Interview

Ukrainische Soldaten auf Urlaub in Bremen: "Es ist wie im Märchen"

Auszeit vom Krieg: Ukrainische Soldaten auf Familienurlaub in Bremen

Bild: Radio Bremen

Alexander Vorobey kämpft in Charkiw um seine Heimatstadt. Mikita Chernyayev ist Chirurg und operiert Verwundete. Beide besuchen ihre Familien – und erzählen von ihrem Leben.

Die Familien von Alexander Vorobey und Mikita Chernyayev sind im Februar nach Bremen geflohen. Sie kommen aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine, aus Charkiw, die in der Ost-Ukraine nah an der Grenze zu Russland liegt. Erst vor zwei Tagen wurde Charkiw erneut mit Raketen beschossen. Seit Ende Juli sind die Männer zu Besuch in Bremen. Sie haben buten un binnen erzählt, wie ihr Leben aussieht und wie es ihnen aktuell hier in Bremen geht.

Alexander und Mikita, seit vergangener Woche sind Sie in Bremen. Wie geht es Ihnen?
Alexander: In Bremen ist es wie im Märchen, alles ist so ruhig. Jeder ist freundlich, ich fühle mich hier wohl. Die Gefühle, die das Wiedersehen mit unseren Familien auslösen, bringen mich zum Weinen. Als mich meine ältere Tochter gesehen hat, ist sie losgerannt und hat "Papa" gerufen – und wir haben uns umarmt. Meine Familie, das sind meine Töchter Solomiya, die vier Jahre alt ist und Sofia, sie wird im Oktober ein Jahr alt und meine Mutter und meine Frau Yulia. Schon Mitte Februar habe ich sie in den Westen der Ukraine gebracht, weil ich gefühlt habe, dass etwas passieren könnte. Von dort sind sie nach Deutschland gegangen.
Mikita: Ich habe meine Liebsten vermisst. Mein ganzes Leben hat sich geändert. In den ersten Tagen des Krieges war unklar, ob wir Charkiw halten können und was mit uns passiert. Deshalb habe ich meine Frau Hanna und meinen zweijährigen Sohn Petro nach Deutschland geschickt. Ich danke Deutschland und Bremen dafür und auch der St. Markus-Gemeinde der Bremischen Evangelischen Kirche für die Hilfe und den Schutz, den sie uns geben.
Können Sie uns erzählen wie das Leben in Charkiw ist seit Beginn der Krieges?
Alexander: Schon zu Beginn des Jahres wussten viele Ukrainer, dass etwas passieren kann, als die Russen ihre Truppen versammelt haben. Als die Invasion dann im Februar tatsächlich los ging, haben Freunde und ich Waffen und Munition besorgt und wir haben angefangen, für unsere Stadt zu kämpfen. Jetzt ist die Hälfte der Stadt nur noch eine Ruine, wie in so einem Computerspiel über die Apokalypse. Deine ganze Welt, in der du gelebt hast, ist verbrannt, kaputt, überall liegen Leichen.

Mikita: Jetzt erleben wir gerade Raketen-Terror. Weil die Russen an der Front keinen Erfolg haben, fokussieren sie aus Ohnmacht ihren Terror auf die friedlichen Menschen. Jeder Bezirk der Stadt kann jede Minute beschossen werden. Sie tun es, um die Menschen in Angst zu versetzen, sie wollen sie zwingen, die Stadt zu verlassen, aufzugeben.
Eine Familie aus der Ukraine trifft zusammen im Bürgerpark in Bremen
Mikita ist Arzt in der ukrainischen Stadt Charkiv, er besucht Frau und Sohn in Bremen. Bild: Radio Bremen
Wie muss man sich einen Tag vorstellen in Charkiw, den Sie unter diesen Bedingungen dort erleben?
Alexander: Ich habe drei Monate lang als Freiwilliger gekämpft; wir haben die Russen zurückgedrängt. Und jetzt gehe ich zum Militär-Training, Nahkampftraining. Mein Tag sieht so aus, dass ich nach dem Aufstehen ein Workout mache. Danach gehe ich in meine kleine Messerfabrik, die ich wieder aufbauen will. Dreimal in der Woche treffen wir uns mit jungen Männern, 18 oder 19 Jahre alt, ich bringe ihnen Kampftaktiken bei. Weil es auch Saboteure gibt, die sich als Zivilisten ausgeben, erkläre ich den jungen Männern, wie sie sich bei plötzlichen Nahangriffen verteidigen können.

