Fragen & Antworten

Wird das Leid von Bremer Verschickungskindern aufgearbeitet?

Diese schlimmen Demütigungen erlebten Bremer Verschickungskinder

Bild: Radio Bremen

Sie sollten aufgepäppelt werden – gesunden. Deshalb wurden bis in die 80er-Jahre Kinder auf Kur geschickt. Doch teils kamen sie traumatisiert zurück.

Es ist ein Teil westdeutscher Nachkriegsgeschichte, der bisher kaum aufgearbeitet ist: Kinderverschickungen. Schätzungen nach wurden zwischen den 1950er und 1980er Jahren acht bis zwölf Millionen Kinder in der alten Bundesrepublik in Kur verschickt. Für manche eine wunderschöne Zeit – andere kamen mit traumatischen Erlebnissen nach Hause.

So wie die Bremerin Birgit Lübben. Auch sie sei verschickt worden und habe Schlimmes erlebt, sagt sie. "Ich kann mich daran erinnern, dass ich sehr schnell nicht mehr geweint habe. Dass ich mich angepasst habe. Nicht mehr geweint habe. Nach unten geguckt habe. Keine Schmerzen mehr gezeigt habe." Wir fassen zusammen, was über Verschickungen bekannt ist und wie man damit bis heute umgeht.

Was genau waren Verschickungen?
An der See oder in den Bergen sollten sich die Kinder während ihrer Kurzeit erholen, aufgepäppelt werden oder abnehmen – gesund werden. Kinder, die an Tuberkulose, Asthma oder anderen chronischen Krankheiten litten, kamen meist in Kinderheilanstalten unter. Kinder, die aus ärztlicher Sicht einfach zu dünn, zu dick oder zu blass waren, wurden in Kinderkurheime geschickt. Die Kuren dauerten meist mindestens sechs Wochen, mit Option auf Verlängerung.

Kinder- und Hausärzte oder Schulärzte von Gesundheitsämtern verschrieben die Kuren. Manche Kinder wurden auch auf Empfehlung eines Jugendamtes verschickt. Krankenkassen bezahlten die Kuren; schon Zweijährige kamen in Kur. Die Kinder fuhren überwiegend alleine in die Kurorte, die meisten per Bahn.

Wir sind zum Bahnhof gefahren. Und ich wurde da in diesen Zug gesetzt. Ich wusste gar nicht, dass ich überhaupt fahre. Vorher war ich auch nie am Bahnhof gewesen.

Birgit Lübben, ehemaliges Verschickungskind
Was ist in den Kuren passiert, dass man von Traumatisierungen spricht?
Viele Kinder haben die Wochen auf einer Nordseeinsel, an der Ostsee, in den Alpen oder zum Beispiel im Harz als schöne und fröhliche Zeit erlebt. Andere aber sind mit schlimmen Erfahrungen nach Hause gekommen. Strafen, Demütigungen, Gewalt, Kontrolle waren damals vorherrschende Erziehungsmethoden. Den Rohrstock in der Schule kennen viele. Was viele Kinder aber während ihrer Kur erlebt haben, hat manche traumatisiert, viele geprägt.

In vielen Erfahrungsberichten, die zum Beispiel auf der Internetseite der Initiative Verschickungskinder, nachzulesen sind, erzählen ehemalige Verschickungskinder davon, dass sie zum Essen gezwungen wurden. Manche mussten davon brechen, und dann ihr Erbrochenes essen. Doch so weit musste es gar nicht immer kommen, um Gefühle von Demütigung und Angst bei den Kindern auszulösen. Das erzählt auch Hans-Gerog Bierbass. Der Kölner wurde mit zehn Jahren in ein Heim auf Borkum verschickt, erzählt er. Vor allem wie mit anderen Kindern umgegangen wurde, habe er als demütigend erlebt.

Das war so ein großer Schlafsaal. Und wer ins Bett gemacht hatte, der musste sich mit seinem vollgepinkelten Laken aufs Bett stellen und dass der ganzen Gruppe vorführen. Ich weiß nicht, wie lange die Kinder da gestanden haben. Mir ist das Gottseidank nie passiert. Aber mir kam das unglaublich lange und unglaublich demütigend vor."

