Darum ist moderne Sklaverei auch in Bremen ein Thema

Zwangsprostitution und Menschenhandel: Es gibt verschiedene Formen von Ausbeutung. Daran erinnert der Tag zur Abschaffung der Sklaverei. Das konkrete Ausmaß ist schwer zu greifen.

Eine gefesselte junge Frau (nachgestelltes Symbolbild).
Mehr als 40 Millionen Menschen waren laut den Vereinten Nationen 2018 weltweit Opfer von moderner Sklaverei. (Symbolbild) Bild: Imago | Westend61

Moderne Sklaverei hat viele Facetten und kann verschiedene Formen einnehmen. Genau deshalb ist es nicht einfach, das genaue Ausmaß des Problems in Zahlen zu fassen. Sicher ist jedoch: Sklaverei ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern besteht in der modernen Gesellschaft weiter – auch in fortgeschrittenen Ländern. Auch in Bremen.

Ein Beispiel dafür ist der Menschenhandel. Eine Person, die im Bereich der Beratung von Betroffenen arbeitet und anonym bleiben möchte, bestätigt, dass dies auch in Bremen durchaus ein Thema ist. Schwierig sei es aber, genaue Zahlen darüber zu bekommen. "Gerade beim Menschenhandel gibt es eine sehr hohe Dunkelziffern", sagt sie.

Sexuelle Ausbeutung: zwölf Ermittlungsverfahren in Bremen im Jahr 2018

Der Menschenhandel betrifft nicht nur Zwangsprostituierte, sondern auch Arbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen sowie Menschen, die zur Bettelei, unfreiwilligen Organentnahme oder kriminellen Handlungen gezwungen werden. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat für das Jahr 2018 Zahlen veröffentlicht: Insgesamt gab es in der Bundesrepublik 356 abgeschlossene Ermittlungsverfahren wegen sexueller Ausbeutung, zwölf davon im Land Bremen, sowie 21 auf Bundesebene wegen Arbeitsausbeutung. Bei 149 Verfahren stand die Ausbeutung von Minderjährigen im Fokus.

"Insgesamt sprechen wir von Menschenhandel, wenn Menschen organisiert ausgebeutet werden und nicht mehr über sich selbst bestimmen können", sagt die Expertin. Viele dächten, Menschenhandel sei etwas, das über die Grenzen hinaus geschehe. Doch eine Grenzüberschreitung sei nicht notwendig. "Gerade im Bereich Zwangsprostitution: Es sind auch Deutsche betroffen, mit deutschen Tätern. Die Loverboy-Methode, zum Beispiel, ist relativ bekannt." Dabei täuscht der sogenannte Loverboy – meistens ein Mann – jungen Frauen große Liebe vor und versucht sie mit der Zeit in die Prostitution zu treiben.   

Unterbringung der Opfer stellt Herausforderung dar

Wenn es um sexuelle Ausbeutung geht, sind Frauen offenbar häufiger davon betroffen als Männer. Auch Menschen, die die Sprache nicht beherrschten, seien für die Täter oft potenzielle Opfer, so die Expertin. Doch wenn es um Arbeitsausbeutung geht, werden verstärkt auch Männer Opfer von skrupellosen Vermittlern.

Um Zwangsprostitution zu bekämpfen, wurde 2017 das neue Prostituiertenschutzgesetz verabschiedet. Das sei ein weiteres Instrument, die Strukturen müssten aber weiter ausgeweitet werden, schätzt sie. In Bremen gibt es zudem kostenlose und anonyme Beratungsstellen. Und natürlich können sich Opfer direkt an die Polizei wenden.

Das Wirtschaftsressort, bei dem die Anmeldung und die Beratung nach dem neuen Gesetz erfolgen, teilte auf Nachfrage mit, bei den Beratungen hätten sich bisher keine Fälle von Zwangsprostitution ergeben. Doch von etwa 300 geschätzten Prostitutionsstätten in Bremen haben bisher lediglich 91 einen Antrag auf Erlaubnis gestellt. Und von etwa 1.000 geschätzten Prostituierten in der Stadt Bremen haben sich 628 bislang angemeldet.

