Fragen & Antworten

Warum der milde Winter vor allem für Allergiker zu Problemen führt

blühender Haselnussstrauch

Wie sich der milde Winter auf Menschen, Tiere und Pflanzen auswirkt

Bild: Imago | CHROMORANGE

Die erste Januarwoche in Bremen war fast 7 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Bleibt es so mild, könnte das für Tiere, Natur und Allergiker Probleme bringen.

Ist es derzeit denn überhaupt besonders warm? Sind das nicht übliche Schwankungen?
Klar ist: Die erste Januar-Woche war deutlich zu warm. Das sagt Roland Vögtlin vom ARD-Wetterkompetenzzentrum. "Die Durchschnitts-Temperatur in Bremen lag 6,8 Grad höher als im Vergleich zum langjährigen Mittel der Jahre 1991 bis 2020." Die Durchschnittstemperatur der ersten Januar-Woche lag bei rund neun Grad. Deutschlandweit waren es rund acht Grad. Das entspreche eigentlich einer Durchschnittstemperatur, wie man sie eher Mitte April erwartet. Und es bleibe auch in der nächsten Zeit relativ mild, so Vögtlin, auch wenn die Temperaturen nun wieder etwas nach unten gehen. Frost ist aber keiner in Sicht. Dazu ist es derzeit relativ nass. Aber: "Das ist das Positive", so Vögtlin. "So werden die Wasserspeicher wieder aufgefüllt."
Welche Auswirkungen haben die milden Temperaturen auf die Pflanzen?
Bleibt es länger mild, erwachen viele Pflanzen früher aus der Winterruhe. Das merken vor allem Allergiker am ehesten. Die Haselnuss blüht mancherorts schon seit Dezember, die Erle steht in den Startlöchern. "Das ist mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr", sagte der Agrarmeteorologe Wolfgang Janssen vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach und verweist auf den Klimawandel. Wenn es die nächsten Wochen weiter mild bleibt, werden demnach bereits am 25. Januar sämtliche Haselnusssträucher blühen und reichlich Pollen verteilen. Der Durchschnittstag hierfür ist seit den 1990er Jahren der 10. Februar, zuvor war es im Mittel erst am 25. Februar so weit.
Knospe eines Apfelbaums im Januar
Knospe eines Apfelbaums: Treiben die Gehölze zu früh aus, können sie später bei strengem Frost Schaden nehmen. Bild: Imago | agefotostock

Auch Obstgehölze können bei länger andauernden milden Phasen schon früh austreiben. Zwar seien viele Pflanzen jetzt noch in Wartestellung, bleibe es aber so mild, könnten sie zu früh dran sein, erklärt Klaus Prietzel vom BUND Bremen. Kommen dann im Februar oder März nochmal richtige Fröste, können Knospen und Triebe abfrieren. Gibt es allerdings keine strengen Fröste mehr, hätten Frühblüher einen Vorteil. Insgesamt sei zu beobachten, dass sich die Vegetationsperiode in den vergangenen 30 Jahren um rund vier Wochen verlängert habe, sagt Prietzel.

Wintergetreide wie Winterraps oder Wintergerste scheint ebenfalls von den milden Temperaturen im Wachstum angeregt zu werden, sagt Wolfgang Ehrecke von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Schon durch den warmen Herbst mit Regen im September hätten sich die Pflanzen gut entwickelt. Durch vermehrtes Wachstum in der nun milden Zeit steige aber auch das Risiko von Frostschäden, falls es im Februar noch einmal richtig kalt werde. Viel Frost könnte dann negative Auswirkungen auf Qualität und Ertrag haben, so Ehrecke.

Wie kommen Wildtiere mit den teils hohen Temperaturen im Winter zurecht?
Grundsätzlich seien Wildtiere anpassungsfähig, schließlich sind sie das Leben unter wechselnden Bedingungen über Jahrhunderte gewöhnt, sagt Jenifer Calvi von der Deutschen Wildtierstiftung. Dennoch können sehr milde Phasen wie derzeit durchaus Probleme mit sich bringen. So ist der Feldhase beispielsweise ein Steppentier, das trockene Witterungen mag und ganzjährig oberirdisch lebt. Er ist dem Wetter also immer ausgesetzt. Jetzt im Winter werden Jungtiere geboren, die erstmal in Erdmulden liegen. "Regnet es nun ohne Unterlass werden die kleinen Hasen dauerhaft durchnässt und unterkühlen. Die Sterblichkeit steigt." Auf der anderen Seite profitiere der Hase von den eher trockenen Sommern. Auch dann wird Nachwuchs geboren.
Ein junger Feldhase drückt sich in eine Erdmulde
Feldhasen, die im Winter geboren werden, können oft nicht gut mit der nassen Witterung umgehen, die mildes Wetter mit sich bringt. Bild: DPA | blickwinkel/W. Willner

Bei den Vögeln könne ein milder Winter zu Problemen bei der Nistplatzsuche führen, erklärt Calvi. Denn Arten wie die Kohlmeise, die den Winter über hier bleiben, fangen teilweise schon im Februar an zu nisten statt im März und April. Das könne dazu führen, dass Arten, die aus dem Süden zurückkommen, keine freien Nistplätze mehr finden.
Ein weiteres Beispiel ist die Hummel: Sie hält grundsätzlich eine Winterruhe in einem Erdversteck, aber kommt schnell mal heraus, wenn es mild ist. Das Problem: Blühen Pflanzen wie Krokusse dann noch nicht, finden die eh schon bedrohten Wildbienen nichts zu fressen.

Wie gehen Nutztiere und Pferde, die draußen leben, mit warmen, nassen Wintern um?
Grundsätzlich sind milde, nasse Winter kein Problem, heißt es aus der Tierarztpraxis Ottersberg. Die Praxis mit 60 Mitarbeitern betreut unter anderem Nutztierbetriebe und Pferdehöfe. "Allerdings sind kalte, trockene Winter unproblematischer für die Rinderhaltung, denn wechselnde Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit sind sowohl für Menschen als auch für Tiere eine Herausforderung", sagt Falk Mühe, Tierarzt und Teilhaber der Praxis. "Dementsprechend hat man in diesen Zeiten mit einem erhöhtem Aufkommen von Atemwegsproblemen zu tun." Das sei bei den Menschen nicht anders. Für Kühe ist der Winter generell eine gute Jahreszeit, denn ihr optimaler Temperaturbereich liege zwischen minus 7 Grad und plus 16 Grad.
Auch Pferde hätten mit den milden Temperaturen im Winter grundsätzlich keine Probleme, sagt Praxis-Mitinhaber Conrad Christoffers. Koliken, also gefährliche Darmkrämpfe, können aber die Folge von schnellen Wetterveränderungen sein. "Beständiges Wetter ist am besten."

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Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Bremen Vier Läuft, 11. Januar 2023, 13:15 Uhr