Interview

So lief die heikle Rettung eines Frachters vor Norwegen aus Seenot

Ein Frachter mit tonnenweise Schweröl an Bord ist vor Norwegen spektakulär aus Seenot befreit worden. Der Leiter des Cuxhavener Havariekommandos kennt derart kritische Einsätze.

Der Frachter "Eemslift Hendrika" mit Schlagseite in der Nordsee vor Norwegen, darüber schwebt ein Hubschrauber.
Spezialeinsatzkräfte gelangten per Hubschrauber an Bord des vor Norwegen in Seenot geratenen, niederländischen Frachters "Eemslift Hendrika". Bild: JRCC South-Norway via Reuters

Der auf dem Nordmeer in Seenot geratene Frachter "Eemslift Hendrika" konnte am späten Mittwochabend von Spezialkräften gesichert und mit Schleppern verbunden werden. Das 112 Meter lange Schiff war auf dem Weg von Bremerhaven nach Kolvereid in Norwegen gewesen. Es hatte am Ostermontag bei schlechtem Wetter und heftigem Wellengang Schlagseite bekommen, nachdem sich Teile der Fracht verschoben hatten. Nach dem Absetzen eines Notsignals wurde das Schiff noch am Montag mit einem Hubschrauber evakuiert.

Ein Mann im Anzug schaut in die Kamera.
Hans-Werner Monsees leitet das Havariekommando von Bund und Küstenländern mit Sitz in Cuxhaven. Bild: DPA | Tobias Hase

Am Montag hatte das Schiff seine Antriebskraft verloren. Seitdem trieb der Frachter unkontrolliert in schwerer See. Zwischenzeitlich bestand die Sorge, das Schiff einer niederländischen Reederei mit 350 Tonnen Schweröl und 50 Tonnen Diesel an Bord könnte auf Land driften und sensible Naturgebiete in der Gegend verschmutzen. Der Leiter des Cuxhavener Havariekommandos, Hans-Werner Monsees, hat schon häufig derartig herausfordernden Einsätze begleitet.

Was haben Sie gedacht, als sie von der erfolgreichen Rettungsaktion hörten?
Es war schon knapp. Und man fiebert natürlich mit den norwegischen Kollegen mit. Wir kennen uns ja alle auch international. Aber ich hatte keinen Zweifel, dass das am Ende des Tages erfolgreich sein wird. Die sind sehr, sehr professionell.
Was muss genau getan werden, um so ein Schiff in dieser See zu sichern?
Die Gefahr ist erst einmal, dass das Schiff unkontrolliert driftet, dass es eine Kollision mit einem anderen Schiff verursacht. Und natürlich auch, wenn das nicht verhindert wird, dass es zu einer Strandung kommt. Das war hier auch die Gefahrensituation. Also das unkontrollierte driften muss unterbunden werden. Das heißt, es müssen Spezialkräfte auf dieses Schiff entsannt werden, die dann eine Leinenverbindung zu einem Schlepper herstellen. Und das ist die Aufgabe des Bergers gewesen, die heute Nacht gelöst worden ist.
Die Spezialkräfte kommen mit einem Hubschrauber an Bord, wie genau läuft das?
Ganz genau, so ähnlich läuft das bei uns auch ab. Das sind Spezialeinheiten, die werden mit einem Hubschrauber über das Schiff gebracht. Da muss genau abgestimmt werden, wann und wo man sie absetzt. Denn man hat an den heftigen Bewegungen gesehen, es ist nicht ganz einfach dort Kräfte abzusetzen. Die machen sich einen Eindruck von dem Schiff und schauen sich an, wo sie überhaupt Leinen anbringen können. Es können ja auch Zerstörungen oder Beschädigungen auf dem Schiff sein.

Und dann wird mit einem sogenannten Leinenschussgerät eine Leine zum Bergungsschlepper rüber geschossen und immer größere Leinen nachgeführt. Bis man dann richtig dicke Taue oder Stahlseile hat und eine sichere Notschleppverbindung hergestellt ist. Dann kann man weitere Fahrzeuge heranführen, um weitere Verbindungen herzustellen. Denn die können auch mal brechen, bei solch einem Seegang da draußen. Das ist das Prozedere, das dann abläuft.
An welchen ähnlich heiklen Einsätze erinnern Sie sich?
Wir hatten im letzten Jahr die "Santorini", die unter ähnlichen Rahmenbedingungen draußen vor unserer Küste trieb. Auch antriebslos. Sie drohte mit einem Windpark zu kollidieren, wenn wir das unkontrollierte Driften auf dem Hauptschifffahrtsweg nicht unterbinden. Und das war auch sehr, sehr knapp. Denn die Schifffahrtswege sind sehr dicht an unserer Küste. Das heißt unsere Zeit einzugreifen war sehr gering. Und so musste unser Spezialteam mit dem Hubschrauber raus, ein sogenanntes "Towing Assistance Team". Spezialisten, die wir dafür drillen, um eine Leinenverbindung herzustellen. Denen ist es gelungen, bevor es zu großen Schäden kam, das zu verhindern.

Autoren

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Britta Uphoff Autorin
  • Marcus Rudolph Moderator und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 8. April 2021, 8:40 Uhr