Im Rahmen der Beratungen erhalten die Frauen, die Schutz benötigen, konkrete Hilfe oder es werden gezielt Kontakte zu Behörden und Beratungsstellen vermittelt.

Kai Stührenberg, Sprecher der Bremer Wirtschaftssenatorin

Eine Herausforderung sei in Bremen die sichere Unterbringung der Betroffenen, denn die Frauenhäuser seien oft voll und es gebe keine spezifische Unterkunft für Männer, sagt die Expertin. Auch gebe es manchmal Schwierigkeiten, schnell an therapeutische und Bildungsangebote zu kommen, damit die Betroffenen wieder einen strukturierten Alltag erlangen. "Insgesamt sollte man aber an den Strukturen arbeiten, die dazu führen, dass Frauen für diese Ausbeutung anfällig werden. Und zwar patriarchalische Strukturen und Armut." Zudem wäre wichtig, dass sich Sexarbeiter gestärkt fühlen, sodass sie sich nicht schämen, über ihre Tätigkeit zu sprechen.        

Auch Zwangsheirat wird zu den modernen Formen der Sklaverei gezählt

Eine weitere Form der modernen Sklaverei ist laut der Vereinten Nationen die Zwangs- und Frühehe. Dabei muss man beachten, dass die Opfer nicht immer aus dem Arbeitsleben ausscheiden oder zu Hause eingesperrt werden – weswegen einige Vereine mit dem Begriff "Sklaverei" in diesem Fall vorsichtig umgehen. "Sicherlich kann man das als Gewalt betrachten – und ebenfalls als sexuelle Gewalt", erläutert Cevahir Cansever vom Fachdienst für Migration und Integration bei der AWO Bremen.

Zwangsheirat war auch in Bremen schon immer ein Thema. Dabei gibt es auch eine Dunkelziffer.

Cevahir Cansever, Fachdienst für Migration und Integration, AWO Bremen

Derzeit begleite sie 16 junge Frauen in Bremen, im vergangenen Jahr seien 38 Menschen vom Fachdienst beraten worden. Vorwiegend junge Frauen, aber auch Männer – zwischen 14 und 22 Jahren alt. Die Betroffenen kämen aus sehr unterschiedlichen Gruppen. Im vergangenen Jahr stammten die meisten aus Syrien, Osteuropa und der Türkei. "Das Phänomen ist weltweit verbreitet", erläutert Cansever. Unabhängig vom kulturellen Milieu oder Religion.

"Bei Interventionen ist es wichtig, das Gefährdungspotenzial einzuschätzen"

In Bremen habe es bis 2016 Präventionskampagnen in den Schulen gegeben, die dann eingestellt worden seien, sagt sie. Doch weiterhin gebe es Schulungen fürs Personal und sogenannte "Notfallkalender", in denen die wichtigsten Schritte beim Verdacht auf eine Zwangsverlobung oder -heirat der Schüler geschildert sind.

Eine ältere männliche Hand steckt einer deutlich jüngeren weiblichen Hand zur Hochzeit einen Ring auf den Ringfinger.
Unter "Zwangsheirat" versteht man eine Ehe, die mindestens einer der Partner gegen den eigenen Willen schließt. (Symbolbild) Bild: Imago | Imagebroker

Außerdem teilt das Bildungsressort mit, dass in den kommenden Wochen den Lehrkräften Broschüren zum Thema Vielfalt verteilt werden sollen. Darin wird auch die Zwangsehe behandelt. Es wird ausdrücklich empfohlen, das Thema im Unterricht mit den Schülern zu diskutieren und zu vertiefen.

In Bremen kümmern sich mehrere Stellen um die Beratung – darunter auch die Integrationsstelle der AWO. Die größte Herausforderung sei dabei, das Gefährdungspotenzial der Lage richtig einzuschätzen, sagt Cansever. "Ob man mit den Familien kooperieren kann oder nicht." Damit die betroffenen Mädchen – und Jungen – am Ende wieder die Sicherheit bekommen, dass sie über ihr Leben selbst bestimmen können.  

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. Dezember 2019, 23:30 Uhr