Infografik

Immer mehr Kinder sprechen nicht richtig Deutsch

Sprache ist der Schlüssel für Bildung. Doch in Bremen haben viele Kinder damit Probleme. Auch, weil sie zu Hause kein Deutsch sprechen. Die Schulen kommen nicht hinterher.

Grundschullehrerin steht an der Tafel und schreibt.
Viele Kinder an Bremens Schulen haben große Probleme mit der deutschen Sprache. Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Seit Jahren steigt die Zahl der Kinder, die besonders sprachlich gefördert werden müssen. Nur so haben sie eine Chance, einen guten Schulabschluss zu machen. An der Grundschule am Pastorenweg in Gröpelingen kommen inzwischen gut 80 Prozent der Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund. Nach dem normalen Unterricht ruft deshalb Klassenlehrerin Salomé Frank ihre Schüler aus der ersten Klasse immer wieder zusammen, zu einer zusätzlichen Förderstunde. Sie lernen gemeinsam Deutsch. Dieses Mal übt sie mit sechs Kindern – darunter Jasmina, Lydia, Aysenur und Jeremie. Die Vier kommen aus Familien, die ursprünglich aus der Türkei, Albanien und Asien stammen.

Sprache ist eine wichtige Basis

Grundschüler beim Sprachunterricht
Sprachförderung wird immer wichtiger in Bremens Grundschulen.

Diese vier Erstklässler sind in Deutschland geboren. Sie brauchen aber mehr Hilfe als andere. Denn zu Hause sprechen die Eltern mit ihnen meist in deren Muttersprache. Dort können die Kinder die deutsche Sprache nicht üben. Und in der Klasse sind zu wenige deutsche Kinder, von denen sie lernen können. Lehrerin Frank muss ihnen deshalb die Aufgaben oft mehr als ein Mal erklären. Dabei verknüpft sie das Lernen von Wörtern und Buchstaben mit Spielen, damit sie sich besser bei den Kindern einprägen. Und sie redet mit ihnen, so viel sie kann, damit ihr Sprachschatz wächst. Wenn sie Zeit dafür hat.

Die Sprachprobleme nehmen zu

Seit 2013 belegt der Sprachtest "Cito" im Kindergarten, dass der Sprachförderbedarf bei Kindern in Bremen kontinuierlich ansteigt. 2018 waren es in der Stadt Bremen fast 40 Prozent aller getesteten Kinder, die vor ihrer Einschulung Probleme mit der deutschen Sprache hatten. Im Stadtteil Gröpelingen lag der Anteil sogar bei 66,9 Prozent. In Osterholz, Huchting, Walle , Blumenthal, Vegesack um die 50 Prozent.

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Dazu kommen noch die Kinder, die zwar mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, aber Schwierigkeiten beim Lernen oder im sozialen Verhalten haben. Auch ihr Anteil wächst. Besonders schwer haben es Kinder, deren Eltern selbst wenig Bildung mitbringen. Sie können ihren Kindern bei den Hausaufgaben oft nicht helfen. Für die Grundschulen bedeutet das eine enorme Herausforderung.

"Wir können keine Wunder bewirken"

Karl-Holger Meyer leitet die Schule am Pastorenweg. Er erkennt an, dass der rot-grüne Senat den Schulen in den vergangenen zwei Jahren mehr Geld und Personal an die Hand gab, um diese Kinder zu fördern. So gab es zum Beispiel Extrapersonal für die Sprachförderung und die soziale Arbeit mit den Kindern, für einen Leseclub und für eine zusätzliche Mathematikstunde. Doch es reicht einfach nicht, sagt Meyer.

Der Förderbedarf der Kinder ist riesengroß. Viele der Erstklässler sind zwei bis drei Jahre zurück in ihrer Sprachentwicklung. Und wir können keine Wunder bewirken. Deshalb benötigen wir mehr Unterstützung vom Senat, um diese Schüler angemessen fördern zu können.

Schulleiter Karl-Holger Meyer sitzt an seinem Schreibtisch
Karl-Holger Meyer, Schulleiter in Gröpelingen

Zu wenige Stunden für die Förderung

Zurzeit bekommen 18 Erstklässler zusätzliche Sprachübungsstunden pro Wochen. Aber nach Auffassung des Kollegiums müssten eigentlich 40 der 63 Schulanfänger ihr Deutsch intensiver üben können. Auch die Stunden für die sonderpädagogische Unterstützung für die Inklusion von Kindern mit besonderen Lernschwierigkeiten hält Schulleiter Meyer für zu knapp bemessen. Statt anderthalb Stunden pro Kind bräuchte es das Doppelte, also drei Stunden pro Woche, fordert Meyer.

