Interview

Bremer Therapeutin: Das macht die Sucht der Eltern mit den Kindern

Auf einem Wohnzimmertisch steht eine Flasche Schnaps, im Hintergrund ein Mann mit Glas auf dem Sofa.
Wer an der Flasche hängt, schadet damit nicht nur sich, sondern auch seinen Angehörigen. Bild: dpa | Shotshop/Monkey Business 2

Fast egal, um welche Sucht es geht: Nicht nur Süchtige leiden darunter, sondern auch ihre Kinder. Die Sucht der Eltern prägt sie. Wie, erklärt eine Bremer Suchttherapeutin.

Sucht ist ein Massenphänomen. Sie zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Auch verändert Sucht nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch ihrer Angehörigen. Ihnen zu helfen, ist ein wesentliches Ansinnen der Aktionswoche Sucht in Bremen und Bremerhaven vom 8. bis 16. Juni.

Was man dazu wissen sollte: Allein mehr als 2,6 Millionen Kinder leiden in Deutschland unter Suchtproblemen ihrer Eltern, schätzt Nacoa Deutschland. Die Suchtberaterin Edith Hatesuer ist die Regionalsprecherin Nacoas in Bremen. In ihrer Praxis arbeitet sie viel mit erwachsenen Kindern Süchtiger. buten un binnen hat mit ihr darüber gesprochen, wie die Sucht der Eltern Menschen formt.

Frau Hatesuer, worin unterscheiden sich erwachsene Kinder Suchtkranker typischer Weise von anderen Erwachsenen?

Grundsätzlich unterscheiden sie sich gar nicht so sehr von anderen. Allerdings leben sie Verhaltensweisen, die sie in ihren Familien kennengelernt haben, extremer aus. So sind sie oft besonders verantwortungsvoll, leistungsbereit und fürsorglich. Sie sind für andere da. Das ist bei Kindern Suchtkranker oft sehr ausgeprägt. Sie haben einen hohen Anspruch an sich selbst. Sie machen ihr eigenes Wohlbefinden davon abhängig, wie es anderen geht.

Das klingt alles positiv.

Ja – so lange sie diese Eigenschaften auch für sich selbst nutzen. Das machen sie aber im Unterschied zu anderen Erwachsenen oft nicht. Sie nutzen ihre Fähigkeiten, um für andere da zu sei. Sie glauben erst dann, etwas wert zu sein, wenn sie die Wünsche anderer erfüllen. Aber der Anspruch, den sie an sich haben, ist meistens gar nicht zu erfüllen, so dass sie sich überfordern und sich nicht gut genug fühlen.

Es heißt, dass die Kinder Suchtkranker in etwa einem Drittel der Fälle selbst alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig werden. Woran liegt das?

Sie kommen aus Familien, in denen Alkohol oder andere Drogen eine Bewältigungsstrategie sind. Suchtmittel-Abhängigkeit ist ein missglückter Lösungsversuch: Ich komme mit etwas nicht klar, habe unangenehme Gefühle, trinke etwas und merke: Oh, ich fühle mich besser. Das gilt aber natürlich nur für den Moment.

Wenn Kinder mit dieser Bewältigungsstrategie aufwachsen, dann hat das unter anderem zur Folge, dass sie unbewusst sagen: Das war bei uns in der Familie eine Strategie – das ist jetzt auch meine Strategie, damit ich in diese Familie passe, in dieses System.

Was aus Kindern Suchtkranker wird

Die Folgen bei Kindern von Suchterkrankten Psychische oder soziale Störungen Alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig Symptomfrei 1/31/31/3
Bild: Nacoa Deutschland, Februar 2024

Aber sie müssten sich doch daran erinnern, wie sehr die Drogen ihren Eltern oder anderen Familienmitgliedern geschadet haben. Das müsste sie normalerweise vom Konsum abhalten…

Das ist auch bei manchen so. Aber gerade diejenigen, die sagen: "Es war fürchterlich, ich werde nie so etwas anrühren" – gerade die werden hinterher oft selbst abhängig. Unser Gehirn ist so strukturiert, dass es das "Nicht" nicht hört, die Verneinung. Wenn jemand sagt, "das möchte ich nie so machen“, dann hört das Gehirn: Das möchte ich so machen." (Anmerkung der Redaktion: Um Verneinungen verarbeiten zu können, müssen beide Gehirnhälften parallel arbeiten: die eine verarbeitet den "positiven" Sachverhalt, die andere die Verneinung. Das kann zu Fehlern führen.)