Hans-Georg Bierbass, ehemaliges Verschickungskind
Hans-Georg Bierbass erzählt weiter: "Essen fand statt in einem großen Speisesaal. Da war ein U von Tischen. Wo an beiden Seiten der Tische jeweils Kinder gesessen haben. Am Kopf saß die Heimleitung. Daneben saßen immer zwei Kinder, die übergewichtig waren, wo das Kur-Ziel war: Die sollten abnehmen. Und essen durften wir, wenn die beiden Kinder Salzwasser getrunken hatten. Die kriegten immer zwei Becher – so gelbe Plastikbecher hingestellt. Und die mussten die stehend vor den anderen Kindern austrinken. In der Regel war denen danach so übel, dass sie nichts gegessen haben. So kann man die natürlich auch zum Abnehmen zwingen. Und wenn man dann da als Zehnjähriger ist und wartet, dass ein anderer Zehnjähriger sich da das Salzwasser runterkippt. Das war schon nicht so schön."

Auch Birgit Lübben erinnert sich, zum Beispiel an diese Routinen: "Morgens, nach dem Aufstehen, durften wir der Reihe nach auf die Toilette. Das wurde dann aufgeschrieben. Mittags, wenn wir vom Spaziergang zurückkamen, nach dem Essen durften wir zur Toilette, bevor es dann in den Mittagsschlaf ging. Und dann abends nochmal bevor wir ins Bett gebracht wurden."
Wie kann man das Verhalten der Betreuungspersonen erklären?
Malträtierungen, Bestrafungen – eine Atmosphäre der Angst habe das System gehabt, sagt Hilke Lorenz. Die Stuttgarter Journalistin hat mit vielen ehemaligen Verschickungskindern gesprochen und ein Buch über deren Erlebnisse geschrieben. Sie sagt, man müsse das Innenleben der Kindererholungsheime aus der Zeitgeschichte heraus begreifen.

Da gab es einfach Personal, das eine andere Pädagogik gelernt hatte: Wenn es nah am Kriegsende war, dann ist da oft noch eine Erziehung zum Gehorsam gelebt worden. Man kann durchaus sagen eine nationalsozialistische Prägung. Aber eben auch eine Pädagogik, die die Kinder immer für die kleinen Menschen hielt, die passend gemacht werden müssen.

Hilke Lorenz, Journalistin und Autorin
Hilke Lorenz sagt vor dem Hintergrund ihrer Recherchen und den Gesprächen, die sie geführt hat, dass manche diese Zeit trotz schlimmer Erfahrungen gut überstanden hätten, andere hingegen seien ihr für Leben lang traumatisiert worden.

Diese Entindividualisierung ist das Kernerlebnis. Zeuge zu werden von Gewalt. Manche haben beobachtet, wie andere Kinder Gewalt erfahren haben. Und das ist ja die Willkür eines Systems. Dass man immer damit rechnen muss: Morgen bin ich der Nächste.

Hilke Lorenz, Journalistin & Autorin
Zu Schikanen und Angst kam bei vielen noch das Heimweh, das es aber oft nicht geben durfte. Viele der Kinder wussten gar nicht wie lange sie wo sein werden, als sie in den Zug stiegen. Kontakt mit den Eltern war in vielen Heimen verboten. Es durften höchstens Postkarten geschrieben werden. Die aber wurden häufig auch kontrolliert. "Wer von Angst oder Heimweh an die Eltern schrieb, musste die Karte wieder neu schreiben. Ich habe mitgekriegt, dass Kinder Postkarten zurückbekommen haben, die Sachen geschrieben haben, die der Heimleitung oder der Gruppenleitung nicht passten. Also die Post, die rausging, wurde zensiert" sagt Hans-Georg Bierbass.
Wie ist der Stand der Aufklärung?
Viele Jahre war das Thema "Verschickungskinder" weder medial noch im gesellschaftlichen Diskurs präsent. Das mag unter anderem daran liegen, dass viele Kinder nach ihrer Kur ihren Eltern oder anderen Vertrauenspersonen von ihren Erfahrungen und Erlebnissen nicht erzählt haben. Birgit Lübben sagt: "Es kam dann eben halt die Frage: 'Ja, wie war es denn?' So wie wenn jemand aus dem Urlaub kommt, sagt Lübben. Als sie dann erzählte, wie schrecklich es für sie gewesen sei, sie Erbrochenes esse musste, wollten ihre Eltern ihr nicht glauben. "Meine Eltern haben gesagt: 'Das stimmt ja gar nicht. Das gibt es nicht."  Genau so die Oma: 'Ne, das bildest du dir ein. So etwas gibt es überhaupt nicht.' Dann war für mich klar: Es glaubt dir keiner. Deswegen habe ich das dann auch nicht weiter erzählt."

