Diese 4 Punkte sollen Corona in Bremens ärmeren Vierteln stoppen

Gesundheitslotsen, Streetworker, Kulturvermittler: Um Corona in ärmeren Stadtteilen zu bekämpfen, stärkt Bremen die Sozialarbeit – und kann auf diese Fortschritte verweisen.

Ein Sozialarbeiter spricht mit einem Mann, der an einer Treppe sitzt (Symbolfoto)
Streetworker zur Aufklärung der Bevölkerung spielen in Bremens Kampf gegen Corona eine immer größere Rolle. (Symbolbild) Bild: DPA | Marijan Murat

Es ist wieder einmal so weit. Am heutigen Mittwoch wird das Bremer Gesundheitsressort ortsteilgenaue Corona-Infektionszahlen für die Stadt Bremen vorstellen. Noch im November überstiegen die Werte der ärmeren Wohngebiete wie Tenever oder Gröpelingen jene der reicheren wie Horn-Lehe oder Borgfeld zeitweise um das Vierfache je 1.000 Einwohner.

Zwar sind die Unterschiede bei den Infektionszahlen zwischen den Bremer Stadtteilen zuletzt kleiner geworden. Dennoch hat die Politik langfristige Konsequenzen aus den alarmierenden Werten in Bremens sozialen Brennpunkten gezogen. So hat der Haushalts- und Finanzausschuss der Bürgerschaft im Dezember ein 1,12 Millionen Euro schweres Aktionspaket "zur Bewältigung der Folgen der Pandemie im Quartier" bewilligt. Den Großteil der Kosten, die aus dem Bremen-Fonds finanziert werden sollen, machen zusätzliche Sozialarbeiter aus. So schreiten die Projekte im Einzelnen voran:

1 Gesundheitsfachkräfte in Bremer Quartieren

Rund 700.000 Euro stellt die Stadt Bremen im laufenden Jahr für das Projekt "Gesundheitsfachkräfte in Bremer Quartieren" bereit. Neun Vollzeitstellen werden hierzu geschaffen. Eventuell werde das Projekt sogar kommendes Jahr fortgesetzt, sagt Gesa Wessolowski-Müller aus der Senatskanzlei. Damit bilden die so genannten Gesundheitslotsen den größten Posten im Kampf Bremens gegen Corona in ärmeren Stadtteilen.

Konkret sucht Bremen je eine Gesundheitsfachkraft für Osterholz, Gröpelingen, Blumenthal, Grohn, Hemelingen, Huchting, Huckelriede, Kattenturm und die Vahr. Die idealerweise bereits ortskundigen Sozialarbeiter sollen den Bewohnern dieser Quartiere zu einfachen Gesundheitsinformationen verhelfen, insbesondere zu solchen über die Corona-Pandemie. Dabei sollen sich die Lotsen vor allem um Menschen in schwierigen Lebenslagen und solchen mit Migrationshintergrund kümmern, heißt es in der Stellenausschreibung der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen (LVG & AFS).

Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung, zeigt sich gegenüber buten un binnen zuversichtlich, sämtliche Stellen bis spätestens zum 1. April besetzen zu können. "Ich habe noch nie so viele geeignete Kandidaten in so kurzer Zeit gesehen", beschreibt er die aktuelle Lage. Es gebe rund 30 Bewerberinnen und Bewerber, die großteils direkt in den betreffenden Quartieren auf die Stellen aufmerksam gemacht worden seien. Die Hauptaufgabe der Gesundheitslotsen werde darin bestehen, die "Selbsthilfekräfte" der Menschen zu stärken und dafür zu sorgen, "dass sich die Informationen aus den Corona-Verordnungen schneller verbreiten als Fakenews", so Altgeld.

