Selbstversuch: Kuscheln gegen die Einsamkeit

Einmal im Monat treffen sich wildfremde Leute in Bremen, um miteinander zu kuscheln. Macht das glücklich? Reporterin Kathatrina Guleikoff hat mitgekuschelt.

Die Füße mehrerer miteinander kuschelnder Menschen
Kuscheln ist wichtig für das Wohlbefinden. Deswegen kann man sich bei der Kuschelzeit Bremen regelmäßig zum Fremdkuscheln treffen. Bild: Kuschelzeit-Bremen

Bremer Neustadt, Freitagabend. In einem Haus am Buntentorsteinweg klingelt es regelmäßig, Schuhe stehen vor der Tür, drinnen gibt es Tee und Wasser – und für 15 Euro Teilnahmegebühr die Aussicht darauf, gestreichelt zu werden. Ein fröhliches "Hallo" von denen, die sich kennen, nervöses Umschauen bei den Neuen. Dazu gehöre ich. Noch nie zuvor habe ich mich mit wildfremden Menschen getroffen, um sie im Arm zu halten. Es sind mehr Frauen als Männer, zwei Paare sind dabei, eines davon hat sich hier kennengelernt, die anderen sind allein gekommen. 17 Kuschlerinnen und Kuschler sind es heute insgesamt im geschätzten Alter zwischen Mitte 30 und 60.

Es sind immer Menschen, die das Bedürfnis haben, mehr Körperkontakt zu haben, ohne dass es in Sexualität abgleitet. Sie brauchen einfach Kuscheleinheiten.

Heidi Strombeck, Kuschel-Coachin

Entwickelt wurde das Gruppen-Kuscheln 2004 von einem Therapeuten in den USA, von dort schwappte der Trend nach Berlin und dann 2005 auch schon nach Bremen: Heide Strombeck hat damals aus dem Fernsehen davon erfahren. Als Masseurin kannte sie das Bedürfnis der Menschen nach Berührung bereits. So wurde sie kurzerhand Kuschel-Coachin und leitet seitdem einmal im Monat unter dem Dach des Vereins "Alleins" gemeinsames Kuscheln in der "Kuschelzeit" an.

Kuscheln ist ein Grundbedürfnis

Eine Frau kuschelt mit einem gelben Kissen.
Wenn das Kissen nicht mehr ausreicht, bietet das Kuschel-Treffen echten Körperkontakt. Bild: Imago | Westend61

Mit Fremden zu kuscheln ist für jeden erst einmal seltsam, aber wenn die Sehnsucht nach Berührung größer wird, dann wird das merkwürdige Gefühl überwunden, sagt Heide Strombeck. Viele seien einsam, die hierher kommen, erzählt sie mir, hätten niemanden zum Kuscheln. Manche fänden es gut, so Energie zu tanken und ihren Kuschel-Akku aufzuladen, ohne irgendeine Verpflichtung einzugehen. Andere können einfach sehr gut dabei entspannen. Teilnehmer Jörg kommt schon seit fünf Jahren immer wieder zum Kuscheln, heute aus Spaß an der Gemeinschaft. Als er anfing, steckte er mitten in einer Depression. Das Kuscheln hat geholfen.

Mir fehlten Berührungen. Es hat mich stabilisiert zu sehen, dass ich mit anderen Menschen nicht nur verbal kommunizieren kann, sondern eben auf einer anderen Ebene auch körperlich.

Jörg, langjähriger Gruppen-Kuschler

Inzwischen kommt Jörg zusammen mit seiner Freundin Bettina in die Kuschelzeit. Nicht mehr, weil er die Berührungen braucht, sondern, weil sie zusammen die Energie der Gemeinschaft genießen.

Das Besondere ist, dass das ein anderer Spirit ist, wenn wir in diesem Raum sind und es kuscheln 15 Menschen gemeinsam. Und man wird eben auch anders berührt. Es ist noch mal so ein anderes Gefühl.

Jörg, langjähriger Gruppen-Kuschler

Erst kennenlernen, dann fremdkuscheln

Kuschel-Coachin Heidi Strombeck vor einer weißen Wand
Heidi Strombeck von der Kuschelzeit-Bremen veranstaltet regelmäßige Kuscheltreffen. Bild: Kuschelzeit-Bremen

Wir kuscheln nicht sofort, sondern lernen uns erst etwas kennen. Unter unseren echten Namen oder anonym mit einem Pseudonym – das steht jedem frei. Im Sitzkreis darf, wer den Stoff-Eisbär hat, sagen, warum er oder sie heute hier ist, was man möchte und was nicht. Ich sage, ich bin neugierig – das stimmt. Und aufgeregt, das stimmt auch. Vor dem Kuscheln bewegen wir uns zu ruhiger Musik durch den Raum, machen unseren Körper warm. Heidi Strombeck sagt, dass wir Kontakt zu den anderen aufnehmen sollen, ihnen in die Augen schauen, uns gegenseitig begrüßen und dabei berühren sollen – an der Hand, am Arm, wo wir möchten und es für beide okay ist. Wir stehen im Kreis und streichen dem Nachbarn den Rücken aus, das fühlt sich schön an und erinnert mich ans Warmmachen bei Chorproben früher.

