Interview

Wolter vor Werder-Duell: "Hype im Frauen-Fußball wird bleiben"

Wolfsburgs Wolter: "Spiele gegen Werder sind immer unangenehm"

Bild: Imago | Kessler-Sportfotografie

Pia Wolter kennt beide Welten: Die professionelle beim VfL Wolfsburg und als Bremerin die problematische ihres Ex-Klubs Werder. Am Sonntag kommt es zum ungleichen Duell.

Zwischen dem VfL Wolfsburg und Werder Bremen liegen derzeit Welten. Pia Wolter lebt inzwischen auf der sonnigen Seite, die der Frauen-Fußball nach der EM zu bieten hat. Beste Trainingsbedingungen, ein starkes Team als Tabellenführer und jede Menge begeisterter Zuschauer.

Doch die 24-jährige Bremerin, Tochter von Ex-Spieler und Trainer Thomas Wolter, hat in ihrer Zeit bei Werder (2011 bis 2018) auch jenen krassen Kontrast erlebt, der den Frauen-Fußball in der Bundesliga immer noch prägt: Die einen spielen Fußball als Vollprofis, die anderen sind Voll-Berufstätige.

Am Sonntag um 16 Uhr kommt es im Stadion Platz 11 zu diesem ungleichen Duell, die beiden grün-weißen Welten treffen aufeinander. Wie sie die Lage in der Bundesliga beurteilt, warum sie findet, dass volle, große Fußballstadien für Fußballerinnen normal sein sollten und warum die Partie gegen Werder auf keinen Fall ein Selbstläufer wird, erzählt Pia Wolter im Interview mit dem Sportblitz.

Pia-Sophie Wolter lacht in die Kamera.
Mit großer Vorfreude auf das Spiel gegen ihren Ex-Klub Werder: Wolfsburgs Pia Wolter. Bild: Imago | Eibner
Pia Wolter, Sie haben gerade vor 21.000 Zuschauern gegen Bayern München gespielt – wie war das Erlebnis?
Es war natürlich eine mega coole Atmosphäre so viele Fans bei einem Heimspiel in der Bundesliga zu haben. Dann am Ende noch zu gewinnen und mit den Fans feiern können, war ein schönes Erlebnis und hat richtig viel Spaß gemacht. Und es ist schön zu sehen, dass uns so viele Fans unterstützen und zu vielen Bundesliga-Spielen kommen und vor allem richtig gut Stimmung machen.
Spüren Sie generell den Hype, den die Fußball-EM ausgelöst hat?
Man merkt es, weil mehr Fans im Stadion sind, mehr zum Training kommen. Es gibt mehr Anfragen von Medien. Ich kriege das von unseren EM-Fahrerinnen mit, wie viele Follower mehr sie haben oder auf der Straße jetzt erkannt werden. Das haben sie von der EM mitgenommen und wir wollen mit guten Leistungen jetzt zeigen, dass man das in der Bundesliga eben auch sehen kann. Und dass es sich lohnt, bei uns ins Stadion zu kommen.
Macht das auch Druck, abliefern zu müssen, damit das Interesse bleibt?
Druck eigentlich gar nicht, wir genießen das gerade, dass so viel Interesse da ist und der Sport endlich die Anerkennung bekommt, die er verdient für die Leistungen, die wir seit Jahren zeigen.
Fußballerin Pia Wolter gut gelaunt beim Training des VfL Wolfsburg.
Beste Laune bei Pia Wolter: Kein Wunder, der VfL Wolfsburg bietet professionelle Trainingsbedingungen. Bild: Imago | Regios24
Glauben Sie, dass der Hype dieses Mal länger anhalten wird?
Ich glaube, dass der Hype nicht nur ein Hype ist, sondern bleibt. Und es normal wird, dass Spiele im Frauen-Fußball in den großen Stadien ausgetragen werden. So wie Werder gegen Freiburg im Weser-Stadion spielen wird. Dass es normal ist, dass wir regelmäßig vor vielen Zuschauern in großen Stadien spielen und keine Angst haben müssen, dass nur 2.000 kommen.

