Interview

Mehr Pflegekräfte: Spahn-Vorschlag könnte Bremen 140 neue Jobs bringen

20.000 zusätzliche Pflegehilfskräfte möchte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) künftig bundesweit einstellen. Davon würde auch Bremen profitieren.

Mitarbeiterin in einem Pflegeheim mit Seniorin
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte 20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte bundesweit schaffen. (Symbolbild) Bild: DPA | Tom Weller

Ein neuer Gesetzentwurf soll für mehr Assistenzkräfte in der Pflege sorgen: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will künftig 20.000 Stellen für Pflegehilfskräfte bundesweit finanzieren. Dazu sind Erleichterungen für Pflegebedürftige vorgesehen. Wird der Entwurf, den er heute ins Kabinett einbringen wird, bewilligt, könnte das Gesetz bereits im Januar 2021 in Kraft treten.

Doch was bedeutet das für Bremen? Und ist das Vorhaben realistisch? Der Bremer Pflegeforscher Heinz Rothgang wertet Spahns Vorschlag aus.

Herr Rothgang, wie bewerten Sie Spahns Vorschlag, 20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte zu schaffen?
Es ist ein erster Schritt – nicht mehr und nicht weniger. Der Vorschlag an sich ist erstmal gut und in Ordnung. Was fehlt ist ein Szenario für die weiteren Schritte, eine verbindliche Roadmap, um das Signal auszusenden, dass Pflege ein attraktiver Beruf wird. Es fehlen zudem Schritte für eine Aus- und Weiterbildungsoffensive für Assistenzkräfte. Kurz: Es fehlen die Perspektiven.
Sind 20.000 Stellen ausreichend?
Wir haben in unserem Personalbemessungsverfahren berechnet, dass insgesamt bundesweit über 100.000 Stellen fehlen. 20.000 ist nur ein Teil davon, aber immerhin ein erster Schritt. Allerdings haben wir auch festgestellt, dass es bei den Fachkräften nicht ein so großes Defizit gibt. Wir brauchen in Deutschland etwa drei bis vier Prozent mehr Fachkräfte, aber 70 Prozent mehr Hilfskräfte. Insofern ist es richtig, dass sich diese zusätzlichen 20.000 Stellen auf Assistenzkräfte beziehen.
Wird man diese zusätzlichen Pflegekräfte auch finden können?
Wollten wir 20.000 zusätzliche Fachkräfte einstellen, gäbe das der Arbeitsmarkt nicht her. Der Markt für Fachkräfte ist leergefegt. Auf einen Arbeitssuchenden kommen im Schnitt fünf Stellen. Aber bei den Hilfskräften ist der Arbeitsmarkt noch ziemlich ausgeglichen. Wenn wir über den ersten Schritt hinausdenken, ist aber klar, dass die Bezahlung und die Aufstiegsperspektiven auch für Assistenzkräfte verbessert werden müssen, um ein entsprechendes Arbeitskräftepotenzial zu schaffen.
Gibt es sonst noch Hindernisse? Oder könnte man schon morgen mit der Stellenausschreibung anfangen?
Es gibt noch einen kleinen Haken: Die Länder müssen mitziehen. Wenn die Zahl der Fachkräfte so bleibt wie sie ist, die Zahl der Hilfskräfte aber steigt, sinkt die Fachkräftequote. In fast allen Ländern, auch in Bremen, verlangen wir einen Fachkräfteanteil unter den Pflegekräften von 50 Prozent. Wenn eine Einrichtung sie unterschreitet, drohen rechtliche Schritte und eventuell die Schließung. Deshalb müssen die Länder solche Regeln ändern. Sonst riskiert man, dass die Stellen nicht besetzt werden.
Mehr Hilfskräfte und eine niedrigere Fachkräftequote – leidet darunter nicht die Qualität?
Die Fachkräfteregel ist tatsächlich eingeführt worden, um Qualitätssenkungen zu vermeiden. Aber wenn Hilfskräfte zusätzlich hinzukommen, ohne dass Stellen für Fachkräfte gestrichen werden, sollte das nicht zu Nachteilen führen. Hilfskräfte sollen Fachkräfte entlasten, sodass diese mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben haben. Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass Fachkräfte nur etwa die Hälfte ihrer Zeit mit Fachkräfte-Tätigkeiten verbringen. Wenn zusätzliche Hilfskräfte die Fachkräfte entlasten, resultiert daraus eine gestiegene Pflegequalität – bei einer sinkenden Fachkraftquote.
Was könnte Spahns Vorschlag für Bremen bedeuten?
Nur bezogen auf die Bevölkerungszahl könnte es für das Land Bremen etwa 140 zusätzliche Stellen bedeuten. Und natürlich muss man auch an die Aus- und Weiterbildung denken. Was aber die Ausbildung von Altenpflegekräften angeht, ist Bremen bereits vor einigen Jahren einen großen Schritt vorangegangen und hat seine Kapazitäten verdoppelt. Damit unterscheidet es sich positiv von anderen Bundesländern.

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Video vom 12. August 2020
Pflegeforscher Heinz Rothgang im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 23. September 2020, 23:30 Uhr