Interview

Ein Grad runter in Bremerhavens Bädern – gar nicht gut für Warmduscher

Kinder spielen vergnügt in einem Schwimmbad.
Durch die Bewegung im Wasser setzen diese Kinder Energie frei und erzeugen Wärme. Bild: DPA | Amelie Benoist/BSIP

Um in Zeiten der Krise Energie zu sparen, senken die Bremerhavener Bäder die Temperatur um etwa ein Grad. Ein Biopsychologe hat Tipps, damit sie beim Schwimmen nicht frieren.

Wegen der hohen Energiekosten senkt die Bremerhavener Bädergesellschaft die Wassertemperatur in ihren Warmwasserbädern um durchschnittlich ein Grad: auf 26 bis 31 Grad. Dass die Bremerhavener deshalb aber weniger Spaß beim Baden haben werden, glaubt der Biopsychologe Peter Walschburger nicht. Walschburger forscht zu den Einflüssen, die Faktoren wie Licht und Temperaturen auf unser Wohlbefinden haben. Aus seiner Sicht kommt es beim Schwimmen vor allem auf die Vorbereitung an.

Herr Walschburger, merkt man einen Grad Unterschied bei der Wassertemperatur?
Das kann man schon merken. Insbesondere dann, wenn man einen Vergleich hat. Wenn man also beispielsweise von einem Becken mit einer Temperatur von 23 Grad in ein Becken mit 22 Grad wechselt. Aber gravierend wäre der Unterschied natürlich nicht, erst recht nicht bei noch höheren Wassertemperaturen!

Wir haben eine Komfortzone. Die liegt bei unbekleidetem Körper und normalen Bedingungen, wenn man sich nicht verausgabt, bei 28 Grad. Wenn wir bekleidet sind, fühlen wir uns etwa bei 21 oder 22 Grad so wohl. Man spricht ganz grob bei Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad von einer Wohlfühlzone. Innerhalb dieser Zone kann man viel machen, um einzelne Grade zu kompensieren. Daher spielt es in der Praxis wohl kaum eine Rolle, wenn ein Schwimmbad um ein Grad runtergeht.
Was kann man beispielsweise machen, um sich für den Sprung ins kalte Wasser zu wappnen?
Man kann sich den Temperaturvergleich, den wir ständig anstellen, zunutze machen. Wenn Sie zum Beispiel erst kalt duschen – etwa bei 18 Grad – und dann ins Schwimmbecken steigen, haben Sie den Eindruck, dass das Wasser angenehm warm ist, auch wenn es beispielsweise nur 22 Grad aufweist. Wenn Sie dagegen vor dem Schwimmen heiß duschen, dann kommen Ihnen die 22 Grad, zumindest während sie einsteigen, sehr kühl vor.
Biopsychologe Prof. Dr. Peter Walschburger
Rät zu Bewegung vor dem Gang ins Schwimmbecken: Peter Walschburger Bild: Peter Walschburger
Wenn ich aber partout nicht kalt duschen will – wie kann ich mir dann behelfen?
Sie können sich, bevor sie ins Wasser steigen, körperlich ein bisschen betätigen. Dazu kann es schon ausreichen, mit dem Fahrrad zum Schwimmen zu fahren statt mit dem Auto. Denn durch die Bewegung kommt der Körper in eine Situation, in der er mehr Energie verbraucht. Er arbeitet dagegen an und erzeugt Wärme. Im Ergebnis wollen Sie Wärme abgeben. Und das ist günstig, wenn man in kälteres Wasser steigt.

Das hat übrigens schon der alte Pfarrer Kneipp (der Erfinder der Kneipp-Bäder, die Redaktion) gewusst. Man geht in seinen Bädern mit den Beinen in kaltes Wasser, aber eben nicht am frühen Morgen, wenn man aus dem Bett steigt und ohnehin etwas fröstelt, sondern mittags oder abends, nachdem man tätig war und der Körper eher Wärme abstrahlt.
Wieso friert man im Wasser überhaupt leichter als an der Luft?
Weil Wasser eine größere Wärmeleitfähigkeit hat. Aber: Man kann diesen kleinen Kältereiz, wenn man ins Wasser steigt, auch als stimulierenden Reiz empfinden. Ich empfehle, dass man sich das auch klarmacht, dass man sich sagt: "Jetzt kommt eine kleine Kälteempfindung auf mich zu, aber in kurzer Zeit reguliert mein Körper das wieder aus."

Denn von innen kommt eine Nachwärmung. Zumindest wenn man nicht ganz untrainiert ist in der Wärmeregulation, macht der Körper, wenn es kühler wird, einfach außen zu. Die äußeren Gefäße werden eher verschlossen, das Blut zieht sich weiter ins Zentrum zurück. Dann fängt man an zu schwimmen, und durch die Energie, die dabei frei wird, wird der Wärmeverlust wieder kompensiert – und zwar schon nach wenigen Zügen, die man schwimmt. Vorausgesetzt natürlich, dass es nicht zu kalt ist, nicht unter 20 oder 21 Grad.
Ist es klüger, langsam ins kühle Wasser zu steigen, oder sollte man einfach reinspringen?
Es ist einfacher, wenn man sich schnell dem Kältereiz aussetzt, nicht länge zögert. Aber: Menschen, die etwas empfindlicher sind oder mit Herzproblemen zu kämpfen haben, sollten sich trotzdem sorgfältiger anpassen. Dazu muss man aber auch sagen: Das sind Dinge, die wichtiger sind, wenn der Körper sehr überhitzt oder das Wasser richtig kalt ist, deutlich unter 20 Grad. Unter normalen Umständen im Schwimmbad sollte es jeder einfach so machen, wie er es am liebsten hat.
Es heißt, dass Frauen schneller frören als Männer, weil sie weniger Muskeln hätten. Denn Muskeln würden ständig Energie verbrauchen, wodurch der Körper wiederum ständig Wärme produziere. Stimmt das, frieren Frauen wirklich schneller als Männer?
Es ist etwas komplizierter. Denn Frauen haben in der Regel auch ein etwas größeres Unterhautfettgewebe als Männer. Das schützt sie wiederum vor der Kühle. Trotzdem ist es so, dass Frauen stärker über Abkühlungseffekte berichten und wohl auch stärker darunter leiden, gerade an den peripheren Gliedmaßen. Trotzdem könnte ich mir auch vorstellen, dass Frauen, wenn sie unter den gleichen Bedingungen wie Männer dreißig Minuten kaltem Wasser ausgesetzt wären, besser durchkämen als die Männer, weil sie durch ihr stärkeres Unterhautfettgewebe besser vor Unterkühlung geschützt sind.

Nachholbedarf an Schwimmkursen: 3.000 Bremer Kinder auf der Warteliste

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Mai 2022, 19:30 Uhr