Interview

Violinist Luts: "Die Musik ist für mich ein moralisches Heilmittel"

Violinist Bohdan Luts
Bild: Bohdan Luts

Bohdan Luts aus Lwiw in der Ukraine ist erst 17-Jahre alt, hat aber schon zahlreiche internationale Musikwettbewerbe gewonnen. Nun wird er mit dem "Deutschlandfunk Förderpreis" des Bremer Musikfestivals ausgezeichnet.

Bohdan macht seit neun Jahren Musik. Derzeit ist er Student an der "Menuhin International Music Academy" in der Schweiz. Im Interview spricht er über seine Gefühle nach Gewinnen des Wettbewerbs, seine Gedanken über den Krieg in der Heimat und seine Pläne für die Zukunft.

Herr Bohdan, Sie werden im Bremer Rathaus mit dem Förderpreis des Deutschlandfunks für hochbegabte Nachwuchskünstler ausgezeichnet. Wie fühlt sich das an?
Ich werde nicht nur den Preis erhalten, sondern auch auftreten. Ich kann es kaum erwarten und freue mich auf diesen Auftritt. Ich möchte wieder auf der Bühne stehen und spielen. Natürlich freue ich mich auch auf den Preis. Der ist interessant und spannend für mich. Aber die musikalische Leistung steht immer im Vordergrund.
Der Preis ist ein weiterer Schritt nach deinem Sieg beim Internationalen Carl-Nielsen-Wettbewerb in Odense, Dänemark. Dieser Wettbewerb fand einen Monat nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine statt. Welche Gefühle hattest du, als du auf die Bühne gegangen bist, um zu spielen?
Es war ein anspruchsvoller Wettbewerb. Wir haben sechs Tage hintereinander gespielt, jeden Tag ein neues Programm. Drei von 20 Teilnehmern erreichten einen Preis im Finale. Meine Gegner waren sehr stark. Die Gedanken an die Ukraine haben mir in einem schwierigen Moment geholfen, mich zusammenzureißen. Sie haben den Patriotismus in mir geweckt, den ich zwar schon immer gefühlt habe, aber dessen Möglichkeiten ich mir nie bewusst war. Das hat mich motiviert. In diesem Moment wollte ich mein Land so gut wie möglich vertreten.
Violinist Bohdan Luts bei einer Siegerehrung mit anderen Musikern (Archivbild)
Bohdan erreichte den ersten Platz beim Carl-Nielsen Wettbewerb in Dänemark. Bild: Bohdan Luts
Der Preis für den Gewinn des Carl-Nielsen-Wettbewerbs ist ein Auftritt bei den Bremer Festspielen im Sommer 2023 und eine Studioaufnahme beim Deutschlandfunk. Was hat dich besonders gefreut?
Ich widme meinen Sieg beim Wettbewerb der Ukraine, allen Soldaten, die Kinder, Ehemänner und Ehefrauen verloren haben oder gestorben sind. Sie haben ihr Leben für den Sieg des Landes geopfert. Diese Auszeichnung ist sehr wichtig für mich. Ich habe mich sehr über die Zusammenarbeit mit der Organisation Nordic Artists Foundation gefreut. Zu den Preisen gehörte auch ein Geldpreis in Höhe von 12.000 Dollar. Die Hälfte des Preises habe ich meiner Schwester gegeben. Bei dem Rest des Geldes weiß ich noch nicht genau, wofür ich es ausgeben möchte. Ich werde viel für die Streitkräfte der Ukraine spenden und rate jedem, dies auch zu tun. Ich denke, diese Gelder werden der Armee sehr behilflich sein. Außerdem habe ich beim Sieg einen Geigenstock geschenkt bekommen und habe jetzt die Ehre, damit zu spielen. Er ist aus perfektem Holz gemacht und die Form ist toll. Ich hatte noch nie einen solchen Geigenstock. Man kann auch eine Menge von ihm lernen. Und natürlich freue ich mich schon auf die Auftritte beim Bremer Festival im Sommer 2023 und die Studioaufnahme. Die Auftritte sind das Wichtigste für mich!