"Sprache lernen Kinder am besten in Gruppenbezügen", sagt dazu Christian Gloede, Landesvorstandssprecher der Bildungsgewerkschaft GEW. Er fordert grundsätzlich, oder zumindest in Stadtteilen mit 'besonderen Herausforderungen', kleinere Klassen regelhaft und mit entsprechender Ausstattung zu installieren. "Und das nicht nur für den Spracherwerb", wie er sagt. Gerade in diesen Stadtteilen müssten aus zwei Klassen drei gemacht werden. Und es müsse grundsätzlich zwei Lehrkräfte im Klassenzimmer geben.

Diese Ziele müssen vom neuen Senat benannt werden und sich in den kommenden Haushaltsbeschlüssen wiederfinden. Solange dieser Standard nicht erreicht ist, sollte auch nicht suggeriert werden, wir seien auf einem guten Weg. Um diesen zu erreichen, sind noch viele Anstrengungen nötig.

Christian Gloede, Landesvorstandssprecher der GEW

Auch musische Erziehung wäre eine Hilfe

Nicht nur Spracherziehung wirkt integrativ: Es wäre auch wichtig, dass seine Schule mehr Künstler und andere Experten von außen in die Schule holt, meint Meyer. "Theaterpädagogen und Musiker können den Kindern Dinge vermitteln, die unsere Lehrer und Erzieher nicht oder nicht so gut können."

Für solche Maßnahmen bekommt die Grundschule in Gröpelingen bislang etwa 3.000 Euro im Jahr. Das sei nicht genug, klagt das Lehrerkollegium. Musische Bildung helfe Kindern, sich positiv zu entwickeln. Viele Eltern hätten dafür aber kein Geld. Hier müssten die Schulen einspringen, fordern der Schulleiter und sein Team.

Investition fürs Leben

Grundschüler beim Sprachunterricht
Die Sprachförderung müsste noch weiter ausgebaut und flankiert werden, meint Schulleiter Meyer.

Wenn die Kinder nicht schon im Kindergarten und in der Grundschule ausreichend gefördert werden, hat das Folgen für ihr gesamtes späteres Leben. Davon ist Schulleiter Meyer überzeugt. Nur wenige Kinder in Stadtteilen wie Gröpelingen bekommen derzeit am Ende ihrer Grundschulzeit eine gymnasiale Empfehlung. Wenn sie es nicht schaffen, fehlende Grundlagen wie Leseverständnis, Rechtschreibung und Sprachschatz in den ersten Schuljahren aufzuholen, haben sie später auch geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder auf einen Studienplatz. Die Probleme der Kleinen von heute werden so für sie zu großen Problemen von morgen.

Das sieht auch die Schulleitervereinigung in Bremen so. Eine neue Koalition mit dem Schwerpunkt Bildung müsse sich gerade daran messen lassen, ob für diese Kinder zusätzliche schulische Angebote im Ganztag umgesetzt werden können, die ihnen bessere Chancen für ihre weitere Entwicklung eröffnen, sagt Thorsten Maaß, Vorsitzender der Schulleitungsvereinigung in Bremen. "Dafür ist es notwendig, dass auch die Mitglieder der Schulleitung mehr Unterstützung erhalten, um solche zusätzlichen Maßnahmen zu organisieren und nachhaltig umzusetzen."

Ganztagsschulen sind wichtig

Die Grundschule am Pastorenweg soll in zwei bis drei Jahren eine Ganztagsschule werden, mit festen Lernangeboten auch am Nachmittag. Das sei der richtige Weg, um den Kindern in einkommensschwachen Stadtteilen und aus bildungsfernen Elternhäusern ein gutes Lernumfeld zu bieten, meint Meyer. Und er hofft, dass der neue Senat dann auch bereit ist, die Schulen mit dem dafür benötigten Personal auszustatten. Denn nur dann könne die Schule das leisten, was ihre Aufgabe ist: Allen Kindern gute Bildung mit auf den Weg zu geben. 

Was läuft in Bremen bei der Bildung richtig und falsch?

Susanne Hausmann und Christian Dohle stehen Rücken an Rücken im Klassenzimmer.

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Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 11. Juni 2019, 23.30 Uhr