Sind Solaranlagen auf Ackerflächen rund um Bremen eine gute Idee?

Solaranlage auf einem Getreidefeld (Symbolbild)

Ein Solarpark im Getreidefeld?

Bild: dpa | MaxPPP/Sebastien Lapeyere

Im Kreis Cuxhaven gab es in den vergangenen anderthalb Jahren mehr als 80 Anfragen zu Solaranlagen auf Ackerflächen. In der Branche herrscht Goldgräberstimmung – aber zu welchem Preis?

Würde allen Anfragen im Landkreis Cuxhaven zugestimmt, würde eine Fläche von 1.300 Hektar mit Solar bebaut werden – das entspricht 1.800 Fußballfeldern. Doch nicht nur im Kreis Cuxhaven gucken die Gemeinden ganz genau hin, wo welche Solaranlagen stehen. Gemeinden wollen damit verhindern, dass allzu viele Ackerflächen für den Anbau von Lebensmitteln verloren gehen. Trotzdem wird in Gemeinderatssitzungen immer wieder hitzig diskutiert. Und manchmal ist dabei auch ein Argument ganz weit vorne: Schnell bei der Energiewende mithalten zu wollen.

Bauernverband in Niedersachsen ist dagegen

Doch der niedersächsische Bauernverband, das Landvolk Niedersachsen, will da nicht mitmachen. Ackerflächen einfach so mit Solar "zuzupflastern" wäre fatal, sagen sie – auch, weil Solarfirmen die Pachtpreise für alle nach oben treiben. Sie bieten offenbar das drei- bis siebenfache des Pachtpreises. Dass Deutschland aber Energie und Getreide braucht und beides am besten aus dem eigenen Land, hat vor allem der Ukraine-Krieg gezeigt.

Trotzdem sagt nicht nur der Bauernverband in Niedersachsen: Der Bau neuer Solaranlagen muss geregelt passieren. Auch die Umweltverbände stimmen zu. "Es sollten vor allen Dingen Orte sein, die schon in irgendeiner Form beeinträchtigt sind und keine reinen Naturflächen oder auch keine reinen landwirtschaftlichen Flächen darstellen", sagt Klaus Prietzel vom BUND in Bremen.

Wo welche Solaranlagen gebaut werden sollten

Beide Verbände haben unabhängig voneinander eine Liste erstellt, die priorisieren soll, wo Solar angebaut wird. Erst, sagen sie, sollten alle Dächer in Deutschland mit Solar bebaut werden. Erst danach sollen alle Flächen bebaut werden, die sowieso schon versiegelt sind und daher nicht mehr genutzt werden können wie Mülldeponien, Militärflächen oder alte Bahnhöfe. Und erst dann sollte auf landwirtschaftlichen Nutzflächen gebaut werden – aber in einer Abstufung: also erst die Flächen, die vielleicht verseucht oder nicht so fruchtbar sind.

Forschungen zu Solaranlagen zeigen interessante Ergebnisse

Die Forschungen zu verschiedenen Solaranlagen in der Landwirtschaft laufen dennoch auf Hochtouren: Die Universität Hohenheim und das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg sind ganz vorne mit dabei. Sie erforschen zum Beispiel, ob so genannte Agri-Photovoltaik-Anlagen eine Lösung in der Landwirtschaft sein könnten. Das sind hoch aufgeständerte Anlagen, unter denen Trecker und Mähdrescher noch unter durchfahren können und so das Land bewirtschaftet werden kann.

Lebensmittel und Strom – das klingt erstmal nach einer genialen Idee. Doch auch diese Idee hat mehrere Haken: Zum einen sind die Agri-Photovoltaikanlagen sehr teuer, weil es sehr große Bauten sind. Sie sind im Schnitt doppelt so teuer wie eine Solaranlage auf dem Dach. Zum anderen sind sie gar nicht für alle Pflanzen geeignet.

