass sie mit dem Tier überfordert sind, oder dass sie doch keine Zeit für den Hund haben. Die kommen dann zu uns und geben das Tier ab.
Was für Hunde betrifft das insbesondere?
Hunde aller Rassen, überwiegend aber größere Hunde. Einen solchen Hunde-Hype wie im zweiten Lockdown habe ich noch nie erlebt. Im normalen Leben ohne Corona überlegt man sich vor dem Kauf eines Hundes, was man überhaupt für ein Tier haben möchte, ob groß oder klein, sportlich oder gemütlich. Aber weil die Züchter längst ausverkauft waren, haben die Leute im zweiten Lockdown eben irgendwas gekauft, zum Beispiel einen Rottweiler statt eines Pudels. Das funktioniert natürlich nicht! Zumal die Hundeschulen und die Hundetrainer alle geschlossen hatten.
Mit anderen Worten: Die Welpen, die nun bei Ihnen im Bremer Tierheim landen, sind meist auch noch schlecht erzogen...
Ja. Sie kommen von überforderten Haltern.
Wie sieht es mit anderen Tieren aus? Landen davon seit Corona auch immer mehr im Tierheim?
Dass wir gerade auch sehr viele Katzen bei uns haben, hat mit Corona nichts zu tun. Das ist einfach die typische Zeit. Viele Katzen haben im Mai Nachwuchs bekommen, wie jedes Jahr. Trotz Kastrationspflicht. Wir geben die Katzenbabys aber noch nicht ab! Die sind noch viel zu klein, müssen erst zehn oder zwölf Wochen alt sein.
Aber wir haben auch viele Kleintiere. Weil die Leute jetzt, da es mit Corona besser wird, keine Lust mehr haben, sich um diese Tiere zu kümmern. Leider sind ganz viele in den letzten Wochen einfach ausgesetzt worden, vor allem Kaninchen und Meerschweinchen.
Sie sagten vorhin, dass es bei Ihnen im Bremer Tierheim inzwischen einen Aufnahmestopp gebe. Was passiert mit Tieren, die nun beschlagnahmt werden?
Sicherstellungen und Fundtiere müssen wir aufnehmen. Bei Abgabetieren sieht das etwas anders aus. Wenn aber jemand einen Hund wirklich nicht halten kann, dann soll er sich natürlich trotzdem in jedem Fall an uns wenden. Dann gucken wir, ob wir jemanden finden, der den Hund adoptieren möchte, ohne ihn selbst aufzunehmen.
Ich möchte alle Bremerinnen und Bremer bitten: Bitte setzen Sie kein Tier einfach irgendwo aus! Und bitte geben Sie es auch nicht irgendwem, den sie gar nicht kennen. Es ist gerade für einen Hund schlimm genug, einfach abgegeben zu werden, nachdem er sich an ein neues Zuhause gewöhnt hatte.

Was halten Züchter und Tierheime vom Haustier-Boom wegen Corona?

Video vom 1. März 2021
Ein weißer Welpe, der im Arm gehalten wird.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Juni 2021, 19:30 Uhr