Interview

Corona-Maßnahmen in Bremen lockern? "Ist richtig, aber nicht jetzt!"

Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, spricht in seinem Büro

Epidemiologe im Interview: Wann kann Bremen die Corona-Regeln lockern?

Bild: DPA | Sina Schuldt

Einige Bundesländer weichen Corona-Beschränkungen auf und verzichten auf die Quarantänepflicht. Bremen bleibt dagegen vorsichtig. Richtig so, meint Epidemiologe Hajo Zeeb.

Wer in diesen Tagen einkaufen geht oder sich einen Kinobesuch gönnt, könnte den Eindruck bekommen, dass sich das Thema Corona komplett erledigt hat. Einige Bundesländer haben schon angekündigt, künftig auf eine Quarantäne von Infizierten verzichten zu wollen. Die Bundes-FDP fordert gar die Abschaffung aller Corona-Maßnahmen. Darüber hat Bremen Eins mit dem Epidemiologen Hajo Zeeb von der Uni Bremen gesprochen.

Alle Schutzmaßnahmen sollten abgeschafft werden – was halten Sie von dieser Forderung der FDP?
Ich halte sie für richtig, aber nicht jetzt. Mir persönlich wäre es lieber, wenn wir nach diesem Winter darüber sprechen würden, inwieweit man auf alles verzichten kann. Wir haben zwar aktuell niedrigere Zahlen, aber diese sind recht schwer einzuschätzen. Und ich denke, jeder von uns kennt Personen, die momentan an Corona erkrankt sind. Dass die Pandemie vorbei ist, ist sicherlich ein Mythos.
Es gibt auch noch viele Ungeimpfte. Etwa 20 Prozent sind entweder gar nicht oder nur unvollständig geimpft. Diese Personen kann es doch noch immer hart und schwer erwischen, oder?
Das ist richtig. Viele von denen hat es aber auch schon getroffen. Die Menschen weisen Antikörper auf und hatten also schon Infektionen, darunter eben auch viele Ungeimpfte. Manch einer von ihnen mag glauben, wenn man schon ein, zwei Mal infiziert war, hat man eine gewisse Immunität. Das stimmt auch, aber die ist nicht so gut wie nach einer Impfung. Und klar ist auch: Oft waren das auch sehr schwere Verläufe.
Momentan erleben wir eine heftige Grippewelle. Viele Erwachsene und Kinder erwischt es sogar stärker als eine Corona-Infektion. Woran liegt das?
Das hat sicherlich damit zu tun, dass wir uns vor Corona sehr effektiv geschützt haben. Früher hatte man üblicherweise immer eine gewisse Grundimmunität aufgebaut. Aber das haben wir eben in den vergangenen Jahren nicht und die fehlt nun. Und schon gar nicht ist sie ist auf das jetzige Influenza-Virus ausgerichtet. So kommt es, dass gerade Kinder und Erwachsene wieder vermehrt Atemwegsinfektionen haben – und das mit einer erheblichen Schwere. Das kommt jetzt also zusammen und man muss es gemeinsam betrachten.
Was würden Sie denn der Politik raten? Wie soll sich Bremens Politik verhalten, wenn andere Bundesländer nun die Maßnahmen nach und nach einkassieren?
Bremen hat es ja in vielerlei Hinsicht recht gut gemacht. Zum Teil war es hier ja liberaler, in den Schulen zum Beispiel, als in manchen anderen Bundesländern. Man ist einen guten Kurs gefahren, der eine klare Schutzkomponente hatte. Diesen Kurs sollte man beibehalten und auf die Probleme achten. Also da plädiere ich dafür, sich lieber den Winter anzuschauen und vorsichtig und handlungsbereit zu bleiben. Im nächsten Jahr kann man dann effektiv eine Lockerung oder die komplette Beseitigung aller Einschränkungen eingehen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 18. November 2022, 7:35 Uhr