Dass man die Stadien gefüllt und vielleicht auch mal ganz gefüllt kriegt, das wäre ein Traum. Dass das Medien-Interesse bleibt und gesehen wird, wie viel dafür gearbeitet wird. Dass in der Bundesliga die Unterschiede kleiner werden und alle Spielerinnen in den nächsten fünf Jahren professionell spielen können.
Sie sprechen es an, die Bundesliga-Klubs haben nicht die gleichen Bedingungen. Sie sind Vollprofi, bei Werder spielen zum Beispiel Voll-Berufstätige.
Deshalb reden wir über "Equal play" statt "Equal pay" – es geht gar nicht um die gleiche Bezahlung, sondern erst einmal um die gleichen Rahmenbedingungen. Dass alle Spielerinnen unter professionellen Bedingungen trainieren und spielen können. Dass man medizinische Betreuung, eigene Trainingsplätze, eine eigene Kabine und Fitnessräume hat. Dass ist extrem wichtig. Das ist etwas, wo der nächste Schritt folgen muss, damit man innerhalb der Liga noch ausgeglichenere Spiele hat und ein kleiner Verein auch mal die Chance hat, oben anzugreifen oder in der Champions League zu spielen.
Das bedeutet aber aktuell, dass ein Klub wie Werder Bremen an das Level ihrer Mannschaft gar nicht herankommen kann?
Es ist extrem schwer. An diese Leistung kann man noch gar nicht herankommen, weil es eine ungeheure Belastung ist, wenn man erst am Abend trainieren kann. Man kann die Belastung gar nicht so steuern, wie es bei uns möglich ist. Bei uns steht der Fußball im Mittelpunkt und wenn der Trainer sagt, morgen um 10 Uhr ist Training, dann bin ich da, weil das mein Job ist.

Das können die Spielerinnen in Bremen einfach nicht leisten. Dadurch kann man gar nicht dahin kommen, wo wir jetzt sind. In Frankfurt und Hoffenheim hat man gesehen, welche Entwicklungen möglich sind, wenn professionelle Bedingungen da sind. Da ist der finanzielle Aspekt entscheidend und der ist in Bremen schwierig.
Liegen im Moment Welten zwischen Wolfsburg und Werder?
Klar ist ein Unterschied da, der ist auch logisch und war ja auch schon vor der EM da. Das ist vor allem dem Finanziellen geschuldet. Trotzdem haben die Bremerinnen die Hoffnung, dass sie sich weiter in der Bundesliga etablieren. Ihr Saisonstart war nicht optimal, aber sie hatten zu Beginn auch schon schwere Gegenerinnen. Der Unterschied ist aber normal in der Liga, da sind drei, vier Topteams und dann kommt der Rest. Dass der Rest noch enger zusammengerückt ist, macht es für die Bremerinnen nicht leichter.
Bei ihren Wolfsburgerinnen läuft es optimal, Werder wartet auf den ersten Sieg. Warum lohnt es sich trotzdem, das Spiel am Sonntag zu gucken?
Das beste Beispiel ist das letzte Mal, als wir in Bremen gespielt haben. Da haben wir uns extrem schwer getan. Jede in meiner Mannschaft weiß, dass es in Bremen immer unangenehm ist. Ich glaube, bis zur 80. Minute stand es noch 0:0. Es ist kein Selbstläufer und wir haben eine englische Woche mit dem intensiven Bayern-Spiel und der Reise zum Champions-League-Spiel in Prag. Daher fahren wir jetzt nicht nach Bremen und sagen, dass wir 4:0 gewinnen.

Es wird sicher ein enges, intensives Spiel und Bremen wird alles reinhauen und sehr über die Körperlichkeit kommen und in die Zweikämpfe gehen. Und eine Woche nach einem Bayern-Spiel vor dieser Riesen-Kulisse nach Bremen zu kommen, kann auch unangenehm werden.
Sie kommen öfter nach Bremen, gibt es auch noch Kontakte zu Werder?
Ich habe noch viele Kontakte nach Bremen zu vielen Spielerinnen und treffe mich auch regelmäßig mit ihnen, wenn ich in der Heimat bin. Einfach, weil es Freundinnen sind. Mit einigen habe ich auch schon geplant im November meinen Geburtstag zu feiern. Da ist eine Verbindung da und ich komme immer sehr gerne nach Bremen. Und ich bekomme noch viel mit, was bei Werder läuft. Aber auf mein eigenes Spiel tippen möchte ich lieber nicht – ich sage nur, dass wir gewinnen.

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Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 28. Oktober 2022, 18:06 Uhr