Warum ein Bremer "Tierführerschein" keine Zukunft hat

Die Bremer Grünen haben einen Sachkunde-Nachweis für Haustier-Halter vorgeschlagen. Experten finden den zwar grundsätzlich gut, aber nicht durchsetzbar.

Hausmeerschweinchen im Gehege in seinem Schlafhaus.
Zu viele Meerschweinchen haben zu wenig Platz und keine anderen Meerschweinchen um sich – ein Missstand, den ein Sachkunde-Nachweis vielleicht verhindern könnte. Bild: Imago | Martin Bäuml Fotodesign

Wer ein Meerschweinchen kaufen will, sollte nachweisen müssen, dass er oder sie sich damit auseinandergesetzt hat, was diese Tiere brauchen. Das hat die Fraktion der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft in einem Positionspapier vorgeschlagen.

Ein Sachkunde-Nachweis solle gewährleisten, dass jede Tierhalterinnen und jeder Tierhalter "die Bedürfnisse und Interessen des Tiers kennt und weiß, wie sie handeln muss, um diesen gerecht zu werden", schreiben die Grünen. Für Kleintiere wie Meerschweinchen geht es da um einen einmaligen theoretischen Test. Für Hunde und andere größere Tiere zusätzlich um einen praktischen Test.

Ein Bremer Vorschlag, der es bis in die bundesweite Berichterstattung geschafft hat. Umgesetzt werden wird er allerdings eher nicht – da sind sich verschiedene Expertinnen und Experten einig.

Zu viel Bürokratie und kaum zu überwachen

Der Bremer Tierschutzverein hält den Sachkunde-Nachweis – oder umgangssprachlich "Tierführerschein – zwar für wünschenswert, aber in der Praxis für schwer umsetzbar. Auch Daniela Rickert, Vorsitzende des Arbeitskreises "Zoofachhandel und Heimtiere" bei der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, sagt: "Das ist sinnvoll, ja, aber nicht durchführbar."

Persönlich bin ich total dafür, aber das ist ein logistischer Aufwand, der nicht stemmbar ist.

Daniela Rickert, Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz
Ein kleines Mädchen hält einen Hamster in ihren Händen.
Hamster sind keine guten Gefährten für Kinder. Eigentlich sind die Tiere nachtaktiv und wollen tagsüber schlafen. Bild: Imago | Westend61

In Deutschland lebten laut einer Studie des Industrieverbands Heimtierbedarf und des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands (ZZF) 2019 mehr als 34 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger, Fische, Ziervögel, Reptilien und Amphibien. Fast jeder zweite Haushalt hat damit einen oder mehrere tierische Mitbewohner – und jedes Jahr kommen Hunderttausende neue hinzu. All diese Anschaffungen zu überwachen, sei schlicht nicht möglich.

Antje Schreiber, Sprecherin des ZZF, hält einen Sachkunde-Nachweis sogar für "möglicherweise kontraproduktiv".

Ein Sachkunde-Nachweis würde die Dunkelziffer der Haltungen erhöhen. Eventuell würden die Tierhalter bei Problemen auch weniger zum Tierarzt gehen.

Antje Schreiber, Sprecherin des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands

Auch der Bremer Grünen-Sprecher für Tierpolitik, Philipp Bruck, räumt ein, dass das Positionspapier eben nur eine Diskussionsgrundlage sei. Er sagt: "Es war klar, dass der Sachkunde-Nachweis ein umstrittener Punkt sein wird. Aber zumindest steht die Idee dann mal zur Diskussion. Manchmal brauchen Ideen ja auch ihre Zeit, bis sie umgesetzt werden."

Das Wichtige ist, dass die Leute sich vorher mit dem Tier beschäftigen – und nicht hinterher eine böse Überraschung erleben.

Philipp Bruck, Sprecher für Tierpolitik der Bremer Grünen

Mehr Wissen über Tierhaltung nötig

Eine Diskussion um die Tierhaltung sei dringend nötig, sagt Daniela Rickert. Sie arbeitet in Nürnberg als Amtstierärztin und sieht täglich, dass vor allem Kleintiere nicht artgerecht gehalten werden. Bis zu 80 Prozent der Meerschweinchen und Kaninchen hätten viel zu kleine Käfige, würden fälschlicherweise allein gehalten oder falsch gefüttert, so ihre Schätzung. Viele Halter informierten sich zu wenig und seien sich der Verantwortung nicht bewusst. Fachhändler müssten da für mehr Informationen sorgen – und vielleicht auch mal einen Verkauf ablehnen.

Die wenigsten quälen ihre Tiere absichtlich. Das meiste passiert aus Unwissenheit oder Ignoranz.

Daniela Rickert, Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz

Antje Schreiber verteidigt die Tierhalterinnen und Tierhalter. "Sie werden manchmal auch zu schlecht gemacht", sagt sie – und plädiert für bessere Online-Angebote zur Haltung und Pflege von Haustieren. Denn nach einer aktuellen Studie des ZZF sei das Internet für viele Tierbesitzer mittlerweile eine wichtige Informationsquelle geworden.

Andere Vorschläge erfolgversprechender

In dem Positionspapier der Grünen stehen aber noch andere Vorschläge – und manche von ihnen haben deutlich mehr Potenzial, Wirklichkeit zu werden.

Mopswelpe (Canis lupus f. familiaris), sitzt bei seinem Besitzer auf einer Wiese, leckt sich die Schnauze.
Auch so genannte Qualzuchten wollen die Bremer Grünen verbieten: Wegen seiner kurzen Nase, durch die er schlecht atmen kann, wäre auch der Mops davon betroffen. Bild: Imago | blickwinkel

So fordert die Grünen-Fraktion der Bürgerschaft, alle Hunde und Katzen verpflichtend zu chippen und zu registrieren. Eine Forderung, die der Bremer Tierschutzverein schon länger stellt. Zwei Petitionen hat er dazu schon in die Bürgerschaft eingebracht. "Wir werden sie weiter verfolgen", verspricht Philipp Bruck.

Auch eine Positivliste von Haustieren unterstützt der Bremer Tierschutzverein. Würde sie in Kraft treten, dürften in Bremen nur noch Tiere gehalten werden, die auf dieser Liste stehen.

Und Besitzer von Tierheim-Hunden für das ganze Leben ihres Tieres von der Hundesteuer zu befreien – statt wie bisher nur für ein Jahr –, scheint ebenfalls ein erreichbares Ziel zu sein. Jedenfalls weitaus weniger komplex als ein "Führerschein" für jedes einzelne Meerschweinchen.

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Mittag, 1. März 2021, 12 Uhr