Warum der Wolf die Sicherheit unserer Deiche bedroht

Immer mehr Deichschäfereien geben auf – auch rund um Bremerhaven. Schuld ist der Wolf. Aber ohne Schafe sind unsere Deiche nicht mehr sicher.

Drei Schafe liegen im Gras.
Wie lange gehören die Schafe noch zum idyllischen Bild an der Nordseeküste? Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Die Schafe von Deichschäfer Wolfram Friedrich dösen träge in der Sonne. 1.500 Tiere gehören zu seiner Herde auf dem Deich in Wersabe. Das Örtchen liegt im Landkreis Cuxhaven direkt an der rechten Weserseite auf Höhe von Brake. Aber so idyllisch sieht das hier nicht immer aus. Seine Herde wurde vor rund einem Jahr Opfer eines Wolfsangriffs.

Ein Mann steht an einem Zaun und guckt in die Kamera. Im Hintergrund ist eine Wiese mit Schafen zu sehen.
Schäfer Friedrichs sorgt sich um die Zukunft seiner Deichschafe. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Seit diesem Tag fahre er jeden Morgen mit Bauschmerzen zur Weide, sagt Friedrich. "Man steht ja immer vor der Frage: Kommt der Wolf wieder? Macht der wieder so einen Schaden? Hat man da wieder die blutenden Tiere stehen? Und die Tiere sind einem ja auch ein bisschen ans Herz gewachsen.“ Und bis zu einer Entschädigung kann es dauern, erzählt Friedrich. Dabei hat er wie die meisten Schäfer ohnehin mit niedrigen Preisen für sein Lammfleisch und immer höheren Kosten etwa für Futter und Medikamente zu kämpfen.

Schafe sind überlebenswichtig

Auf der anderen Weserseite haben in den letzten beiden Jahren vier von insgesamt zehn Schäfereien zwischen Dangast und Elsfleth aufgegeben, erst kürzlich die in Brake. In drei Fällen ist der Wolf schuld, sagt Burchard Wulff, Verbandsvorsteher des Zweiten Oldenburgischen Deichbands in Brake. Erst Anfang des Monats wurde ein Wolf am Cuxhavener Strand gesichtet.

Wulff hat Verständnis für die Nöte der Schäfer. Gleichzeitig weiß er, wie wichtig die Schafe für die Deiche sind. Sie halten das Gras schön kurz und dicht und trampeln mit ihren kleinen Hufen den Boden fest, sodass der Deich Sturmfluten besser widerstehen kann – "Trippelwalze“ nennen das die Fachleute.

Die Schafe sind für uns überlebenswichtig.

Ein Mann guckt in die Kamera.
Burchard Wulff, Verbandsvorsteher des Zweiten Oldenburgischen Deichbands

Die Schafe schützen unser Leben, sagt Wulff. Die schwere Sturmflut 1962 sei ein gutes Beispiel dafür: Während die Deiche in der Wesermarsch an mehreren Stellen zu brechen drohten, seien die Schäden in Schleswig-Holstein deutlich geringer ausgefallen – denn dort habe es damals schon Schafe auf den Deichen gegeben.

Wolf oder Schafe – beides geht nicht

Hans Gerd Strodthoff-Schneider leitet den Bauhof des Zweiten Oldenburgischen Deichbands und betreibt eine Deichschäferei mit 650 Tieren. Er fordert wie viele seiner Kollegen mehr Unterstützung der Politik. Es müsse eine Entscheidung geben: entweder für die Tierhaltung oder für den Wolf. Beides zusammen geht nicht, findet er. Strodthoff-Schneider befürchtet, dass noch mehr Schäfer aufgeben könnten.

Das wird die Konsequenz dann sein – Deich ohne Schafe.

Ein Mann steht vor einer Wand und guckt in die Kamera.
Hans Gerd Strodthoff-Schneider, Deichschäfer

Elektrozaun soll Wölfe abhalten

Um die Schafe zu schützen, hat der Deichverband nun ein Pilotprojekt gestartet. Ein Elektrozaun, der den vorhandenen Zaun aufstockt, soll Wölfe abhalten. Aber im Winter hilft ihm das nichts, sagt Wolfram Friedrich aus Wersabe. Denn dann weiden seine Schafe auf abgeernteten Feldern und Wiesen. Er müsste den Zaun also alle ein bis zwei Tage umbauen – das sei nicht zu machen. Außerdem müsse der Zaun instand gehalten werden.

Friedrich hat Verständnis für Kollegen, die aufgeben. Er aber versucht durchzuhalten: "Ich hänge sehr an diesem Beruf. Ich hab jetzt mein Leben lang nichts anderes gemacht. Das gibt man nicht so einfach auf!“

Diese Brüder aus Asendorf sind deutsche Meister der Schafzucht

Video vom 9. April 2020
Die Brüder Hakon und Dirk Gissel stehen in einem Stall nebeneinander und halten jeweils ein Schaf im Arm..
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autoren

  • Catharina Spethmann
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der neue Morgen, 23. Juni 2020, 7:45 Uhr