Interview

Bremerhavener Schuldnerberater: "Schlimm wird es erst in einem Jahr"

Eine Frau sitzt verzweifelt über Rechnungen (Symbolbild)

Interview mit Schuldnerberater Patrick Klöppel

Bild: Imago | McPhoto

Schon Corona hat viele in Existenznot gebracht – etwa durch Kurzarbeit oder verlorene Jobs. Nun kommen Energie und Inflation dazu. Was das für die Schuldnerberater bedeutet.

Patrick Klöppel arbeitet seit 2013 in der sozialen Schuldnerberatung des Betreuungsvereins Bremerhaven. Im Interview erzählt er von stark gestiegenem Beratungsbedarf auch bei Bevölkerungsgruppen, die früher kaum in der Beratung waren. Und er warnt: Das Schlimmste kommt für seine Klienten wohl erst in einem Jahr.

Herr Klöppel, haben Sie eigentlich in der Schuldnerberatung schon mehr zu tun?
Ja, das ist tatsächlich so. Die Zahl an Beratungsuchenden ist in den letzten Monaten drastisch gestiegen. Wir erleben einfach, dass sich auch das Klientel geändert hat. Früher hatten wir sehr viele Menschen, die Hartz 4 oder Grundsicherung bekommen, die also existenzsichernde Leistungen beziehen. In den letzten Monaten erleben wir, dass sich Menschen, die in Lohn und Brot stehen, an uns wenden und um Hilfe bitten: Arbeitnehmer, aber auch Rentner oder Solo-Selbstständige.
Patrick Klöppel
Schuldnerberater Patrick Klöppel Bild: privat
Was berichten die Ihnen genau?
Eine Überschuldung entsteht nicht über Nacht. Das ist in den meisten Fällen ein Prozess, der schleichend ist. Viele versuchen immer wieder, über kleine Ratenzahlungen rauszukommen oder von Oma nochmal Geld zu bekommen. In den letzten zwei Jahren war es so, dass durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie diese Möglichkeiten oft nicht mehr da waren: durch Kurzarbeit oder den Wegfall von Nebenjobs, weil zum Beispiel die Jobs in der Gastronomie sofort gekündigt wurden, weil keine Arbeit mehr da war.
Inwiefern verändert das denn auch Ihre Arbeit? Müssen Sie sich in der Beratung anders einstellen?
Grundsätzlich behandeln wir alle Menschen, die zu uns kommen, gleich. Wir gucken: Wo stehen die Leute? Was ist das Problem? Wir schauen uns die gesamte Lebenslage der Menschen an und versuchen dann, gemeinsam einen Lösungsweg zu finden. Das ist individuell, und das war es auch schon immer. Wir gucken: Wo können wir Unterstützung bieten, damit die Existenz gesichert ist? Wir kümmern uns erst später darum, wie wir die Schulden tatsächlich regulieren.
Ab wann sollten sich Menschen, die jetzt Probleme haben, bei den Schuldnerberatungen melden?
Das kann man jederzeit machen, wenn man merkt: Es reicht nicht mehr, ich komme nicht mehr über den Monat und schaffe es nicht mehr, mit dem, was reinkommt, die laufenden Ausgaben zu begleichen. Wir bieten an, Haushaltspläne zu machen und leisten Budgetberatung. Wir versuchen aufzuzeigen, wo man noch ein bisschen schrauben kann – an der Einkommenssituation meist nicht, aber bei den Ausgaben. Da kann man vielleicht noch etwas verringern oder eine Versicherung kündigen.

Gerade jetzt bei den gestiegenen Energiepreisen und der Inflation sollte man doch eher zu früh Hilfe in Anspruch nehmen als zu spät.

Patrick Klöppel
Nun gibt es ja das Neun-Euro-Ticket, den Tankrabatt, die Energiepauschale. Was ist da Ihre Hoffnung? Wird das vielen Menschen wirklich helfen können?
Ich glaube, dass es schwierig wird, über die nächsten Jahre zu kommen. Das sind jetzt kleine Tropfen auf dem heißen Stein. Aber die Auswirkungen der Corona-Pandemie fangen jetzt erst so langsam an, sich darzustellen. Ich glaube, dass das, was sich über die Energiepreise und die Inflation niederschlagen wird, erst im nächsten Jahr kommen wird. Nicht jetzt, denn die Heizkosten-Abschläge und die Rechnungen kommen erst im Winter oder im Frühjahr – und es soll ja alles noch teurer werden.

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Autorin

  • Jessica Liedtke

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 4. Juli 2022, 10.05 Uhr