Ein Bremer Medizinstudent auf Lesbos: "Der Wind bringt die Kälte mit"

Kara Tepe ist das neu aufgebaute Lager für Geflüchtete auf Lesbos. Cemsid Kiy war als freiwilliger Helfer dort. Vor allem dass Kinder so aufwachsen, beschäftigt den jungen Mann.

Video vom 21. Dezember 2020
Der Bremer Student Cemsid Kiy beim helfen eines Flüchtlingkindes in einem Zeitlager in Lesbos.
Bild: Radio Bremen

Das Camp erstreckt sich am Fuß eines Berges – direkt am Meer. Die Aussicht ist schön, aber es ist windig. In Zelten, die laut Kiy etwa 20 Quadratmeter groß sind, leben meist zwei Familien. Ihre Bereiche sind durch eine Plane voneinander getrennt. Das Leben ist hart, denn viele Menschen hier bleiben Monate im Camp.

Nach einem Hilferuf der griechischen Behörden an die Weltgesundheitsorganisation WHO hatten sich mehrere Hilfsorganisationen gemeldet und bereit erklärt, die medizinische Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner zu übernehmen. Eine der Organisationen war der Arbeiter Samariter-Bund. Bis die griechischen Behörden die medizinischen Einrichtungen wieder selbst übernehmen können, sind dort jetzt Freiwillige im Einsatz. Für Cemsid Kiy stand die Entscheidung direkt fest. Er musste nur mit seinem Arbeitgeber klären, ob er Urlaub nehmen kann.

Unter uns Ehrenamtlichen wird gefragt, wer für den Zeitraum verfügbar ist. Für mich war die Frage, ob ich helfen möchte gar nicht relevant. Das war sofort klar.

Cemsid Kiy

Die Ordnung im Camp trügt

Für zwei Wochen war er Ende November im Lager. Er und sein Team haben vor Ort täglich zwischen 60 und 120 Menschen behandelt. Viele gesundheitliche Probleme führt der Bremer Medizinstudent auf die Lebensbedingungen der Menschen zurück: Gelenkschmerzen wegen der Kälte. Verbrühungen, weil die Menschen versuchen sich mit heißen Getränken warm zu halten. Hauterkrankungen wie Krätze, weil die hygienischen Bedingungen nicht optimal sind, denn zum Duschen stehe nur kaltes Wasser bereit. Es lebten zu viele Menschen auf engem Raum beieinander, die Krätze-Behandlung verlaufe darum oft im Sand, weil die Menschen sich immer wieder gegenseitig mit den Parasiten ansteckten.

Auf den ersten Blick wirkt das Camp sehr ordentlich. Es ist ruhig und sortiert. Aber auf den zweiten Blick sieht man zum Beispiel die Kinder und fragt sich, warum sie so ihre Kindheit verbringen müssen. Daran denke ich oft.

Cemsid Kiy

Weiterhin erschreckende Zustände

Für den Bremer, der aktuell sein praktisches Jahr im Krankenhaus Mitte absolviert, war vor allem eindrücklich, wie sich sein Bild vom Camp verändert hat. In den vergangenen Tagen erreichen den jungen Mann Nachrichten und Bilder anderer Freiwilliger, die noch vor Ort sind: Es hat viel geregnet. Teile des Camps stehen unter Wasser. Man versuche die Lage mit Drainagen in den Griff zu bekommen. Der Winter steht den Bewohnerinnen und Bewohnern aber noch bevor. Eine langfristige Lösung sollte dieses Camp nicht sein, findet Cemsid Kiy.

Jetzt ist der Medizinstudent wieder zurück in Bremen. Die Zeit in Griechenland war anstrengend, wie er erzählt. Und trotzdem wolle er auch in Zukunft immer wieder für Auslandseinsätze bereitstehen. Für die Menschen vor Ort hofft er auf eine politische Lösung. Er wünscht sich eine dezentrale Unterbringung und dass auch andere Staaten Europas Verantwortung übernehmen.

Rückblick: Wie soll Bremen auf die Lage auf Lesbos reagieren?

Video vom 16. September 2020
Bremes Politker bei einer Tagung in der Bremer Bürgerschaft.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Johanne Bischoff

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Dezember 2020, 19:30 Uhr