Überlebenskraft der Geschichte: Podcast über Holocaust-Zeitzeugen

Karl Fruchtmann mit Kamera, darauf der Schriftzug: Erzähl mir von den Stätten des Schreckens

Podcast-Trailer: "Erzähl mir von den Stätten des Schreckens"

Bild: Akademie der Künste Berlin

Momente des Erschreckens und Bedrückens, aber auch Momente der Hoffnung und der Stärke: Im Doku-Podcast "Stätten des Schreckens" von Bremen Zwei sprechen Zeitzeugen des Holocausts.

"Erzähl mir von den Stätten des Schreckens" – so heißt der neue Doku-Podcast von Bremen Zwei. Darin werden die Stimmen von vier Zeitzeuginnen und Zeitzeugen durch unveröffentliche Aufnahmen des verstorbenen Filmemachers Karl Fruchtmann lebendig. Dieser reiste 1980 nach Israel und Polen, um dort Überlende des Holocauats zu finden und mit ihnen zu sprechen. So berichten Karel Fischer, Ruth Elias, Elsa Grozda und Käthe Ehrlich sowie David Fuks von den unterschiedlichsten Erfahrungen, welche von erschreckenden Momenten, aber auch von Momenten der Hoffnung und des inneren Widerstands handeln.

Die Ausstrahlung im Jahr 1981 war ein Novum: Denn zum ersten Mal sprachen Überlebende des Holocaust im deutschen Fernsehen. Danach verschwanden die fast 40 Stunden Zeitzeugenberichte allerdings in den Archiven von Radio Bremen. Ein Großteil des Materials ist bis heute nicht veröffentlicht worden – mit diesem Doku-Podcast werden nun weitere Interviews der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die vier Gespräche in diesem Doku-Podcast könnten nicht facettenreicher sein. Doch einen Wunsch hatten alle: Gehört zu werden und die Erinnerungen an das Unvorstellbare aufrecht zu erhalten.

1 Karel Fischer – alias Avraham Ophir

Karel Fischer, geboren 1918 und verstorben 1996, war Erzieher und Schulinspektor. Nachdem er sich frewillig nach Ausschwitz verschleppen lassen hat, um seine Mutter nicht allein zu lassen, wird er Leiter einer Kindergruppe im Familienlager B2B in Auschwitz. Hier gab er sich selbst den Namen "Avraham Ophir", was so viel heißt wie: "Vater des Goldenen Landes". Seine Leidenschaft für Theater und die Nettigkeit von Kindern begeleitete ihn trotz des Schreckens der Zeit auch im Holocaust.

Auf dem Kinderblock, wo ich damals Jugendbetreuer war, haben wir mit den Kindern gespielt, den Kindern erzählt, mit Kindern gesungen. Eine fabelhafte Vorstellung mit einem großen Takt und wirklich künstlerischen und pädagogischen Sinn (...) Dann hat es einen Fußballspiel, eine Groteske von Fußball, gegeben. Und man hat nichts geahnt! Dann in der letzten Woche hat man schon gehört, dass es zu einem Transport kommen wird. Ein Mann hat das Wort des deutschen Offiziers weitergegeben. "Es ist ein Arbeitertransport. Er geht nach Waldesruhe". Leider war es nicht so. Nach zwei Tagen wurden sie vergast.

Karel Fischer
  • Holocaust-Zeitzeuge Avraham Ophir

    Der Erzieher und Schulinspektor Karel Fischer alias Avraham Ophir erzählt von seiner freiwilligen Deportation nach Auschwitz und beschreibt bildreich, "was nie wiederkommen soll".

2 Ruth Elias

Ruth Elias wurde 1922 geboren und lebte bis zu ihrem Tod 2008 in Israel. Sie wurde als schwangere Frau in verschiedenen Konzentrations- und Arbeitslagern festgehalten, darunter auch im Familienlager Auschwitz. Immer wieder gelang es ihr durch Glück und Finesse dem Tod zu entkommen. Doch das kam Josef Mengele, ein nationalsozialistischer Mediziner, zu Ohren – und Ruth wurde zusammen mit ihrem neugeborenen Mädchen für medizischnische Experimente benutzt. Trotz allem: Sie überlebte, als einzige ihrer Familie.

