Deutsche mit Migrationsgeschichte wählen seltener – auch in Bremen

Audio vom 12. September 2021
Ein Mann wirft in einem Wahlraum seinen Stimmzettel in eine Wahlurne (Archivbild)
Bild: DPA | Julian Stratenschulte
Bild: DPA | Julian Stratenschulte

65 Prozent der Deutschen mit Migrationsgeschichte gehen wählen, ohne sind es 85 Prozent. Was sind die Gründe? Und wie können Bremens Bundestagskandidaten sie motivieren?

An einem Sonntagvormittag in Bremen-Tenever ist nicht viel los auf den Straßen. Auch der Gebrauchtwarenladen "Nullkommanichts" ist geschlossen. Aber Cindi Tuncel hat einen Schlüssel. Seit er sein Büro in Tenever aufgeben musste, können die Leute hier mit ihm sprechen. Tuncel ist in der Türkei geboren, seit 1985 in Deutschland und von Haus aus Sozialarbeiter. Und dieser Job war es auch, der ihn zur Politik brachte – erst zur PDS und dann zur Linken.

Grauhaariger Mann in Jacket strahlt vor weißem Hintergrund in die Kamera
Cindi Tuncel überlegte sich lange, ob er kandidieren soll, da er viel mit seiner Arbeit und seiner Familie zu tun hatte. Bild: Linksfraktion Bremen | Frank Scheffka

"Ich habe eigentlich überhaupt nicht geplant Abgeordneter zu werden", erklärt Tuncel. "Ich fand, dass es einiges gab, was geändert werden müsste." 2007 wurde er dann gefragt, ob er für den Beirat kandidieren möchte, ließ sich schließlich überzeugen – und wurde gewählt. Als Stadtteilpolitiker wollte sich der Sozialarbeiter besonders für Jugendliche und für Menschen, die hier ankommen müssen, einsetzen. Vor zehn Jahren zog er in die Bürgerschaft ein. Und jetzt will Tuncel in den Bundestag.

Dass so viele Menschen mit Migrationshintergrund nicht wählen gehen, erklärt sich der Kandidat der Linksfraktion Bremen nicht allein mit ihrer persönlichen Herkunftsgeschichte.

Ich glaube, das hat nicht nur mit dem Migrationshintergrund zu tun. Insgesamt sind die Menschen, die in armen Stadtteilen leben, enttäuscht. Das sind Menschen, die keine Hoffnung mehr haben, dass sich was ändert.

Cindi Tuncel

Sprache und Integration als Hürde

Gernus, ein junger Mann aus Tenever, steht an der Eingangstür von Sozialarbeiter Tuncel. Er glaubt, dass es in dem Ortsteil viele Jugendliche gibt, mit denen man bis zum nächsten Morgen sprechen und dabei Tausend Gründe für das Wählen nennen könne – aber das Umfeld schädige sie so sehr, dass sie dann doch einfach keine Lust hätten. Sie interessierten sich nur für das, was in den sozialen Netzwerken passiert und ihr Erscheinungsbild in der Gesellschaft. "Aber wer hier in Deutschland die Gesetze auflegt – das interessiert die im Endeffekt nicht."

Er selbst will wählen gehen erklärt er: "Um mitbestimmen zu können und um das Gefühl zu haben, dass meine Stimme in Bremen auch anerkannt wird." Dass ihm Cindi Tuncel sympathisch ist – daraus macht er keinen Hehl. Er habe noch nie mitbekommen, dass Herr Tuncel, wie er sagt, keine Zeit für die Jugendlichen und deren Probleme gehabt hätte. Der Sozialarbeiter ist dort im Stadtteil bekannt. Mit anderen Politikern ist der junge Mann kritischer, weil sie sich seiner Meinung nach nicht um seinen Stadtteil kümmern, er fühlt sich an der Nase herumgeführt.

Kaum stehen die Wahlen an und alles ist vollplakatiert, aber noch niemand ist hier erschienen.

Gernus aus Tenever
Lothar Probst
Professor Lothar Probst ist assoziierrtes Mitglied des Instituts für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen. Bild: Radio Bremen

Dass viele Menschen mit Migrationshintergrund nicht wählen gehen, habe verschiedene Gründe, sagt der Politikwissenschaftler Lothar Probst von der Uni Bremen. Einerseits könne das mit der Generationszugehörigkeit zu tun haben: "Wer hier geboren ist, wer angekommen ist, wer sich willkommen gefühlt hat und wer nicht." Das hänge von der Bildung und der Frage ab, ob jemand am Arbeitsplatz integriert ist, ob er in einem Verein arbeitet, in dem es Menschen mit unterschiedlicher Herkunft gibt, sagt Probst. Wichtig sei aber auch die Sprache. Denn wer das politische System, die Programme der Parteien nicht versteht, der fühle sich auch nicht angesprochen – und gehe auch nicht wählen.

Gerade Frauen aus der ersten Generation seien häufig nicht arbeiten gegangen, hätten keine Sprachkenntnisse, hätten eben keine Integrationskurse wie heute angeboten bekommen und seien daher ganz selten wählen gegangen.

Will der erste Kanzler mit Migrationsgeschichte werden

Dunkelhaariger Mann, Anfang 20, in Jacket lächelt für Portrait in die Kamera
Gökhan Akkamis politischen Schwerpunkte sind Arbeit, Soziales und Wirtschaftspolitik. Bild: FDP Bremen

Gökhan Akkamis hat selbst ausländische Wurzeln. Er ist 23 Jahre alt, Investmentbanker, und will für die FDP aus Bremerhaven in den Bundestag. Auslöser für sein Interesse an der Politik war die Wiederwahl von Barack Obama. Ihn habe es sehr interessiert, dass der erste schwarze Präsident der USA wiedergewählt wurde und sich dann vorgenommen, der erste deutsche Bundeskanzler mit Migrationshintergrund zu werden. Er glaubt, die Parteien könnten viel mehr Wähler erreichen, wenn sie mehr auf die Menschen zugehen würden.

Ich glaube, Politik muss besser darin werden zu kommunizieren, wie sie wirklich den Leuten vor Ort helfen kann – keine abstrakten Debatten führen, sondern den Leuten zu verstehen geben, was wir besser machen wollen.

Gökhan Akkamis. Direktkandidat der FDP in Bremerhaven

Ob die beiden Kandidaten aus Bremen es schaffen, mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Bremen zu erreichen und zum Wählen zu bringen, werden erst die Analysen nach der Wahl zeigen.

Bundestagswahl 2021: So berichten Radio Bremen und buten un binnen

Video vom 29. August 2021
Eine Zeichnung zeigt eine Lupe und unscharf dahinter jede Menge Parteilogos. Im Forderung sind zwei Frauen zu erkennen, die in Richtung der Logos schauen.
Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée
Bild: Radio Bremen | Lina Brunnée

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Autorin

  • Claudia Scholz Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. September 2021, 07:35 Uhr