Hintergrund

Fischtown für immer? So hat sich Bremerhavens Fischindustrie gewandelt

Fischverarbeitung bei Frosta in Bremerhaven (Archivbild)
Fischverarbeitung bei Frosta: Schon seit Anfang der 1970er Jahre fischt das Unternehmen nicht mehr selbst. Bild: DPA | Ingo Wagner

Fisch und Bremerhaven, das passt – obwohl die Fischerei kaum noch eine Rolle spielt. Warum das so ist und wer Bremerhavens Fischindustrie kontrolliert, verraten wir hier.

Der Bremerhavener Fischereihafen hat sich in den vergangenen gut 125 Jahren stark gewandelt. Vom Boom der frühen Jahre sind viele Gewerbezweige so gut wie verschwunden – allem voran die Hochseefischer. Und doch brummt das Geschäft. Was sich verändert hat und wie Bremerhavens Fisch- und Lebensmittelindustrie heute aufgestellt ist, erklären wir hier.

1 Fischereihafen: Erst "I", dann "II", dann Touristen-Magnet

Warum komplizierte Namen erfinden, wenn es auch einfach geht? Dieses Prinzip funktioniert in Bremerhaven bestens. Denn dort gibt es schlicht den "Fischereihafen I" und den "Fischereihafen II". Der erste von beiden wurde im November 1896 feierlich eröffnet. Er war Bremerhavens Antwort auf die Entwicklung der Hochseefischerei per Dampfschiff und die hohe Nachfrage nach Fisch im deutschen Binnenland. Es war ein Spezialhafen, in dem erstens die Schiffe der Hochseefischer entladen wurden, zweitens Firmen vor Ort die Verarbeitung übernahmen und drittens die frischen Waren per Zug in deutsche Städte gebracht werden konnten.

Ehemalige Fischpackhalle IV am Schaufenster Fischreihafen in Bremerhaven (Archivbild)
Die ehemalige Packhalle IV am alten Fischereihafen I wurde Anfang der 1990er für Touristen geöffnet. Bild: DPA | Torsten Krüger

Was folgte, war rasantes Wachstum. Es wurde ausgebaut, angebaut und modernisiert. Um unabhängig von Ebbe und Flut zu sein, vollendeten die Bremerhavener 1925 eine erste Doppelschleuse – und schufen in einem Seitenarm der Weser, den sie abtrennten, den Fischereihafen II für moderne Fischdampfer. Die parallel zum Kai verlaufende Auktions- und Packhalle X war fast 400 Meter lang. Der neue Hafen war die Voraussetzung für den Fischerei-Boom der Seestadt, der sich bis in die 1960er Jahre fortsetzen sollte.

An den Fischereihafen I hingegen erinnert heute noch das "Schaufenster Fischereihafen", das seit Anfang der 1990er Jahre Touristen Einblicke in die Fischwirtschaft im alten Hafen gewährt. Das Gelände rund um die 1907 errichtete Packhalle IV zieht inzwischen rund eine halbe Million Besucher im Jahr an.

2 Hochseefischerei: Wie Bremerhaven seine Hochseeflotte verlor

Mit der Schaffung des Fischereihafens I und dem Ausbau der deutschen Hochseeflotte wurden schon um die Jahrhundertwende die Fanggründe in der Nordsee knapp. So begannen die Hochseefischer aus Bremerhaven ab 1905 damit, ihre Netze auch vor Island auszuwerfen. Schnell wurden die Fanggründe weiter in den Atlantik und bis in die 1920er Jahre sogar bis vor die Küste Marokkos ausgeweitet, auch nördlich von Norwegen und um Grönland wurde gefischt. Auch dank neuer Fangtechniken boomte das Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre.

Als Museumsschiff liegt der letzte noch existierende Seitenfänger aus den Zeiten der deutschen Hochseefischerei "Gera" im Hafen des Schaufensters Fischereihafen in Bremerhaven. (Archivbild)
Das Museumsschiff "FMS Gera" erinnert an die große Zeit der deutschen Hochseefischerei. Bild: DPA | Ingo Wagner

Dann jedoch folgte die Krise. Ausgelöst wurde sie durch mehrere Ereignisse: Angesichts drohender Überfischung entschieden in den 1970er Jahren mehrere Länder wie Island, in deren Gebieten bislang gefischt wurde, ihre Hoheitsgewässer auszuweiten. Erst um wenige Meilen, später dann auf bis zu 200 Meilen, das sind gut 370 Kilometer. Parallel legte die damalige Europäische Gemeinschaft Fangquoten fest. Das Ergebnis: Der deutschen Hochseefischereiflotte fehlten die Fanggründe. Sie war zu groß und musste verkleinert werden.

