Wie dieser ukrainische Seemann Bremerhavens Yachthafen in Schuss hält

Ruslan Moroz sitzt auf einem Geländer am Yachthafen
Mag seine neue Arbeit im Yachthafen von Bremerhaven: Ruslan Moroz aus Odessa Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

8.000 Menschen sind vor dem Krieg in der Ukraine ins Land Bremen geflohen. Einige arbeiten inzwischen hier. So auch Ruslan Moroz. Er macht sich im Yachthafen unersetzlich.

Ruslan Moroz kniet auf dem Steg. Ein Schiff ist gegen eines der Schilder gefahren, das den Skippern anzeigt, ob der Liegeplatz frei ist oder nicht. Jetzt ist es kaputt und muss ausgetauscht werden. Für Moroz eine leichte Übung. Nach wenigen Sekunden hat er die Schraube gelöst. Er nimmt das Schild ab, legt das neue an und dreht die Schraube wieder ins Holz.

Seit Ende Juni arbeitet Ruslan Moroz beim Hotel "Im Jaich" in Bremerhaven, das auch den Yachthafen im Neuen Hafen unweit des Klimahauses betreut. Moroz unterstützt hier Hausmeister Lars Fröhlich bei Reparaturen oder wenn eine zupackende Hand benötigt wird. Mal muss eine defekte Toilette oder ein tropfender Wasserhahn repariert werden, dann wieder müssen riesige Blumenkübel umgestellt werden, damit Gäste nicht an der falschen Stelle parken. Und immer mal wieder muss im Yachthafen etwas in Ordnung gebracht werden.

"Ein Krieg hat begonnen"

Ruslan Moroz und Lars Fröhlich knien auf dem Holzsteg im Yachthafen
Sind im Yachthafen im Neuen Hafen von Bremerhaven zur Stelle, wenn was kaputt ist: der ukrainische Seemann Ruslan Moroz (links) und Hausmeister Lars Fröhlich Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

"Die Arbeit hier ist ganz ähnlich zu meiner Arbeit als Seemann", sagt Ruslan Moroz auf Englisch. Der 40-Jährige trägt einen grauen Overall und dazu einen Bart. Moroz ist 15 Jahre lang um die Welt gefahren. Auch an Bord musste er oft Dinge reparieren, sagt er. Er freut sich, dass er in Deutschland eine Arbeit gefunden hat, die ihm Spaß macht.

Als Russlands Präsident Wladimir Putin im Februar die Ukraine angriff, war der Seemann gerade in Indien. "Ich habe mit meiner Familie telefoniert und sie sagten mir: Ein Krieg hat begonnen", blickt er zurück. Es fällt ihm schwer, über diese Momente zu berichten. Sofort sei er zum Kapitän gelaufen, um die schreckliche Nachricht zu verbreiten. Er habe dann seine Frau Olena (34) erneut angerufen und ihr gesagt, sie solle mit den beiden Söhnen Kyryl und Matvej nach Moldau fliehen.

Später habe er entschieden, dass die Familie nach Deutschland und Bremerhaven weiterziehen solle, weil er hier als Seemann schon öfter gewesen war und die Seestadt gut in Erinnerung behalten hatte.

Auf dem Weg zur Vollzeit-Stelle?

Die ukrainische Familie Moroz steht hinter dem Jaich-Hotel
Von Odessa nach Bremerhaven geflohen: Olena und Ruslan mit Kyryl und Matvej (im Kinderwagen). Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Er habe von Indien einen Flug nach Rumänien genommen, sei dann zu Frau und Kindern nach Moldau fahren. Mit dem Bus ging es dann weiter. Auf der Suche nach einer Unterkunft in Bremerhaven landete die Familie im Boardinghouse des Hotels "Im Jaich". Dort lebten die vier mehrere Wochen, bis sie eine Wohnung fanden.

"In den Wochen, als sie hier gewohnt haben, habe ich es schon gemerkt: Ruslan möchte irgendwas arbeiten, er kann nicht einfach immer nur rumsitzen", erzählt Rüdiger Magowsky, der Hausleiter des "Im Jaich". Ruslan habe berichtet, dass er schweißen und mit Holz umgehen könne.

Doch es fehlte zunächst die Arbeitsgenehmigung. Als die vorlag, erhielt der Ukrainer eine Anstellung auf 450-Euro-Basis. "Er hat als erstes unsere ganze Grünanlage in Schuss gebracht", berichtet Magowsky. Das habe super geklappt. Seit August ist Ruslan Moroz darum jetzt in Teilzeit angestellt. Magowsky kann sich vorstellen, dass künftig sogar mehr daraus werden könnte.

Verständigung auf Englisch

Ruslan Moroz trägt zwei Gartenstühle, sein Kollege Lars Fröhlich zeigt ihm den Weg
An diesem Tag müssen auf der Bistro-Terrasse die Tische und Stühle hingestellt werden. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Hausmeister Lars Fröhlich freut sich über die Unterstützung. Es gebe viel zu tun, sowohl im Hotel als auch im Yachthafen. Mit der Verständigung klappe es gut, sagt Fröhlich, Ruslan spreche ja gutes Englisch. Ruslans Frau Olena spricht zwar kein Englisch, doch sie lernt derzeit Deutsch, einige Sätze kann sie schon sagen. Olena sagt auf Russisch: "Ich möchte die Sprache lernen und arbeiten. Wir wollen bleiben. Wir müssen an unsere Kinder denken und ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen."

Olena ist ausgebildete Buchhalterin, hatte sich in eine leitende Funktion bei der ukrainischen Post hochgearbeitet. "Ich möchte arbeiten, ich liebe meinen Job. Ich habe ihn gelebt", sagt Olena auf die Frage, ob sie gerne in diesem Beruf wieder arbeiten möchte, etwa bei der Deutschen Post.

Ruslan und Olena Moroz lebten in Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Ruslan hatte die Entscheidung für Bremerhaven getroffen, doch auch seiner Frau Olena gefällt es hier. Die Leute seien sehr nett, sagten immer "Hallo" oder spielten mit den Kindern, obwohl man sich nicht kenne.

Bremerhaven ist sehr ruhig, nah am Meer. Wir mögen es gerne.

Olena Moroz

Die Gedanken sind oft in der Ukraine

Wenn das Paar vom Krieg in der Heimat erzählt, kommen viele Emotionen hoch. Olena berichtet, wie sie stundenlang am Grenzübergang zur Republik Moldau stand, mit zwei Kindern, eines davon gerade mal ein Jahr alt, wie sie dort auf die Hilfe wildfremder Menschen angewiesen war, die sie bei sich übernachten ließen. Sie sagt, in der Ukraine hätten sie ein eigenes Haus gehabt, hier sei nun alles neu.

Der Schock über den Krieg und die Gräueltaten in der Ukraine sitzt tief. Die Sorge um Bekannte, Familienmitglieder und um ihre Heimat begleitet die Familie tagtäglich. Immer wenn das Handy vibriert und eine neue Push-Nachricht aus dem Krieg auf dem Display erscheint, ist Ruslan Moroz alarmiert und schaut, welcher Teil des Landes betroffen ist.

Die Arbeit ist darum auch Ablenkung. In dieser Zeit steckt das Handy in der Brusttasche des grauen Overalls. Immer griffbereit, aber trotzdem erstmal außer Sichtweite.

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Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. August 2022, 19.30 Uhr.