Interview

Neue Studie: Wie viel Pflegepersonal brauchen wir?

Die Stimmung in Deutschlands Pflegeheimen ist mies, viele Beschäftigte sind überfordert. Die Universität Bremen soll jetzt helfen, das Problem zu lösen.

Eine Pflegerin mit einer Patientin.

Trotz massiver Investitionen konnte die letzte Pflegereform nichts an der Wahrnehmung ändern: Deutschlands Pflegesystem sei überfordernd, ungerecht und gehe am Pflegebedürftigen vorbei, heißt es zu oft. Branchenverbände und Träger von Sozialhilfe und Pflegeeinrichtungen haben deshalb eine Studie in Auftrag gegeben, die ermitteln soll, wie viel Personal fachlich angemessene Pflege braucht. Federführend ist Professor Heinz Rothgang vom SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Uni Bremen.

Wie konnte die Pflegesituation so katastrophal werden in Deutschland?
Eigentlich wussten wir schon lange, dass der Pflegenotstand kommen würde. Aber das passiert ja häufig in der Politik: Man wartet, bis es wirklich brennt. Und dann sind das auch eigendynamische Prozesse. Die Stimmung in der Pflege ist momentan wirklich sehr, sehr schlecht. Wir haben heute viel mehr Personal als noch vor einem Jahr, aber das schlägt sich überhaupt nicht in der Stimmung nieder.
Warum hat die Pflegereform daran nichts geändert?
Es wird vielfach auf die Politik geschimpft. Das finde ich nicht immer richtig. Die letzte Pflegereform war die größte seit Einführung der Pflegeversicherung. Das muss man mal anerkennen. Sie hat den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff eingeführt, der Menschen mit Demenz angemessen abbildet. Zudem haben sich viele Leistungen verbessert, gerade für ambulante Pflege. Drei von insgesamt sieben Milliarden fließen in Pflegegeld – Angehörige werden so stark entlastet. Das ist alles gut.
Porträtbild eines Mannes mit grau melierten Haaren
Heinz Rothgang ist Professor beim SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Uni Bremen. Bild: SOCIUM | David Ausserhofer
Warum dann die schlechte Stimmung?
Wir haben einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff, wir haben ein neues Pflegeverständnis – aber das findet sich in der Praxis noch nicht wieder. Weil die Einrichtungen dieses Verständnis nun erst mal daraufhin prüfen müssen: Was bedeutet das denn für meine eigenen praktischen Tätigkeiten? Da ist noch viel zu tun.
Der gesetzliche Auftrag an Sie lautet: Entwickeln Sie ein Verfahren zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs. Wie kann das helfen?
Der Hauptgrund, warum Menschen aus dem Beruf aussteigen, sind die Arbeitsbedingungen. Keiner weiß genau, wie viel Personal man in Pflegeeinrichtungen wirklich braucht. Dem sollen wir auf den Grund gehen. Wir haben den Auftrag, das Projekt bis August 2019 abzuschließen.
Wie gehen Sie in Ihrer Studie vor?
Wir haben das aufwendigste Verfahren gewählt: Fremdaufschriebe in Echtzeit. Schichtweise geht einer Pflegekraft immer eine zweite Person hinterher – der sogenannte Schatten. Mit der Stoppuhr dokumentiert der Schatten, was die Pflegekraft macht. Gleichzeitig bewertet er bei jeder einzelnen Maßnahme, ob das fachlich richtig war oder ob beispielsweise aus Zeitmangel bestimmte Teilschritte weggelassen wurden. Und falls er das feststellt, gibt es auf den gemessenen Ist-Wert einen Zuschlag. Wenn er andererseits feststellt, dass die Pflegekraft im Schneckentempo arbeitet, kann es auch einen Abschlag geben. Wir kombinieren also Ist und Soll bereits bei der Datenerhebung.
Was ist Ihrer Meinung nach fachlich angemessene Pflege?
Zum einen sagt uns die Pflegewissenschaft, was wichtig und worauf zu achten ist. Und auf der anderen Seite stehen die Bewohnerwünsche. Diese beiden Seiten sind nicht immer kompatibel, das muss man aushandeln. Wir können zig Teilschritte aus der Wissenschaft ableiten, die sinnvoll sind, aber wenn der Bewohner die nicht will, dann will er sie nicht.
  • Alexa von Busse

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Oktober 2018, 19:30 Uhr