Hans-Georg Bierbass sagt, er habe zu Hause nur wenig und kaum etwas Negatives über die Kur erzählt, weil er von seinen Eltern generell oft gehört habe, er solle sich nicht so anstellen. Sie hatten den Krieg erlebt, die Erfahrungen seiner Eltern seien ja immer schlimmer gewesen. Die Journalistin Hilke Lorenz sieht noch einen anderen Grund dafür, dass nur wenige Kinder erzählten, was sie in der Kur erlebt hatten: Kinder suchten schnell die Schuld für Bestrafung erst mal bei sich.

Aus diesem Gefühl heraus – was ja perfide ist: Wenn sie so behandelt worden sind, dann müssen sie irgendetwas falsch gemacht haben. Dieses Gefühl: Ich bin nicht korrekt, deswegen werde ich bestraft. (…). Dann gab es natürlich auch Familien, wo ihnen genau das gesagt wurde: 'Dann hast du auch etwas falsch gemacht. Du übertreibst.'

Hilke Lorenz, Journalistin & Autorin
Erst in den vergangenen Jahren wurde das Thema "Verschickungen" präsenter. Viele der damals verschickten Kinder erzählen, dass sie lange Zeit dachten, dass sie die einzigen sind, die solche Erfahrungen gemacht haben. Nachdem auch die öffentliche Aufmerksamkeit durch verschiedene mediale Berichte größer wurde, gründeten sich in einzelnen Bundesländern Initiativen, die auf die Erfahrungen der Verschickungskinder aufmerksam machen wollen und politische Aufarbeitung fordern.

Auch die Datenlage ist schwierig: Ob Staatsarchive, Kirchenarchive, Archive von Krankenkassen oder in städtischen Archiven: Akten über Verschickungen, Kuraufenthalte oder Briefwechsel zwischen Behörden und Heimen zum Beispiel lagern im ganzen Land verteilt. Krankenakten der ehemaligen Verschickungskinder sind oft bereits vernichtet, weil entsprechende Fristen zur Aufbewahrung abgelaufen sind. Außerdem sind Gewalt, Willkür und Bestrafungen wohl kaum schriftlich festgehalten worden.

Hans-Georg Bierbass und Birgit Lübben sagen, die Postkarten, die sie ihren Eltern während der Kur geschrieben haben, wurden bei Umzügen oder beim Aussortieren weggeschmissen. Ihre Angaben lassen sich – wie bei vielen ehemaligen Verschickungskindern – kaum überprüfen.

Manche Bundesländer, Träger oder auch Kommunen beginnen langsam mit der Aufarbeitung der Verschickungen. So unterstützt das Land Baden-Württemberg beispielsweise einen Verein zur Aufarbeitung, das Landesarchiv hat ein Projekt zur Zeit der Verschickungen gestartet, an das sich Betroffene wenden können. Die Diakonie Niedersachsen hat Untersuchungen zu von ihr betriebenen Heimen beauftragt.

Das Sozialministerium Nordrhein-Westfalen stellte Anfang dieses Jahres eine Studie vor und fördert eine Initiative von Verschickungskindern in NRW. Außerdem haben die DAK und die Barmer Untersuchungen beauftragt. Genauso wie St. Peter Ording. Die AWO Bayern richtete eine Anlaufstelle für Zeitzeugen eingerichtet – um ein paar Beispiele zu nennen.

