Fragen & Antworten

6 Monate Krieg: Ukrainer in Bremen zwischen Sicherheit und Sorge

Ukrainische Flüchtlinge im Märt 2022 mit Gepäck an einem Bahnhof in Deutschland (Archivbild)
Bild: DPA | Jan Woitas

Heute ist der ukrainische Unabhängigkeitstag – und seit einem halben Jahr tobt Krieg in dem Land. Was für Auswirkungen hat das auf Bremen? Und wie geht es den Menschen hier?

Mit Beginn des Krieges sind zahlreiche Menschen aus der Ukraine nach Bremen geflohen. Wir haben mit fünf von ihnen gesprochen und sie gefragt, wie es ihnen in Bremen geht. Doch nicht nur auf die Menschen, die hierherkommen, ist die Situation herausfordernd.

Wie viele Menschen aus der Ukraine leben aktuell in Bremen?
Das ist laut Bernd Schneider schwer zu sagen. Schneider ist Sprecher bei der Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport. Bereits vor Kriegsausbruch habe es eine vierstellige Zahl an Ukrainern und Ukrainerinnen in Bremen gegeben. Seit dem 24. Februar sind 8.220 Menschen aus der Ukraine im Bundesland Bremen angekommen und aufgenommen worden. (Stand: 4.8.)
Wie viele davon sind Schüler oder Schülerinnen?
Rund 1.250 ukrainische Kinder sind laut Aussage des Bildungsressorts derzeit für einen Schulbesuch in allgemeinbindenden Schulen angemeldet, 1.056 besuchen bereits eine Schule in Bremen. 331 davon werden an den Willkommensstandorten Ohlenhof und Stresemannstraße unterrichtet.

Doch vermutlich wird es bei der Zahl an Schülern und Schülerinnen nicht bleiben. "Wir gehen davon aus, dass 2.500 bis 3.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter nach Bremen kommen werden", teilt das Bildungsressort gegenüber buten un binnen dazu mit.
Wie geht es den Menschen aus der Ukraine nach sechs Monaten Krieg?
Victoria Tkachuk ist 19 Jahre alt und Studentin. Sie kommt aus der Stadt Radomyshl und lebt seit März in Bremen. Hier arbeitet sie aktuell mit ukrainischen Kindern. In der Ukraine stand sie kurz vor ihrem Klavierlehrerdiplom. Sie ist professionelle Pianistin.

Ich hätte nie gedacht, dass ich die Ukraine so sehr vermissen würde. Vor dem Krieg wollte ich mein Studium beenden und in Europa arbeiten, aber jetzt ist mir klar, dass ich das nicht will. Ich möchte nach Hause gehen.

Victoria Tkachuk, 19 Jahre alt aus Radomyshl

Die 19-Jährige plant zwei Jahre hier zu bleiben, Deutsch zu lernen und möchte dann in die Ukraine zurückkehren und eine zweite Ausbildung machen. "Ich möchte ins Hotel- und Gaststättengewerbe einsteigen und beim Wiederaufbau der Ukraine helfen", sagt Tkachuk.

Natalia Kozina ist 42 Jahre alt und aus Zhytomyr. Sie floh direkt am 27. Februar nach Bremen, weil sie hier Verwandte hat. Aktuell ist die gelernte Hotelkauffrau arbeitslos und lernt Deutsch. "Ich fühle mich sicher in Bremen", sagt sie. Aber auch: "Ich bin nur meinem Kind zuliebe gegangen, meine Tochter ist acht Jahre alt."

Auch Oksana Bila aus Poltawa fühlt sich in Bremen sicher. Aber für sie bleibt das Gefühl eines Schocks: "Ich kann es gar nicht fassen, ich kann es nicht glauben. Als alles anfing, war es eine unglaubliche Angst, wir waren in der Ukraine und wussten nicht, was morgen passieren würde. [...] Wir lesen jeden Tag die Nachrichten und machen uns Sorgen."

Wie viele Ukrainer und Ukrainerinnen arbeiten aktuell in Bremen?
Statistisch ist diese Frage noch nicht zu beantworten, teilt die Agentur für Arbeit mit. Die Ursache dafür liegt einerseits in der Tatsache, dass für eine Arbeitsaufnahme keine Arbeitserlaubnis erforderlich ist und auch keine vorherige Erfassung der Einreise bei der Arbeitsagentur, beziehungsweise beim Jobcenter erforderlich war, erklärt Jörg Nowag von der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Es ist also durchauch möglich, dass Menschen in Bremen anfangen zu arbeiten, ohne, dass sie der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter Bescheid geben mussten.