Die heutige Frosta AG gab die eigene Hochseeflotte bereits 1970 ab. Andere Unternehmen folgten. 1986 wurde die verbliebene Deutsche Hochseefischerei schließlich zur Deutschen Fischfangunion in Cuxhaven zusammengelegt. Deren Anteile wurden dann nach und nach vom isländischen Fischereiunternehmen Samherji übernommen.

In Bremerhaven erinnert heute das Museumsschiff "FMS Gera", der letzte noch erhaltene deutsche Seitentrawler, an die große Vergangenheit der Hochseefischerei. Der Rest der deutschen Hochseefischereiflotte ist auf sieben Schiffe geschrumpft. In Bremerhavens Fischereihafen ist die Doggerbank Seefischerei GmbH die einzige Reederei, die ihre Heringe und Makrelen alle paar Wochen noch direkt vom Trawler, der "Jan Maria", löscht. Fast der gesamte in der Seestadt verarbeitete Fisch wird inzwischen hingegen tiefgekühlt per Container aus aller Welt angeliefert.

Die Geschichte der Hochseefischerei in Bremerhaven

Bild: Radio Bremen

3 Wer zu wem? Diese Konzerne kontrollieren Bremerhavens Fischindustrie

Bei der Fischverarbeitung zählt Bremerhaven bis heute zu den größten Standorten Europas. Rund 4.000 Menschen arbeiten in der Fisch- und Lebensmittelwirtschaft. Zum Vergleich: In den Anfangsjahren bestand Bremerhavens Fischindustrie der Fischereihafen-Betriebsgesellschaft zufolge noch aus elf Reedereien mit 39 Fischdampfern und 26 Fischgroßhandlungen.

Zwar gibt es noch immer kleine Familienbetriebe. Inzwischen ist das Geschäft aber von meist ausländisch kontrollierten Branchenriesen wie Deutsche See oder dem Fischstäbchen-Hersteller Frozen Fish International geprägt.

Deutsche See-Fischmanufaktur (Archivbild)
Die Deutsche See GmbH gehört seit 2018 zum niederländischen Konzern Parlevliet. Bild: DPA | Fotostand/K. Schmitt

So gehört die Deutsche See GmbH, die allein in Bremerhaven rund 600 Mitarbeiter beschäftigt und dort Speisefisch und Meeresfrüchte verarbeitet, seit 2018 zum niederländischen Fischerei-Imperium Parlevliet, das auch die Bremerhavener Doggerbank Seefischerei GmbH mit ihren gut 50 Mitarbeitern kontrolliert. Parleviet übernahm 2009 auch das damals letzte in deutscher Hand befindliche Hochseefischereiunternehmen, die Bremerhavener Ocean Food GmbH.

Frozen Fish International mit der Marke "Iglo" gehörte hingegen Jahrzehnte lang zum niederländischen Konsumgüterkonzern Unilever. Der verkaufte seine europäischen Tiefkühlmarken 2006 allerdings an die Beteiligungsgesellschaft Permira. Permira wiederum verkaufte Iglo und Co. 2015 an die amerikanische Investorengruppe Nomad Food Limited. Die inzwischen durch weitere Übernahmen zum Lebensmittelkonzern gewachsene Gesellschaft hat ihren Sitz auf den steuergünstigen Britischen Jungferninseln in der Karibik. Für Frozen Food International arbeiten derzeit rund 800 Mitarbeiter in Bremerhaven. Fischstäbchen sind nach wie vor das wichtigste Produkt. 2021 wurden rund 60.000 Tonnen produziert – aneinander gelegt würden sie rund fünfeinhalb Mal um den Erdball reichen.

Alles auf Nachhaltigkeit: Bremer Fischmesse mit neuen Ansätzen

Bild: DPA | Florian Schuh

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. September 2022, 19.30 Uhr