Hinzu kommt das Prinzip der kindlichen Loyalität. Ich weiß, dass sich das verrückt anhört. Aber kindliche Loyalität drückt sich unter anderem darin aus, dass die Betroffenen selber abhängig werden und damit – im Falle von Alkoholismus – die Loyalität zum trinkenden Elternteil herstellen, obwohl sie das nie wollten.

Eine Familie mit Kindern beim Abendessen. Ein Mann öffnet eine Flasche Wein.
In vielen Familien eine Selbstverständlichkeit, spätestens bei häufigen Wiederholungen aber unter diskussionswürdig: Ein Vater öffnet zum gemeinsamen Abendessen eine Falsche Wein. Bild: Imago | Zoonar

Spielt hierbei eine Rolle, wovon die Eltern beziehungsweise ein Elternteil abhängig ist oder gewesen ist?

Aus meiner Sicht spielt das keine große Rolle. Das Gemeinsame ist die Unsicherheit, in der die Kinder leben. Egal, ob es um Alkohol, andere Drogen oder auch um Medikamente geht. Wenn die Kinder nach Hause kommen, wissen sie nie: Was ist da los? Wie ist die Stimmung?

Wobei ich natürlich nicht ausschließen kann, dass diese Unsicherheit noch größer ist, wenn es um illegale Drogen geht. Da mögen die Auswirkungen noch heftiger sein, wenn das Kind beispielsweise miterleben muss, wie die Polizei ins Haus kommt und so.

Um welche Drogen und Süchte Angehöriger geht es in ihrer beruflichen Praxis am häufigsten?

Am häufigsten habe ich mit Menschen zu tun, deren Eltern alkoholabhängig sind. Es kommen aber auch immer mehr Fälle hinzu, in denen die Eltern cannabisabhängig sind oder arbeitssüchtig. Ein ganz großes Thema, das leider viel zu wenig beachtet wird, ist die große Zahl derer, die zwar nicht körperlich alkoholabhängig sind, aber psychisch. Ihr Anteil ist, sehr, sehr groß, glaube ich.

Ich meine damit Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, aber in der Gesellschaft nicht auffällig sind. Sie gehen ganz normal arbeiten, kriegen ihr Leben geregelt. Aber sie sind emotional nicht für ihre Kinder präsent, auch nicht für die Partnerin oder den Partner. Wenn sie nach Hause kommen, ist wichtig, dass das Feierabend-Bier da ist oder das Glas Rotwein. Und wenn das nicht der Fall ist, dann kippt die Stimmung.

Auf diese Weise geraten Kinder schnell in Co-Abhängigkeiten. Denn sie sehen und fühlen: Wenn das Bier nicht da ist, dann ist die Stimmung dahin.

Was können Kinder süchtiger Eltern tun, um aus ihrer eigenen Geschichte etwas Positives zu ziehen?

Was diese Kinder auszeichnet, ist oft, dass sie sehr leistungsfähig sind, gut vermitteln und gut organisieren können. Sie sind fürsorglich, behalten den Überblick. Einige haben auch sehr viel Humor. Das sind alles sehr gute Eigenschaften. Um etwas Positives aus ihrer Lage zu ziehen, müssen sie sich bewusst machen: Was kann ich alles? Und wie kann ich das nicht nur für andere nutzen, sondern für mich?

Ich sage in meinen Gesprächen zu diesen Menschen oft Sätze wie: "Wenn Sie nur ein Drittel dessen, was Sie ihrer Partnerin oder ihrem Partner zukommen lassen, sich zukommen lassen – was glauben Sie: Wie würden Sie sich fühlen?"

Die Reaktion ist dann oft ein Aufatmen. Weil ich ja nur von einem Drittel gesprochen habe. Die bekommen dann sofort das Gefühl: Ja, es wäre gut. Jetzt müssen sie sich klarmachen, dass sie das tatsächlich dürfen! Sie dürfen für sich sorgen. Das zu lernen, ist für die Kinder süchtiger Eltern ganz wichtig.

Dieser Artikel wurde zuerst am 18. Februar 2024 veröffentlicht und aus aktuellem Anlass aktualisiert.

Nach der Sucht: So ist das Leben ohne Alkohol für diesen Bremer

Bild: Radio Bremen

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Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Juni 2024, 19:30 Uhr