Wie diese Reederin den Bremer Schiffbau revolutionierte

Bildnis Anna Lange im Bremer Focke-Museum

Die Reederin Anna Lange aus Vegesack

Bild: Gemeinfrei

Die Werftbetreiberin und Reederin Anna Lange revolutionierte den Bremer Schiffbau. Sie lebte und arbeitete im 19. Jahrhundert in Vegesack – und das ausgesprochen erfolgreich.

Porträt Schiffbauer Johann Lange
Johann Lange, der Ehemann von Anna Lange. Bild: Gemeinfrei

Anna Lange stammt aus einer Schiffbauerfamilie in St. Magnus bei Bremen. Es sind die 1780er-Jahre: Das Mädchen erlebt, wie Boote entstehen, hört die Fachbegriffe, die sich die Handwerker zurufen, kennt jedes Schiffsteil beim Namen. Und das scheint ihr zu gefallen, denn sie bleibt dem Metier treu: 1803 heiratet sie den Schiffsbaumeisterknecht Johann Lange, der bald darauf in Vegesack eine neue Werft gründet. Die betreibt er – ebenso wie eine dazugehörige Reederei – mit seiner Frau gemeinsam. Anna ist klug, kaufmännisch begabt und in unternehmerischen Dingen eine wichtige Partnerin für ihren Mann, sagt die Bremer Kulturwissenschaftlerin Christine Holzner-Rabe. Sie hat zu Anna Lange geforscht und weiß, dass die Vegesackerin mit ihrem Mann auf Augenhöhe war.

Ich hab Dokumente gefunden, da verkauft sie eigene Grundstücke, sie verkauft eigene Schiffe. Sie war selbst geschäftsfähig. Das ist bemerkenswert.

Kulturwissenschaftlerin Christine Holzner-Rabe
Gemöde: Werft Johann Lange im Jahre 1837
Die Werft der Langes im Jahr 1847. Bild: Gemeinfrei

Ebenso bemerkenswert: Neben ihrer Arbeit als Werftbetreiberin und Reederin bringt Anna Lange zwölf Kinder zur Welt. Während sie gleichzeitig als Unternehmerin etwas wagt: Anna ermutigt ihren Mann zu immer neuen Schiffbauten: 1817 läuft deshalb auf ihrer Werft das erste deutsche Dampfschiff namens "Weser" vom Stapel.

Briefmarke Deutsche Post 200 Jahre Dampfschiff
"Weser" war das erste deutsche Dampfschiff. Bild: Imago | Schöning

Die Werft floriert und ist in den 1840er-Jahren eine der größten im Bremer Raum. 1844 stirbt ihr Mann Johann Lange an einem Herzinfarkt. Die Leitung geht daraufhin zwar rein rechtlich an ihre Söhne, doch Anna ist weiterhin federführend an allen Entscheidungen beteiligt, die mit der Werft zu tun haben. Sie hat ein Faible für Technik. Weil sie außerdem risikofreudig ist, lässt sie als eine der ersten Schiffe aus Eisen bauen.

Der Schiffbau war seit 3.000 Jahren mit Holz üblich. Und dann fängt diese Frau an, aus Eisen Schiffe zu bauen.

Kulturwissenschaftlerin Christine Holzner-Rabe

Aufträge von anderen Reedern bekommt sie dafür nicht – keiner traut ihrer Idee. Aber ihre Eisenschiffe sind auf der Weser gefahren. Als Teil einer ganzen Flotte von Lange-Schiffen: Die transportieren nicht nur viele Auswanderer nach Bremerhaven, sie sind auch beliebte Ausflugsdampfer.

Gemälde: Vegesack 1847
Vegesack im Jahr 1847. Bild: Gemeinfrei

H.H. Meyer, der Besitzer des Norddeutschen Lloyd, sucht Anna Lange deshalb einmal auf, um Preisabsprachen mit ihr zu treffen. Sie solle doch bitte ihre Fahrkarten teurer machen. Aber darauf lässt sich die resolute Geschäftsfrau nicht ein.

Sie sagte ihm: Wenn es ihr beliebe, dann könne sie sogar die Personen kostenlos befördern. Sie lässt sich überhaupt nicht reinreden.

Kulturwissenschaftlerin Christine Holzner-Rabe

Ein Charakterzug, für den Anna Lange weit über Vegesack hinaus bekannt wird – genau wie für ihren Humor und ihr unternehmerisches Genie. 1867 stirbt sie im Alter von 82 Jahren. Als eine von den Frauen, ".... die durch Fantasie, durch Tatendrang, durch Mut und Risikobereitschaft ihr Leben meistern konnten und dadurch einen Platz in der Bremer Geschichtsschreibung haben müssen", so Kulturwissenschaftlerin Christine Holzner-Rabe.

Autorin

  • Kerstin Burlage Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 17. Dezember 2022, 13:40 Uhr