Mikita: Ich habe drei Monate im Krankenhaus gelebt, ununterbrochen. Jetzt bin ich in meine Wohnung zurückgekehrt und gehe in die Klinik, um zu operieren. Ich arbeite seit zehn Jahren als Chirurg in der Klinik. Es ist nicht lange her, dass eine Rakete in eine Schule, gleich gegenüber, einschlug. Unsere Fenster sind herausgeflogen, Steine und Erde waren überall im Empfangsbereich verteilt, die Patienten waren verängstigt. Aber ich werde meine Arbeit fortsetzen, in jedem Fall.
Mikita, Sie und Ihr Team operieren unter Raketenbeschuss. Wie machen Sie das?
Mikita: In den ersten Tagen kannte ich keine Furcht, das war Adrenalin pur, nüchterne Entscheidungen. Weil ich wusste, meine Familie ist in Sicherheit in Bremen, war ich beruhigt. Ärzte sind es auch gewohnt, unter Druck zu arbeiten, aber unter Raketenbeschuss …

Als bei einem Beschuss die Fenster herausflogen, war unklar, ob eine Rakete auch die Klinik treffen würde. Einige Pflegekräfte brachen zusammen. Einmal ist ein Soldat auf dem OP-Tisch gestorben, obwohl die besten Spezialisten im OP waren. Wir haben alles getan, was wir konnten, aber er war zu schwer verletzt.
Ärzte und ihre Familien in einem ukrainischen Krankenhaus
Das Team von Mikita im Krankenhaus in Charkiw. Bild: Privat
Wie gehen Sie mit Furcht um, Alexander – fürchten Sie sich?
Im Krieg fürchtet sich jeder. Einige können das überwinden, andere nicht. Ich habe ein Pflichtgefühl. Was getan werden muss, muss getan werden. Es spielt keine Rolle, ob ich Angst habe oder nicht. Ich muss meinen Job machen und das Land schützen.
Können Sie beschreiben, wie es den Menschen in Ihrer Stadt geht, den Zivilisten, den Soldaten?
Alexander: Wir kommunizieren viel miteinander. Tatsächlich ist die halbe Stadt beim Militär oder bei der Landesverteidigung. Der dauernde Beschuss macht die Menschen immer wütender. Wir wissen aber, dass wir Hilfe aus anderen Ländern brauchen, ohne diese Hilfe werden wir nicht überleben. Dank Europa haben wir Essen – und Waffen, mit denen wir kämpfen können.

Mikita: Der Geist der Menschen ist unbesiegbar, gerade in Charkiw. Die Anwohner von Charkiw einzuschüchtern und ihnen etwas gegen ihren Willen aufzuzwingen, war schon immer eine Herausforderung. Wir sind Freigeister. Vielleicht liegt das in den Genen, weil wir Wurzeln ukrainischer Kosaken in uns tragen. Die Russen glauben, dass wir in Panik oder Verzweiflung ausbrechen, wenn sie uns mit Raketen quälen. Stattdessen aber wächst die Wut. Viele Menschen, die pro-russisch waren, hassen die Besatzer inzwischen abgrundtief.

Für die Hilfe aus anderen Ländern sind wir dankbar; aber wir brauchen mehr Waffen. Menschen, die in Sicherheit leben, verstehen nicht, durch welche Hölle wir gehen und das dies ein wirklicher Genozid mitten in Europa ist.
Zwei ukrainische Soldaten
Alexander und ein Kamerad in der Stadt Charkiw, es liegt noch Schnee. Bild: Radio Bremen
Die Menschenrechts-Organisation "Amnesty International" hat die ukrainische Armee kritisiert. Soldaten hätten aus Wohngebieten heraus operiert und so das Leben von Zivilisten gefährdet. Wie sehen Sie das?
Alexander: Diese Aussage empört mich, sie ist unverschämt – das ist völliger Wahnsinn. Sie wollen uns töten und jetzt werfen sie uns vor, dass wir uns verteidigt haben? Wir haben Krieg und einen Genozid am ukrainischen Volk. Die Russen haben Stellungen in Hochhäusern errichtet. Sie haben Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt, sie treiben Menschen aus ihren Häusern und verstecken sich dort.