Welche Bedeutung hat Musik für Sie? Besonders in Zeiten, in denen im eigenen Land Krieg herrscht und die Gedanken dorthin gerichtet sind.
In den ersten Wochen des Krieges konnte ich nicht denken, nicht reden, nicht spielen. Ich habe nur noch Nachrichten geschaut. Aber jetzt ist die Musik für mich ein moralisches Heilmittel. Sie hilft mir, Frieden zu finden, mit meinem Leben weiterzumachen und meine Fähigkeiten zu verbessern. Musik gibt mir die Zuversicht, dass alles gut werden wird. Sie ist die beste Quelle für Gefühle, die sich im Leben widerspiegeln. Ein Musiker sollte in der Lage sein, mit Musik zu sprechen. Und das versuche ich zu lernen. Musik ermöglicht es den Menschen, sie selbst zu sein und ihre tiefsten Gefühle auszudrücken.
Sie leben und studieren nun schon das dritte Jahr in der Schweiz. Haben Sie noch Verwandte in der Ukraine, in Lviv?
Meine Mutter und meine Schwester wurden am 20. März in die Schweiz evakuiert. Jetzt sind sie in meiner Nähe und ich bin sehr froh darüber. Aber wenn es sicher ist, wenn der Krieg vorbei ist, wollen sie nach Hause zurückkehren. Natürlich liebe ich die Schweiz und die Menschen um mich herum, aber manchmal möchte ich nach Hause. Ich sehe Fotos von Lemberg und kann es kaum erwarten, zurückzukehren und meine Bekannten, meine Freunde, die mir so bekannten Straßen zu sehen. Das letzte Mal war ich im Januar, zu Weihnachten, in Lviv. Eigentlich fahre ich alle zwei Monate nach Hause, daher hatte ich für den 14. April Tickets nach Lemberg gekauft, doch dann begann der Krieg.
Violinist Bohdan Luts bei einer Siegerehrung mit anderen Musikern (Archivbild)
Violinist Bohdan Luts bei einer Siegerehrung mit anderen Musikern. (Archivbild) Bild: Bohdan Luts
Hat der Krieg dein Repertoire oder deine Wahrnehmung von Musik verändert? Spielst du die Werke russischer Komponisten?
Es gab viele Konflikte um die Musik russischer Komponisten. Das ist ein sehr schwieriges Thema und ich kann die verschiedenen Seiten verstehen. Aber in Kriegszeiten ist es nicht sehr loyal, russische Kompositionen zu spielen und russische Musik zu vermarkten. Wenn so etwas wie in Olenivka oder Bucha passiert und Ukrainer ausgelöscht werden, ist es für mich überraschend, dass andere Leute weiterhin russische Werke auf der Bühne spielen.

Ich verstehe, wenn Leute russische Stücke zu Hause zum Üben spielen. Nach Beginn des Krieges habe auch ich einige Werke gespielt, jedoch nur für meine musikalische Weiterentwicklung. Aber ich würde mich nicht mehr trauen, russische Kompositionen auf der Bühne zu spielen, das wäre beschämend.
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Ich möchte ein echter Profimusiker werden, so wie sie es vor 50, 60 Jahren waren. Außerdem möchte ich lernen, durch Musik zu sprechen. Ich denke, dass sich in den nächsten zwei Jahren nicht viel in meinem Leben ändern wird, ich werde studieren.
Was ist Ihr größter Traum im Moment?
Ich habe zwei große Träume. Der erste ist, beim Elisabeth-Wettbewerb in Belgien aufzutreten (Königin-Elisabeth-Violinenwettbewerb), der in ein paar Jahren stattfinden wird. Der Preis für den ersten Platz wird von Königin Elisabeth selbst verliehen. Dies ist ein bedeutendes Ereignis für jeden Musiker.

Und der zweite ist, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Ich hätte nie gedacht, dass ein Krieg beginnen würde und kann nicht glauben, dass er nun schon seit sechs Monaten andauert. Das sind meine wichtigsten Träume und Wünsche.

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