Wie eine alte Wassermühle in Scheeßel zur Energiewende beiträgt

Über ein Onlineportal verkauft Jan Müller-Scheeßel Strom an insgesamt 66 Haushalte – ein wichtiges Projekt für die Energiewende, findet die Verbraucherzentrale.

Die Wassermühle in Scheeßel aus der Luft.
Seit über 100 Jahren produziert die Mühle in Scheeßel Strom. Bild: Enyway

Bei Jan Müller-Scheeßel ist der Name Programm – er ist Müller in Scheeßel im Kreis Rotenburg. Er lebt in der Mühle, die seit dem ersten Bau vor mehr als 500 Jahren in Familieneigentum ist. Im 19. Jahrhundert wurde die Mühle neu gebaut und mit einer neuen Turbine ausgestattet, seit 1914 produziert sie Strom. Und seit zwei Jahren kann jeder genau diesen Strom online kaufen.

Zumindest fast: "Es ist nicht das selbe Elektron, das am Ende bei den Kunden aus der Steckdose kommt, aber ich speise es ein und woanders wird es dann rausgenommen", erklärt Müller-Scheeßel. Er verkauft seinen Strom über das Onlineportal Enyway, aktuell versorgt er 66 Haushalte in ganz Deutschland und ist damit an seinem Limit: Auf der Website steht neben seinem Namen "ausverkauft". Zwar produziert Müller-Scheeßel im Winter überschüssigen Strom, den er dann über die Börse verkauft, "im trockenen Sommer produziere ich aber zu wenig Strom, da muss ich dann Wasserstrom zukaufen", sagt er. Daher kann er keine weiteren Kunden mehr annehmen.

Verbraucherzentrale lobt das Projekt

Das Webportal des Strommarktplatzes Enyway
Per Karte kann man bei Enyway aussuchen, woher der eigene Strom kommen soll. Bild: Screenshot Enyway.com

Über das Portal von Enyway, das mit seiner Kartenoptik etwas an die Website von Airbnb erinnert, verkaufen neben Müller-Scheeßel noch 23 andere Privatpersonen ihren Strom. Die Bremer Verbraucherzentrale lobt das Projekt: "Das wird nicht die breite Masse betreffen, aber ist ein wichtiger Schritt", sagt Inse Ewen, Zuständige für die Energieberatung. "Solche innovativen Ideen sind notwendig, um die Energiewende voranzutreiben."

Das Thema Ökostrom sei in den letzten Jahren immer größer geworden. Was Enyway aus Sicht Ewens besonders interessant machen könnte: Man weiß genau, woher und von wem der eigene Strom kommt und kann diesen bei Wunsch aus der Umgebung zu beziehen.

Für jeden optimal ist das Angebot der Webseite aber wahrscheinlich nicht. Es gibt keine Servicenummer, der Kontakt läuft in der Regel komplett online ab. "Es gibt auch Verbraucher, die einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin vor Ort wünschen", sagt Ewen. Für sie wäre Enyway daher nicht der richtige Anbieter. "Auch in Bremen gibt es mit der Bremer Energiehausgenossenschaft oder der Bürger Energie Bremen alternative Ansätze."

Kunden zahlen gerne etwas mehr

Außerdem: Wer seinen Strom über Enyway bezieht, muss auch etwas tiefer ins eigene Portemonnaie greifen. Laut einer Rechnung der Verbraucherzentrale zahlt man pro Monat bei einem Verbrauch von 2.500 Kilowattstunden etwa fünf Euro mehr als für den Ökostromtarif der swb.

Jan Müller-Scheeßel schaut in die Kamera und lächelt.
Jan Müller-Scheeßel versorgt insgesamt 66 Haushalte mit Strom. Bild: Enyway

"Meine Kunden zahlen etwas mehr, als sie bei herkömmlichen Anbietern bezahlen müssten. Aber sie haben auch das Gefühl, die Mühle und das Museum am Laufen zu halten", sagt Müller-Scheeßel. Einige von ihnen waren bereits in Scheeßel um sich ganz genau anzuschauen, wo ihr Strom herkommt. Müller-Scheeßel nutzt die Nebeneinnahmen, die er durch den Stromverkauf erzielt, für den Erhalt und Ausbau der Mühle. Zusammen mit einem Förderverein plant er, bald wieder Mehl zu produzieren. Auch ein Café möchte er eröffnen.

Keine Angst, im Dunkeln zu sitzen

Zum reichen Großkonzern wird man als privater Stromverkäufer allerdings nicht. "Das Ganze lohnt sich nur, weil mir der ganze Papierkram von Enyway abgenommen wird. Die Netzbetreiber wollen ja auch bezahlt und die Stromkäufer betreut werden", sagt Müller-Scheeßel. "Außerdem gab es die Turbinen ja sowieso schon und wir wollten sie laufen lassen. Sich selbst eine kleine Wasserkraftanlage in den Garten zu bauen, würde sich wahrscheinlich nicht rechnen."

Im Dunkeln sitzen müssen die Stromkäufer übrigens nicht – auch, wenn die Mühle mal nicht genug Strom produzieren oder kaputt gehen sollte: Dafür kauft Müller-Scheeßel ja ausgleichsweise Strom ein oder der Grundversorger würde übernehmen.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. September 2019, 23:30 Uhr