Mikita: Natürlich hat unser Militär keine Stellungen in Wohngebieten. Das sind Informationen, die über feindliche Massenmedien gestreut werden. Das ist verrückt. Die Russen schützen sich selbst mit friedlichen Zivilisten.
Eine zerstörte Säule in der Ukraine
Die Hälfte der Stadt Charkiw ist zerstört, sagen Mikita und Alexander. Bild: Privat
Wie ist es in Charkiw, wie gehen die Soldaten dort vor?
Als die Russen so nah waren, sich am Stadtrand bewegten, haben wir auf den Straßen der Stadt gekämpft. Es gab auch mitten in der Stadt Scharmützel. Wir mussten die Russen vertreiben, weil wir befürchteten, dass sie uns töten und unsere Frauen vergewaltigen. Es ist ja wohl klar, dass die Besatzer nicht sagen: "Kommt, lasst uns aufs freie Feld gehen und dort kämpfen." Aber unser Militär ist nicht in Wohngebieten stationiert.

Mikita: Ich will das noch einmal wiederholen: Die Zivilbevölkerung wird ganz bewusst bombardiert, mit allem, was die Russen benutzen können und was uns erreicht. Die Stadt ist sehr nah an der Frontlinie und an der Grenze zu Russland. Direkt von der Stadt Belgorod aus fliegen Inskander-Raketen über uns, jeden Tag.
Ein zerstörtes Auto in der Ukraine
Zertstörung in Charkiw. Bild: Privat
Wie schützen Sie sich selbst?
Mikita: Momentan? Gar nicht. Wir haben uns so an die Situation gewöhnt, wenn ich Bomben höre, halte ich Regeln ein, aber gehe nicht in den Keller. Und wenn es nicht unbedingt nötig ist, bewege ich mich nicht in der Stadt und vermeide große Menschenansammlungen, wie zum Beispiel in einem Einkaufszentrum.

Alexander: Gar nicht. Die Russen bombardieren alles. Ich versuche mich dort aufzuhalten, wo nicht so oft Raketen einschlagen. Wie die meisten Menschen in Charkiw, habe ich mir angewöhnt, auf Geräusche zu achten. Wenn ich etwas fliegen höre, weiß ich, ich muss mich hinlegen. Zu Hause habe ich eine Ausrüstung: eine schusssichere Weste und einen Helm – und wenn es zu laut ist, lege ich alles an. Und ich habe einen Brunnen in der Nähe, dort verstecke ich mich normalerweise.
Wie können Sie bei dieser Lage für sich sorgen? Wovon leben Sie, woher bekommen Sie Lebensmittel?
Alexander: Lebensmittel bekommt man an Ausgabestellen. Wir bekommen viele Hilfen aus ganz Europa, sodass diejenigen, die sich selbst nichts kaufen können, dort Essen bekommen. Es gibt große Supermarkt-Ketten, dort kann man einkaufen. Mit meiner kleinen Messer-Fabrik verdiene ich etwas Geld. Das reicht, um Lebensmittel für mich und meine Arbeiter zu kaufen. Ich lebe ja jetzt allein und brauche nicht viel.

Mikita: Ich bekomme weiterhin mein Gehalt. In den ersten Monaten haben Freiwillige Lebensmittel gebracht, das hat geholfen. Das passiert jetzt nicht mehr so häufig, deshalb kaufe ich es selbst.
Was gibt Ihnen Kraft, weiter zu machen?
Mikita: Meine Familie. Ich weiß, warum ich das tue. Ich will uns dem Sieg näher bringen. Es ist so ermutigend, dass die Menschen in der Ukraine zusammenstehen und sich gegenseitig unterstützen. Angehörige von Patienten helfen auch so gut sie können, machen sauber und bereiten Mahlzeiten zu. Das hält den Kampfgeist hoch.

