Pro Familia kritisiert: Kein Arzt für Abtreibungen in Bremerhaven

Frauen aus Bremerhaven müssen für einen Schwangerschaftsabbruch weit fahren. Es gibt keinen niedergelassenen Arzt dafür. Pro Familia stellt zwei Forderungen.

Eine Frau schaut unglücklich auf einen Schwangerschaftstest.
Für Frauen aus Bremerhaven, die ungewollt schwanger sind, kann die Situation derzeit zusätzlich belastend sein. (Symbolbild) Bild: DPA | Christin Klose

Wenn eine Frau ungewollt schwanger wird, ist das für sie in der Regel eine starke psychische Belastung. Für Frauen aus Bremerhaven kommt seit Dezember hinzu: Es gibt keinen niedergelassenen Gynäkologen mehr in der Stadt, der einen Schwangerschaftsabbruch durchführt. Abtreibungen sind nun nur noch möglich im Klinikum Reinkenheide oder bei einem Arzt, der dafür extra aus Bremen herkommt. Die Beratungsstelle Pro Familia, aber auch die Leiterin der Bremerhavener Gleichstellungstelle Clara Friedrich, sind höchst unzufrieden mit der Situation. Selbst das Bremer Gesundheitsressort spricht von einer "Versorgungslücke".

Zehn Frauen kommen nach Auskunft von Pro Familia jede Woche in die Bremerhavener Beratungsstelle, um sich über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs zu informieren. Nicht alle entscheiden sich letztlich gegen das Kind. Doch die, die eine Abtreibung wollen, müssten dafür oft nach Bremen oder sogar Hamburg fahren, erzählt Mareile Broers, die Leiterin von Pro Familia in Bremerhaven.

Pro Familia kritisiert Politik

Eine Frau schaut in die Kamera.
Mareile Broers leitet Pro Familia in Bremerhaven, sie hat den Engpass kommen sehen. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Eine Anreise mit dem öffentlichen Nahverkehr sei kaum möglich, weil Schwangerschaftsabbrüche oft unter Vollnarkose geschehen und Frauen danach nicht in den Zug oder in ein Auto steigen könnten. "Sie müssen manchmal ein Auto dafür organisieren und eine Begleitperson", sagt Broers. "Das ist manchmal schwierig, weil manchmal möchten Frauen auch nicht, dass jemand davon erfährt." Wer den Abbruch mit Hilfe der sogenannten Abtreibungspille durchführt, muss zweimal fahren, weil eine Nachuntersuchung notwendig ist. Immer wieder habe Pro Familia die Politik auf den absehbaren Engpass aufmerksam gemacht, sagt Broers. Passiert sei nichts.

Zwar führt auch das Bremerhavener Klinikum Reinkenheide Schwangerschaftsabbrüche durch. Allerdings nur im Rahmen seiner Möglichkeiten, also wenn ein Termin im OP frei sei, sagt Broers. Etwa 30 Eingriffe waren es laut Klinik vergangenes Jahr. Pro Familia zufolge beträgt die Wartezeit teilweise mehrere Wochen. Die Klinik teilt mit, sie liege bei etwa einer Woche und hänge davon ab, ob die nötigen Dokumente vorlägen. Ein medikamentöser Abbruch ist in Bremerhaven gar nicht möglich. Pro Familia hat deshalb zwei Forderungen: Erstens eine verlässliche Versorgung mit regelmäßigen Zeitfenstern für Abbruch-Termine und zweitens, dass Frauen in Bremerhaven auch medikamentös abtreiben können.

Online-Fortbildungen für Gynäkologen

Nach Angaben der Ärztekammer Bremen schrecken Gynäkologen aus ethischen Gründen aber auch aus Angst vor Anfeindungen davor zurück, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Die sind in Deutschland formal verboten, bleiben aber straffrei in den ersten zwölf Wochen nach der Befruchtung und nach einer Beratung oder bei einer Gefährdung der Frau. Ein weiterer Grund, warum es so wenige Frauenärzte gibt, die Abbrüche anbieten, ist aus Sicht der Bremerhavener Gynäkologin Britta Reichstein, dass Ärzte dafür Erfahrung mit Operationen haben müssten. Zudem hätten nicht alle Praxen OP-Räume und müssten diese dann kostenpflichtig anmieten.

Dass das Angebot nicht ausreichend und bei weitem nicht zufriedenstellend ist, ist allen Akteuren und auch allen im Ressort klar und bewusst.

Lukas Fuhrmann, Pressesprecher Bremer Gesundheitsressort

"Dass das Angebot nicht ausreichend und bei weitem nicht zufriedenstellend ist, ist allen Akteuren und auch allen im Ressort klar und bewusst", sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin, über die Situation in Bremerhaven. Die Behörde könne eine Ansiedlung von Praxen allerdings nicht anordnen. Kein Arzt und keine Ärztin könne gezwungen werden, eine Abtreibung durchzuführen. Gegen den grundlegenden Mediziner-Mangel auf diesem Gebiet habe der Senat Online-Fortbildungen für Gynäkologen auf den Weg gebracht. Denn wie man Schwangerschaftsabbrüche durchführt, sei nicht Teil der Mediziner-Ausbildung.

Neues Behandlungszentrum in der Diskussion

Fuhrmann verweist darauf, dass sich ab dem Frühjahr Besserung für Bremerhaven abzeichne: "Eine Praxis in Bremerhaven plant tatsächlich im Frühjahr mit den medikamentösen Abbrüchen zumindest zu starten, erst einmal für ihr eigenes Patientinnenklientel." Das sei ein sehr wichtiger und guter Schritt, die "grundlegende Versorgungslücke" in Bremerhaven könne dadurch noch nicht vollständig geschlossen werden.

Senatorin Bernhard begrüße daher eine Forderung der Leiterin der Bremerhavener Gleichstellungsstelle, Clara Friedrich. Die fordert ein neues Behandlungszentrum für Schwangerschaftsabbrüche in Bremerhaven, wie es das von Pro Familia schon in Bremen gibt. Dort können Frauen Abbrüche vornehmen lassen. Dadurch sei eine "regelmäßige Verfügbarkeit von Terminen" gesichert, sagt Friedrich. Ob ein solches Zentrum finanzierbar ist und wer dafür aufkommt, darüber haben Vertreterinnen der Bremerhavener SPD, Clara Friedrich, Pro Familia und Bremerhavens Gesundheitsdezernent Selcuk Caloglu (SPD) am Donnerstag beraten. Caloglu ist seit Oktober im Amt und sagt, er wolle das Problem schnellstmöglich klären.

Autorin

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 28. Januar 2021, 12:10 Uhr