Interview

15 Jahre "Balu und Du" in Bremen: "Das Kind hat mein Leben verändert"

"Balu und Du": Dieses Hilfsprojekt lässt Freundschaften entstehen

Bild: dpa | Westend61/Jo Kirchherr

Das Projekt hat in den letzten 15 Jahren 440 Kinder und 440 junge Erwachsenen zusammengeführt. Viele Freundschaften sind entstanden – aber jetzt steht es vor Herausforderungen.

Zora hat eine neue Freundin, die ist viel älter. Seit gut einem Monat trifft sich die Neunjährige einmal in der Woche mit der 17-jährigen Malin Lehmhus. Die beiden sind ein Mogli- und Balu-Tandem: Zora ist Mogli, Malin ihr Balu, also ihre Mentorin. Das Projekt "Balu und Du" der Bremer Freiwilligenagentur hilft Kindern, die ein Päckchen zu tragen haben.

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30 ehrenamtliche Mentoren engagieren sich aktuell im Bremer Balu und Du-Projekt, erklärt Leiterin Claudia Fantz. Bild: Radio Bremen

Insgesamt 440 Tandem-Paare hat Leiterin Claudia Fantz in den letzten 15 Jahren des Projektes zusammengebracht. Die Ehrenamtlichen begleiten ihre Schützlinge ein Jahr lang durchs Leben und schenken ihnen einmal die Woche Zeit.

Vor was für Problemen das Bremer Projekt steht, was für Erfolge, Ideen und Ziele dahinter stehen, verrät Fantz im Interview mit buten un binnen.

Was ist die Idee hinter dem Projekt "Balu und Du"?

Die Idee ist, dass junge Erwachsene zwischen 17 und 30 Jahren sich einmal in der Woche um ein Grundschulkind kümmern, also ein sechs bis zehnjähriges Kind. Und wichtig ist, dass der oder die "Balu" den sogenannten Gemütlichkeitsfaktor hat. Sie sollen den lässigen Hüftschwung und Gemütlichkeit mitbringen – wie "Balu, der Bär" aus dem Dschungelbuch. Wichtig ist, dass die beiden vor allem die Freizeit miteinander gestalten. Sie sollen nicht Hausaufgaben machen oder was den Geschmack von Schule hat, sondern wirklich Spaß miteinander haben.

Warum ist das für die sogenannten "Moglis" von so großer Bedeutung?

Weil der oder die "Balu" sowas wie der große Bruder oder die große Schwester ist. Die Kinder lernen ganz viel von ihrem großen Freund oder ihrer Freundin. Oft gibt es auch sowas wie Liebe auf den ersten Augenblick. Sie sehen sich, mögen sich direkt und die "Moglis" wollen dann so sein wie ihre "Balus".

Aber obwohl das Projekt den Kindern soviel gibt, haben Sie es trotzdem gerade nicht so leicht, oder?

Zur Zeit ist es herausfordernd. Wir haben ein Post-Corona-Phänomen – es gibt deutlich weniger Bewerberinnen, die sich freiwillig engagieren wollen. Generell ist es im freiwilligen Engagement zurückgegangen. Ich nehme an, dass die jungen Menschen gerade reisen, was sie auch sollen. Sie sollen ihr Leben leben, nachholen – und trotzdem würde ich mich freuen, wenn sie Lust haben, sich hier zu bewerben. Es macht total viel Spaß mit einem Kind unterwegs zu sein.

Was sollte ein "Balu" mitbringen?

Für uns ist es relevant, dass es Menschen sind, die etwas zu geben haben und, dass die Großen den Kleinen was geben und nicht umgekehrt. Menschen, die selbst was brauchen oder deren Ego geküsst werden soll, nehmen wir nicht.

Wir haben oft junge Erwachsene, die vielleicht in ihrer Kindheit Dinge erlebt haben, die sie nicht so gut fanden. Viele haben deshalb entschieden: Wenn sie mal groß sind, wollen sie dafür sorgen, dass andere Kinder eine gute Kindheit erleben. Wir haben aber auch viele privilegierte junge Menschen, die sagen: 'Ich habe so viel Gutes in meinem Leben bekommen, ich möchte gerne etwas zurück geben.'

Was für "Moglis" werden in das Projekt aufgenommen?

Es gibt Kinder, die frisch nach Bremen gezogen sind. Es gibt Menschen, die sprachliche Barrieren haben oder zu Hause ganz viel Verantwortung tragen, weil sie viele Geschwisterkinder haben und für die es einfach mal schön ist, einmal die Woche die Seele baumeln zu lassen.

Es soll eigentlich etwas für Kinder sein – aber was können denn die Kinder den Mentoren mitgeben?

Ganz oft höre ich am Ende des Jahres: 'Ach, eigentlich dachte ich, ich verändere das Leben von einem Kind – aber das Kind hat mein Leben verändert.' Und das ist wirklich so. Es gibt viele junge Erwachsene, die einfach einen strengen Alltag haben. Sei es an der Uni mit vielem Lernen oder sonstigen Verantwortlichkeiten und so lassen auch die "Balus" einmal die Woche die Seele baumeln und sehen die Welt wieder mit Kinderaugen. Sie sind mal einen Moment entspannt, also auf Neudeutsch "gechillt". Und genau das tut wirklich beiden Seiten sehr gut.

Wie verändern sich denn die "Moglis" durch das Projekt?

Sie werden auf jeden Fall selbstbewusster, kommunikativer und auch zielorientierter, weil sie plötzlich Wünsche ausformulieren, wie ihr Leben mal aussehen soll. Was sie später mal werden wollen, zum Beispiel. Sie werden tatsächlich auch in der Schule besser und trauen sich auch zu, auf die höhere Schule zu gehen, weil ihr "Balu" es ihnen zutraut.

Wie geht es denn jetzt die nächsten 15 Jahre weiter?

Ich würde mir wünschen, dass wir erstmal viele junge Menschen erreichen, die sich aufgrund von Corona zurückgezogen haben und, dass wir diese wieder ins Leben locken – und das gerne mit einem Kind zusammen. Also, dass diese jungen Menschen wieder Lust auf Leben bekommen, mit Kindern auf Spielplätze gehen und Spaß miteinander haben. Und das darf sich gern ausdehnen. Wir haben eine 30-köpfige Steuerungsgruppe und so können wir richtige viele "Balus" halten. 100 im Jahr würde ich mir wünschen. Aktuell sind es 30.

Das Interview führte Johanne Bischoff. Aufgeschrieben wurde es von Paulina Liebeck.

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Bild: Radio Bremen
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Autorin

  • Zu sehen ist ein Porträtfoto von Johanne Bischoff.
    Johanne Bischoff

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. August 2023, 19:30 Uhr