Alexander: Die Ukrainer helfen mir. Glauben Sie mir, wir möchten alle, dass dies ein Ende hat und wir unsere Familien nach Hause holen können. Wir hatten alles, was wir uns gewünscht haben: Ein Leben, ein Haus, Kinder. Wir brauchen diesen Krieg nicht. Dies ist kein Unabhängigkeitskrieg, unsere Unabhängigkeit hatten wir längst erreicht. Hier geht es um die Existenz der ukrainischen Nation. Wir, die Ukraine, werden uns verteidigen und kämpfen.
Ende August sind es genau sechs Monate, seit der russische Angriffskrieg in der Ukraine begann. Was glauben Sie, wie lange er noch dauern wird?
Alexander: Das kann sehr lange sein. Russland hat das Geld, den Krieg weiter zu führen. Halb Europa kauft bei den Russen irgendwas ein, so werden sie weiter kämpfen. Wir müssen Russland stoppen, das ist die einzige Option, den Krieg zu beenden. Russland muss gestoppt und denuklearisiert werden. Sie müssen alle Atomwaffen abgeben, mit denen sie ständig drohen.

Mikita: Meiner Meinung nach, werden wir auf jeden Fall siegen. Aber das kann sich jahrelang hinziehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir weiter militärische Hilfe bekommen. Es kann sich zu einem eingefrorenen Konflikt entwickeln. Aber nur, wenn alle Regionen befreit wurden – der Donbas, die Krim – dann können wir ein friedliches Leben leben.
Denken Sie an die Zukunft? Wie kann die aussehen?
Alexander: Das ist für andere vielleicht schwer zu verstehen, zu akzeptieren und nachzuempfinden. Aber wir Ukrainer leben im Moment ohne einen Plan. In einer Lage, in der man jede Minute sterben kann – in der wir nicht wissen, was morgen ist – können wir nichts planen. Wir sind glücklich darüber, dass unsere Familien, unsere Kinder, hier in Deutschland, in Bremen sind. So können wir unser Land verteidigen und es dem Sieg näher bringen.

Mikita: In der Ukraine gibt es zurzeit keinen sicheren Ort. Sie sehen ja, dass überall Raketen fliegen. Hier leben unsere Familien unter normalen Bedingungen, haben Essen, besuchen Sprachkurse und bekommen finanzielle Unterstützung – das beruhigt mich. In der Ukraine würde ich ständig über ihre Sicherheit nachdenken. So aber kann ich ganz normal arbeiten, operieren und als Freiwilliger helfen. Wenn mir, Gott bewahre, etwas passiert, ist die Familie versorgt.
Sie sagen, sie brauchen humanitäre Hilfe. Was brauchen Sie am meisten?
Mikita: Ich brauche meine Familie und ein normales Leben. Ich brauche einen Sieg. Wir brauchen humanitäre Hilfe und Medikamente. Wir wollen unseren Respekt und unseren Dank ausdrücken, für die Hilfe, die wir von der deutschen Regierung und dem Volk schon bekommen haben. Ich bitte Sie, das fortzuführen, das ukrainische Volk zu unterstützen, bis wir gewinnen und die Besatzer aus unserem Land vertrieben haben. Sie können auch über die St. Marcus-Gemeinde in Bremen helfen.
Mitte August kehren Sie zurück nach Charkiv. Wie geht es Ihnen, wenn Sie daran denken ?
Alexander: Es ist schwierig von einem ruhigen, friedlichen Leben in Deutschland nach Charkiw zurückzukehren, wo man jeden Moment verletzt oder getötet werden kann. Das sind zwei unterschiedliche Geisteszustände: Ruhemodus und Überlebensmodus. Es ist nicht gerade einfach, von einem in den anderen zu wechseln. Wenn sich dein ganzes Leben ums Überleben dreht, wie du nicht unter Beschuss gerätst, wie du dein Geschäft wieder aufbaust, dann denkt man weniger an Gefühle, sondern mehr an das, was man gerade braucht.

Mikita: Ich glaube, ich muss zurückkehren, arbeiten, nützlich sein und zum Sieg der Ukraine beitragen. Natürlich will ich meine Familie nicht verlassen, aber ich muss

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. August 2022, 19:30 Uhr