Allerdings erhalten Geflüchtete aus der Ukraine seit dem 1. Juni Leistungen aus er Grundsicherung und nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Dementsprechend werden sie jetzt systematisch im Jobcenter erfasst und auch von Arbeitsvermittlern betreut. Künftig wird es also auch möglich sein, Aussagen über beschäftigte Ukrainer zu treffen, sagt Nowak. Allerdings entstehen diese Daten im Rahmen der Beschäftigtenstatistik und wegen der Anmeldefristen von Arbeitgebern für neue Mitarbeiter zur Sozialversicherung und der erforderlichen Weiterverarbeitung, haben diese Daten einen Zeitverzug von sechs Monaten und liegen noch nicht vor.
Wie sehen ukrainische Geflüchtete ihre Zukunft in Bremen?
Viele der Frauen, die mit ihren Kindern aus der Ukraine geflohen sind, sehen ihre Zukunft nur vorübergehend in Bremen. So geht es auch Tatiana Nazarova. Sie ist 48 Jahre alt und kommt aus der Stadt Pokrovsk in der Region Donezk. "Meine Aufgabe ist es jetzt, das Leben meines Sohnes zu organisieren, er ist meine Zukunft. Ich habe alles für ihn getan, was ich tun konnte, ich habe ihn aus dem Kriegsgebiet herausgeholt", sagt sie. Sie selbst ist Nordic-Walking-Trainerin und nimmt aktiv an Wettkämpfen teil. Im Juni fuhr sie von Bremen aus nach Polen zur Nordic-Walking-Weltmeisterschaft, vertrat die Ukraine und belegte den achten Platz.

Im Gegensatz zu vielen älteren, sehen einige jüngere Ukrainer ihre Zukunft auch langfristiger in Bremen. Einer von ihnen ist Daniil Katagorov. Er ist 15 Jahre alt und kommt aus Kiew: "Wahrscheinlich werde ich erst einmal in Deutschland bleiben, um zu studieren. Ich gehe hier in Bremen in die 10. Klasse in der Schule. Und dann suche ich mir einen Job und arbeite. Ich möchte in der Immobilienbranche arbeiten oder Autos verkaufen", erzählt er. Bremen würde gute Möglichkeiten eines dualen Studiums bieten.

Seit meiner Kindheit habe ich davon geträumt, in Europa zu leben, und das ist leider unter diesen Umständen eine Chance für mich.

Daniil Katagorov, 15 Jahre alt, Schüler aus Kiew
Wie ist die Wohnsituation der Geflüchteten?
Da kann das Sozialressort nur für die Stadt Bremen Zahlen liefern. Hier sind 6.001 Menschen aufgenommen worden, rund 1.450 von ihnen sind in den Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. 4.550 haben eine private Unterkunft. Das heißt, sie sind entweder in einer eigenen Wohnung oder bei Freunden, Bekannten oder Verwandten untergekommen.
Wie viele Geflüchtete aus der Ukraine leben noch in Notunterkünften?
Laut Schneider leben in den Notunterkünften nicht nur Menschen aus der Ukraine, sondern auch Menschen aus anderen Herkunftsländern. Insgesamt wohnen aktuell etwa 1.400 Menschen in den Großzelten oder in der Messehalle 7. "Eine getrennte Darstellung nach Nationalitäten ist leider nicht möglich", sagt Schneider.
Wie viele Menschen kommen aktuell täglich aus der Ukraine in Bremen an?
Nachdem Mitte März an einzelnen Tagen bis zu 180 Personen am Tag aufgenommen worden sind, ist die Zahl seit Ende März nie mehr dreistellig gewesen, teilt Schneider mit. "Zum Monatsanfang registrieren wir täglich rund 30 bis 40 neu ankommende Personen", sagt er.
Ist bekannt, wie viele Menschen bereits aus Bremen zurück in die Ukraine gegangen sind?
Darauf kann Bernd Schneider keine Antwort geben. Es ist unklar, wie viele Menschen, die zwischenzeitlich im Land Bremen untergekommen sind, schon wieder zurück in ihre alte Heimat gegangen sind.
Und wann glauben die Menschen aus der Ukraine, wird der Krieg vorbei sein?
Die meisten glauben nicht, dass der Krieg schnell vorbei gehen wird. Die 19-jährige Tkachuk geht davon aus, dass sich in den nächsten anderthalb Jahren nicht viel ändern wird. "Es wird ein langwieriger Krieg", sagt sie.

Auch der 15-jährige Katagorov denkt, dass der Krieg mindestens bis Ende des nächsten Jahres, also 2023 geht. Im besten Fall ist er dann beendet." Ich hoffe, dass die Ukraine gewinnt und ihre unrechtmäßig beschlagnahmten Gebiete zurückerhält", sagt er. Die ersten drei Jahre nach dem Krieg werde die Ukraine seiner Meinung nach vor allem mit dem Wiederaufbau beschäftigt sein. Doch er hat auch Hoffnung für das Land.

Jetzt kennt die Welt die Ukraine, und ich glaube, dass wir uns nach dem Sieg schneller entwickeln und in die Ukraine investiert wird.

Daniil Katagorov, 15 Jahre alt, Schüler aus Kiew

Auszeit vom Krieg: Ukrainische Soldaten auf Familienurlaub in Bremen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 24. August 2022, 6:20 Uhr