Interview

Werden wir Sommerurlaub auf den Ostfriesischen Inseln machen können?

Sven Ambrosy, Vorstand des Tourismusverbandes Niedersachsen und zuständig für Wangerooge, spricht über die Lage auf den Inseln und mögliche Wege aus der Krise.

Video vom 3. April 2021
Sven Ambrosy, der Vorstand des Tourismusverbandes Niedersachsen im Interview über Skype-Schalte.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Osterurlaub fällt aus, ob ein Urlaub im Sommer auf den Ostfriesischen Inseln möglich sein wird, ist fraglich. Sven Ambrosy ist Vorstand des Tourismusverbandes Niedersachsen, der für alle sieben Nordseeinseln und ganz Niedersachsen zuständig ist. Hauptberuflich ist er Landrat des Landkreises Friesland, zu dem auch die Insel Wangerooge gehört. buten un binnen hat er erzählt, wie sehr die Corona-Krise die Inseln trifft und welche Strategien er für richtig hält, um die Sommersaison zu retten.

Herr Ambrosy, wie ist die Stimmung auf den Ostfriesischen Inseln gerade?
Die Stimmung ist auf den Inseln genauso wie an der gesamten Küste sehr deprimierend. Wir sind seit einem Jahr in einer Pandemie und die touristischen Betriebe leiden natürlich. Der Tourismus ist hier an der Küste – nicht nur auf den Inseln, sondern in der gesamten Region – eine Leitwirtschaft und die Auswirkungen merkt man schon.
Ein Mann mit Brille guckt in die Kamera.
Sven Ambrosy ist seit 2006 Vorsitzender des Tourismusverbandes Niedersachsen. Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam
Wie sehr leiden die Insel-Bewohner unter Corona?
Es sind so zwei Gefühle. Die Einheimischen haben durchaus auch Angst, dass durch Fremde das Virus eingetragen wird. Auf der anderen Seite wollen viele wieder ein Stück weit Normalität und haben das Gefühl, man hangelt sich von Lockdown zu Lockdown und es wird nicht wirklich besser.
Kann man die Auswirkungen der Pandemie auf die Tourismusbranche beziffern? Kämpfen viele Insel-Bewohner um ihre Existenz?
Die Tourismuswirtschaft ist eine der Wirtschaftsformen, die am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen sind. Genaue Zahlen fehlen uns, weil das Insolvenzrecht ja geändert wurde und die Anmeldefristen für Insolvenzen ausgesetzt wurden, so dass wir wirklich nicht wissen, wie viele Betriebe schon in der Nähe der Insolvenz sind. Das hat der Finanzminister ja eingeführt, um eben die Möglichkeit zu geben, sich über die Zeit zu retten. Und das ist auch die Hoffnung, dass, wenn der Tourismus wieder anläuft, die Firmen mit Überbrückungshilfe soweit stabilisiert wurden, dass es sie nachher noch gibt. Und Kurzarbeitergeld hilft natürlich auch.
Gibt es Inseln, die stärker betroffen sind als andere?
Da gibt es keine Unterschiede. In ganz Deutschland geht es der Branche schlecht. Die Frage ist ja immer: Wie viel Anteil an der Gesamtwirtschaft hat der Tourismus in einer Region? Und das sind auf den Inseln – direkt oder indirekt – nahezu 100 Prozent. Aber das gilt auch für viele Küstenorte, wie Horumersiel, Hooksiel oder Dangast.
Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Corona-Politik?
Das Allerwichtigste, was uns fehlt, ist Impfstoff. Wenn wir genauso schnell impfen könnten wie Großbritannien, USA oder Israel, dann würden wir auch eher unser normales Leben zurückbekommen. Und das Zweite ist: Ich vermisse differenzierte Vorgehensweisen. Im Moment ist es ja immer so: Die Inzidenzen steigen, und man kommt immer nur zu der einen Lösung: Runterfahren, Restriktion und Lockdown.
Was wäre die Alternative?
Das Problem sind die unentdeckt Positiven, die keinerlei Symptome haben. Das heißt, wir müssen das Dunkelfeld zum Hellfeld machen und das geht nur über eine engmaschige Teststrategie. Dann muss ich nicht 98 Prozent, die nicht infektiös sind, wegsperren. Und der zweite Punkt ist die digitale Nachverfolgung. Da sind andere Länder wesentlich besser und weiter als wir jetzt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Datenschutz das größte Grundrecht ist. Grundrecht heißt aber informationelle Selbstbestimmung. Wenn ich einen Nutzen habe, also zum Beispiel getestet in die Kneipe könnte, dann bin ich natürlich bereit, dass meine Daten zum Gesundheitsamt gehen, damit die schnell die Infektionsketten durchbrechen können. Da habe ich kein Problem mit, wenn ich dadurch ein halbwegs normales Leben habe. Das muss ich dann natürlich nebenbei machen wie Hygienekonzepte auch.
Was erhoffen Sie sich konkret für die kommenden Wochen?
Ich pushe seit zwei, drei Monaten diese 4-Säulen-Strategie. Man muss mit einer engmaschigen Teststrategie, Hygienekonzepten, digitaler Nachverfolgung und Impfen ein einigermaßen normales Leben organisieren. Das ist nicht nur ein Tourismus-Konzept, sondern es geht hier wirklich darum, wie man die gesundheitliche Sicherheit und die Freiheitsrechte überein bekommt, damit die Leute nicht immer nur zu Hause hocken. Das, was ich sage, geht aber nicht von heute auf morgen. Das muss gut vorbereitet sein. Man muss eine gute Testinfrastruktur aufbauen, Luca-App. Und natürlich: Wenn es nicht klappt: Reißleine ziehen, nicht laufen lassen, sofort stoppen. Strenge und Freiheit, und das immer an der richtigen Stelle, sonst verlierst du die Bevölkerung.
Glauben Sie, dass das klappt und Sommerurlaub auf den Ostfriesischen Inseln möglich sein wird?
Das kommt drauf an, wie hoch die Impfquote für Deutschland ist. Und haben wir eine vernünftige Teststrategie? Haben wir eine vernünftige Digitalverfolgung? Haben wir gute Hygienekonzepte? Wenn das übereinstimmt und gut vorbereitet ist, dann kann das aus meiner Sicht stattfinden. Wenn wir natürlich hohe Inzidenzen haben, die Krankenhäuser voll sind, dann traut sich keiner. Und das kann ich gut nachvollziehen. Ich will kein Kamikaze.

Was Corona mit dem Tourismus auf den Inseln macht

Video vom 29. März 2021
Ein leerer Strandkorb, auf einer leeren Promenade.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. April 2021, 19:30 Uhr