Niedersachsen könnte von Agri-Photovoltaik profitieren

Freiflächensolaranlagen
Niedersachsen hat sich als Klimaziel gesetzt, 2,5 Gigawatt Strom aus Erneuerbaren zu produzieren (Symbolbild). Bild: IMAGO/ blickwinkel

Nach dem bisherigen Stand der Forschung eignen sie sich gut für Beerenfrüchte und Äpfel, sagt Andreas Schweiger. Er ist Leiter der Fachgruppe für Pflanzenökologie an der Universität Hohenheim. "Ein typisches Beispiel für eine eher schlecht wachsende Kulturpflanze ist der Mais, denn Mais benötigt generell mehr Licht als zum Beispiel Weizen. Aber dabei haben wir die Klimaveränderung noch nicht berücksichtigt. Unter Bedingungen, die einfach zunehmend trockener werden, kann es durchaus sein, dass Mais unter solchen Anlagen auch profitieren kann. Bei Weizen ist es gemischt. In Jahren, die normal feucht waren, haben wir schlechteres Wachstum von Weizen unter den Anlagen beobachtet."

Für Niedersachsen sind diese Erkenntnisse schon interessant: Denn auf knapp 18 Tausend Hektar werden hier Äpfel, Heidelbeeren und Spargel angebaut. Würden nur zehn Prozent dieser Fläche mit Agri-PV bebaut, könnten damit schon bis zu 1,5 Gigawatt Strom produziert werden. Da wäre das Klimaziel nur noch ein Gigawatt entfernt: denn Niedersachsen hat sich als Klimaziel gesetzt, 2,5 Gigawatt Strom aus Erneuerbaren zu produzieren.

Ganz neu wird an Solarhecken geforscht

In Niedersachsen wird deswegen an einer weiteren Solaranlage geforscht: Sie wird Solarhecke oder Solarzaun genannt und soll demnächst im Ortsteil Stedorf in der Gemeinde Dörverden als Versuchsobjekt aufgestellt werden. Die Hecken sollen dort im Abstand von zehn Metern aufgestellt werden, damit dazwischen noch das Feld beackert werden kann. Auf einem anderen Teil des Feldes werden die Solarhecken nicht stehen, um eine Vergleichsfläche zu haben.

Leiter des Projekts für die Solarhecken in Stedorf ist Corbinian Schöfinius von der Klimaschutz- und Energieagentur Verden und erzählt, was genau die Agentur rauskriegen will: "Die drei großen Fragen bei der Untersuchung sind die nach Ackerbau, Naturschutz und Technik. Die Fläche, auf der die Anlage steht, wird ökologisch bewirtschaftet. Wir werden dort eine möglichst klassische Fruchtfolge aus Kleegras, Getreide und Gemüse anbauen, um dann zu sehen: wie sind die Erträge? Und in der Technik wollen wir rausfinden, wie hoch der Stromertrag ist."

Forschung ist noch nicht so weit

Doch sowohl zu den Agri-Photovoltaik-Anlagen als auch zu den Solarhecken stecken die Forschungen noch in den Kinderschuhen. Es kann also noch Jahre dauern, bis diese Anlagen in Deutschland großflächiger gebaut werden können. Die Anlagen sollten aber laut BUND und Nabu so verteilt werden, dass Strom und Lebensmittelproduktion gut zusammenpassen und sich nicht gegenseitig behindern. Zum Beispiel: Freiflächen-Solar auf Feldern, die nicht mehr so ertragreich sind, Agri-Photovoltaik für Obst und Beeren und Solarhecken auf Weizenfeldern und Solarhecken um ein Feld herum.

Ob und wie die Energiewende mithilfe von Ackerflächen in Deutschland funktionieren könnte, steht also noch in den Sternen. Denn dass jemand – also zum Beispiel eine Behörde – einen sinnvollen Energiemix koordiniert, ist illusorisch – alleine schon deswegen, weil jedes Bundesland für sich selbst entscheidet. Dabei wäre das offenbar die Lösung: Landwirtschaft und Solar kann nur dann gut zusammen funktionieren, wenn der Ausbau der Anlagen sinnvoll geplant wird.

Autorin

  • Kirsten Rautenberg
    Kirsten Rautenberg Redakteurin