Keine Küsse – kein Sex – nur Kuscheln

Es gibt Regeln: Keine Küsse und kein Sex, denn das ist keine Swinger-Party hier. Es geht nur ums Kuscheln. Wenn jemand Nein sagt, mit jemandem nicht kuscheln möchte, dann heißt das auch Nein. Das wird vorher geübt und scheint viele zu befreien.

Wenn jeder gezwungen wäre, mit jedem zu kuscheln, das geht gar nicht. Und dafür müssen Sie für sich auch ganz klar haben, dass Sie Ja oder Nein sagen dürfen. Ich merke im Laufe der Jahre, dass viele enorm davon profitieren. Dass sie das nämlich nicht nur hier machen, sondern auch mit nach draußen nehmen.

Heidi Strombeck, Kuschel-Coachin

In einem Teil des Raumes wird von allen zusammen das kunterbunte Kuschellager aufgebaut: kleine Matratzen, kuschelige Decken, bequeme Kissen. Zwei Matratzen liegen extra am Rand: hier kann, wer will, alleine liegen. Das Licht wird gedimmt, Meditationsmusik erklingt. Nach und nach legen sich alle auf das Matratzenlager, dicht an dicht, in Arme hinein oder an Rücken geschmiegt. Ich liege zwischen zwei Frauen. Die eine ist auch neu und genauso unsicher wie ich. Wir liegen einfach nur da, ich halte sie, streichele vorsichtig ihren Arm und ihr Haar. Von hinten werde ich gestreichelt, ein Bein schmiegt sich an mein Bein, oberhalb meines Kopfes legt sich noch jemand hin. Es ist nah, bequem, entspannend, aber doch irgendwie seltsam für mich.

Kuscheln mit Fremden ist gewöhnungsbedürftig

Mehrere Kuscheltiere liegen an- und aufeinander
Wenn Kuscheltiere alleine nicht mehr reichen, kommt die Kuschel-Coachin ins Spiel.

Heidi Strombeck sitzt dazwischen, behält die Gruppe im Blick, schaut, dass es allen gut geht. Sie fordert uns auf, unseren Bedürfnissen nachzugehen und sich zu trauen, die Position zu wechseln. Uns die Person zu suchen, die wir berühren möchten. Manche machen das, ich bleibe liegen und warte ab. Ein junger Mann, der mich wegen seines langen Haares an Legolas aus "Herr der Ringe" erinnert, fragt, ob er sich zwischen mich und die Frau vor mir legen darf. Wir liegen eng an eng und ich streichele jetzt kurz einen Männerarm, bis ich für mich entscheide, dass die beiden sich genügen. Bis zum Ende des Kuschelabends werden sie sich in den Armen halten. Derweil streichelt jemand meinen Kopf. Wer das ist, kann ich nicht sehen.

Zwischendurch setze ich mich auf und schaue mir die Szenerie an – alle liegen eng umschlungen da, manche paarweise, manche zu dritt oder viert, es wird leise gelacht und Wohlwollen ausgedrückt. Einem genügt es, die ganze Zeit auf dem Schoß eines anderen zu liegen. Die Situation ist unendlich friedlich.

Da kommen Menschen zusammen, die berühren sich, liegen eng zusammen, die haben sonst gar nichts miteinander zu tun, und die kreieren einen energetischen Raum, der einfach Entspannung fördert.

Heidi Strombeck, Kuschel-Coachin

Berührungen sind gut und wichtig für uns, das ist wissenschaftlich belegt. Wer kuschelt, stärkt das Vertrauen in andere Menschen, reduziert Stress und Angst, dämpft Aggressionen und steigert seine Empathie. Verantwortlich dafür ist das Hormon Oxytocin, was bei Berührungen ausgeschüttet wird. Ausgeschüttet wurde davon in drei Stunden Kuschelzeit in der Neustadt so einiges. In der Abschlussrunde schaue ich in Gesichter mit glasig verklärten und vor Glück strahlenden Augen und zerzausten Haaren – alle sind glücklich und erfüllt. Viele von ihnen werden wiederkommen. Ich nicht, ich mag Kuscheln sehr, aber lieber zu Hause mit meinen Lieben, als hier in größerer Runde mit Fremden. So war es ein spannendes Experiment für mich und bleibt auch eines.

  • Katharina Guleikoff

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 4. Januar 2019, 10:10 Uhr