Gesellschaft, die auch Politik ist, muss anerkennen. Das ist auf der Ebene der Landesfamilienministerkonferenz geschehen, die dieses Leid anerkannt haben. Auch die Träger müssten sagen: Wir anerkennen das. Wir bemühen uns um Aufklärung. Und zwar um Aufklärung auf Augenhöhe.

Hilke Lorenz, Journalistin & Autorin
Eine allumfassende Studie oder Untersuchung über die Zeit der Verschickungen und die Vorkommnisse in den Heimen gibt es nicht. Erst im Juli hatte die Bundesregierung der Initiative "Verschickungskinder" erklärt, dass die Länder für die Aufarbeitung zuständig seien.
Wie ist der Stand der Aufklärung in Bremen?
Auch Hunderte, wenn nicht Tausende Kinder aus Bremen wurden in Kur verschickt. Auf der Jugend- und Familienministerkonferenz im Mai 2020 hatte Bremen zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Länder deren Leid anerkannt und den Bund aufgefordert, eine bundesweite Aufklärung der Zeit vorzunehmen. Daran würde sich Bremen auch beteiligen, heißt es aus dem Sozialressort. Akten aber fänden sich weder im Sozialressort, noch beim Jugendamt oder im Gesundheitsressort. Mit welchen Heimen Bremen also im engen Austausch stand, wo vielleicht sogar die Städte Bremen und Bremerhaven Heime – zumindest teilweise – mit unterhielten, ist bislang nicht vollständig untersucht.

Die Diakonie Bremen hat eine unabhängige Untersuchung der Vorkommnisse im Adolfinenheim auf Borkum in Auftrag gegeben. Ergebnisse dazu soll es Ende des Jahres geben. Denn sowohl die Stadt Bremen als auch das Diakonissenmutterhaus Bremen pflegten gute Kontakte zum Adolfinenheim auf Borkum. Das belegen Akten im Bremer Staatsarchiv; Bremer saßen im Vorstand des Heimes und Diakonissen aus dem evangelischen Diakonissenmutterhaus Bremen arbeiteten in dem Heim auf Borkum.

Hans-Georg Bierbass war als Zehnjähriger für sechs Wochen im Adolfinenheim. Nachdem Beschwerdebriefe von ehemaligen Praktikantinnen über die Zustände in dem Heim gefunden wurden, hat er sich an die Diakonie Bremen gewandt.

Ich möchte einfach wissen, dass die Akten, die da sind, aufgearbeitet werden. Ich möchte, was über die Leute bekannt ist, gerne wissen. Wer war das? Wie wird man so, dass man mit Kindern so umgeht? Das ist mir unverständlich. Und ich würde es gerne verstehen.

Hans-Georg Bierbass
Er wünscht sich, dass sich die Träger entschuldigen. Für das, was den Kindern damals widerfahren ist. Und eine glaubhafte Entschuldigung könne es nur geben, wenn wirklich klar ist, was damals passiert ist. Und wer für was verantwortlich war.

Birgit Lübben sieht das ähnlich. Sie hege keinen Groll gegen die "Tanten" damals im Haus Frisia. Sie mach auch ihren Eltern keine Vorwürfe. Sie will aber, dass sie jetzt anders behandelt wird als damals: Dass vor allem die Politik den Verschickungskindern glaubt und ihre Erfahrungen ernst nimmt, sagt sie. Und dass die Zeit der Verschickungen möglichst vollständig aufgearbeitet wird.
Gibt es Entschädigungen?
Über die Initiative "Verschickungskinder" organisieren sich ehemalige Verschickungskinder bundesweit. In Landesgruppen und Heimgruppen tauschen sie sich über das Erlebte aus, recherchieren ehrenamtlich in Archiven und versuchen mehr über die Kuren herauszufinden.

Auch in Bremen gibt es eine Landesgruppe. Und wer weiß, in welchem Heim er oder sie untergebracht war, kann sich an die entsprechende Heimgruppe der Initiative wenden. Entschädigungszahlungen gibt es bislang keine. Die Initiative "Verschickungskinder" fordert einen Fonds für die "Verschickungsopfer", mit dessen Hilfe ein breit angelegtes Forschungsprojekt finanziert werden kann sowie eine Anlaufstelle für Betroffene.

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. August 2022, 19.30 Uhr