2 Straßensozialarbeit mit Erwachsenen in Corona-Hotspots

Menschen gehen über einen Gehweg in Gröpelingen
Während der ersten und zu Beginn der zweiten Welle zählte Gröpelingen zu Bremens Corona-Hotspots. Bild: Radio Bremen

Bremen baut die Sozialarbeit mit alkohol- und drogenabhängigen Erwachsenen aus: mit je einer zusätzlichen Vollzeitkraft in Tenever und einer in Gröpelingen. In diesen beiden Wohngegenden waren die Corona-Infektionszahlen je 1.000 Einwohner zu Beginn der zweiten Welle am höchsten. Kostenpunkt: etwa 150.000 Euro. Für Osterholz hat der Senat die Initiative zur sozialen Rehabilitation (IzsR) als Träger ausgewählt, für Gröpelingen die Ambulante Suchthilfe Bremen (ASHB).

Beide haben ihre Stellen bereits im Dezember ausgeschrieben. Doch die Suche ist schwer. "Man muss viel Engagement mitbringen und auch Rückschläge wegstecken können, um suchtkranke Menschen auf der Straße zu begleiten", erklärt IzsR-Vorstand Sven Bechtolf, weswegen es nicht viele Bewerber gebe.

Auch Bertold Reetz, Geschäftsführer der ASHB, sagt, dass viel Empathie für die Arbeit mit suchtkranken Erwachsenen erforderlich sei. Nicht jedem liege es etwa, alkoholkranke Männer anzusprechen, um mit ihnen über Hygienevorschriften und Masken zu diskutieren. Trotzdem ist sich Reetz sicher, dass die ASHB die neue Stelle demnächst werde besetzen können. Bis es aber so weit sei, werde er sich notfalls selbst wieder als Streetworker betätigen, damit es losgehen kann: "Viele Suchtkranke sind wegen Vorerkrankungen wie Leberschäden besonders durch Corona gefährdet. Da dürfen wir keine Zeit verlieren", findet der ASHB-Geschäftsführer.

3 Straßensozialarbeit mit Jugendlichen in Osterholz-Tenever

Da sich in Osterholz-Tenever im relativen innerstädtischen Vergleich die meisten Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben, stärkt Bremen die bestehende aufsuchende Jugendsozialarbeit des Jugendhilfeträgers Vaja um eine Vollzeitstelle und eine Honorarkraft. Dafür sind knapp 70.000 Euro im laufenden Jahr vorgesehen. Wie Dennis Rosenbaum, stellvertretender Geschäftsführer bei Vaja, mitteilt, führt der Verein dieser Tage erste Vorstellungsgespräche mit den Bewerberinnen und Bewerbern. "Der 1. März ist als Einstellungstermin anvisiert", so Rosenbaum.

Vaja wolle eine hauptamtliche Kraft und eine studentische Kraft gewinnen, die beide eng mit den bereits vorhandenen Streetworkern zusammenarbeiten sollen. Dabei gehe es insbesondere darum, die jungen Menschen in Tenever über die Pandemie aufzuklären und für die Gefahren zu sensibilisieren.

4 Weitere Sprach- und Kulturvermittler

Bremen stockt von 76 auf 86 Sprach- und Kulturvermittler auf. Dabei handelt es sich um Langzeitarbeitslose, deren Lohnkosten das Jobcenter übernimmt. Diese so genannten Sprinter, die überwiegend im Bremer Westen zum Einsatz kommen, sind den Bewohnern der Quartiere beispielsweise als Übersetzer im Austausch mit Behörden oder auch mit Ärzten behilflich. Wie Kristin Viezens aus dem Arbeitsressort mitteilt, hätten sich bereits zehn geeignete Bewerberinnen und Bewerber gefunden, die im Laufe dieses Monats über den Träger "BRAS e. V. - Arbeiten für Bremen" eingestellt würden.

Corona-Hotspots in Bremen: Hilfen für stark betroffene Stadtteile

Video vom 8. Dezember 2020
Ein großer Wohnblock in Tenever.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Februar 2021, 19.30 Uhr