Eines schönen Tages bekam ich Schmerzen. Eine polnische Hebamme half mir. Ich entband ein Kind, ein Mädchen. Am nächsten Tag früh war Mengele da und gab den Auftrag: "Man muss dieser Frau die Brust abbinden. Ich will sehen, wie lang ein Säugling ohne Nahrung leben kann". Man bandagierte mir die Brust ab. (...) Das Kind neben mir fing an zu schreien: Hunger. Ich nahm ein Stückchen Brot, kaute es in meinem Mund, gab es dem Kind, damit es irgendetwas bekommt. Eine Windel gab es nicht. Watte? Gab es nicht. In meinem eigenen Schmutz lag ich da. Täglich kam Mengele mich besuchen. Er ergötzte sich an dem Anblick.

Ruth Elias
  • Holocaust-Zeitzeugin Ruth Elias

    In dieser Folge erzählt Ruth Elias von ihrer Schwangerschaft in verschiedenen Konzentrations- und Arbeitslagern. Sie ist die einzige, die von ihrer gesamten Familie den Holocaust überlebt hat.

3 Elsa Grodza & Käthe Ehrlich

Elsa Grodza und Käthe Ehrlich wurden als junge Mädchen nach Bratislava in ein Sammellager und danach nach Auschwitz gebracht. In einer unvorstellbaren Zeit, geprägt von Vergasungen, Folter, Widerstand und Flucht wurden Elsa und Käthe Freundinnen. Sie haben Unvorstellbares erlebt und überlebt. Es war ein Kampf gegen den Tod, der viel Kraft und Willen benötigte. Eins beschäftigte beide Frauen auch noch nach Kriegsende: die Befreiung in eine Welt, in der sie weder jemand ansehen, noch ihnen jemand zuhören wollte.

Ich habe mich dazu entschlossen, sitzen zu bleiben, bis ich erfriere. Es hat mich nichts mehr interessiert. Ich konnte nicht mehr, ich hab keine Kraft gehabt. Wie ich so sitze, kommt zu mir eine Freundin. Ich hab ihr geantwortet: "Ich hab keine Kraft, ich will endigen mit meinem Leben". Und danach hat sie mir... sie hat mir zwei Ohrfeigen gegeben. Und in diesem Moment musst du dich auf die Füße stellen und weitergehen. Du hast überlebt! Das Schrecklichste! Und jetzt am Ende? Sprichst du so?
Das hat mir viel Mut gegeben und ich bin weitergegangen. Ich habe die Kraft wiederbekommen und ohne Essen und ohne Trinken bin ich weitergegangen.

Elsa Grodza

Wir haben schrecklich ausgeschaut, acht Monate nach Auschwitz. Ich habe geguckt, ob vielleicht jemand schaut. (...) Aber niemand hat angeschaut. Und das... werde ich nie vergessen.

Käthe Ehrlich
  • Holocaust-Zeitzeuginnen Elsa Grodza und Käthe Ehrlich

    Die beiden jungen Frauen Elsa Grodza und Käthe Ehrlich werden im Konzentrationslager Freundinnen. Nach ihrer Befreiung treffen sie sich nur noch drei Mal – dieses Gespräch mit Karl Fruchtmann ist ihre letzte gemeinsame Begegnung.

4 David Fuks

David Fuks, ein Überlebender mit einem von Pistolenschüssen vernarbtem Gesicht, wurde 1916 in Polen geboren. Anfangs entkam er der Verfolgung mit Hilfe einer falschen Identität: Er wurde zu Jozef Zaborowski, einem katholischen Dachdecker. Er verlor nicht nur seine Religion, sondern auch den Glauben an Menschlichkeit. 1944 flog die Täuschung seiner Papiere auf und für David Fuks begann ein langer Weg, von Ghetto zu Ghetto, von Lager zu Lager. Kurz vor der Befreiung, nach dutzenden Misshandlungen, nach Jahren des Hungerns, nach 140 Kilometern Todesmarsch, wurde er gezwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln. David Fuks überlebte die Hinrichtung, es war Jozef Zaborowski, der dort erschossen wurde.

Bis ich in Stutthof (im Konzentrationslager, Anm. der Redaktion) angekommen bin, hatte ich noch Verständnis für die Juden, welche geglaubt haben. Aber in Stutthof habe ich meinen Gott verloren. Es ist doch unmöglich, das sowas passieren kann! Man hat Kinder lebendig totgeschlagen, gegen die Wand! Ohne weiteres! Und der Liebe Gott? Wo war er dort?

David Fuks
  • Holocaust-Zeitzeuge David Fuks

    In der letzten Folge erzählt der Elektriker David Fuks vom Leben in einer fremden Haut. Als katholischer Dachdecker Jozef Zaborowski entkommt er der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Polen – zumindest für kurze Zeit.

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Autorin

  • Paulina Liebeck
    Paulina Liebeck Studentische Redakteurin