Interview

Der Goldhort von Gessel – und welche Schätze in Bremens Böden warten

Video vom 30. Juni 2021
Viele Fundstücke aus Gold aus der Bronzezeit
Bild: Landesmuseum Hannover | M. Strohmeyer
Bild: Landesmuseum Hannover | M. Strohmeyer

Vor zehn Jahren fand man einen Goldschatz aus der Bronzezeit. Von Gessel kam er nun ins Kreismuseum nach Syke. Doch wie findet man eigentlich solche Schätze?

Bevor im niedersächsischen Diepholz eine Erdgas-Pipeline gebaut wurde, durften Archäologinnen und Archäologen den Boden untersuchen. Dabei stießen sie auf den Goldhort von Gessel. Als Hort bezeichnen die Experten Gegenstände, die bewusst vergraben oder versenkt wurden. 3.300 Jahre lag dieser Goldschatz schon im Boden. Er gilt als einer der größten mitteleuropäischen Goldfunde der Bronzezeit.

Herr Haßmann, waren Sie dabei, als der Goldhort von Gessel entdeckt wurde?
Ich war bei der Entdeckung persönlich nicht vor Ort, sondern ich habe es eher angeschoben, dass es überhaupt gefunden werden kann.
Was war das für ein Gefühl, als tatsächlich dieser herausragende Fund gemacht wurde?
Ich habe höchsten Respekt vor unseren Kollegen, die diesen Fund gemacht haben. Unser Techniker, Jan Stammler, der mittlerweile leider verstorben ist, hat dort mit dem Metalldetektor ein Signal gefunden, hat den Fund freigelegt – und dann guckte oben ein bisschen Gold heraus. Er wusste sofort: 'Das ist etwas Besonderes.' Trotzdem konnte er der Versuchung widerstehen, weiterzugraben. Stattdessen hat er die Task-Force in Hannover benachrichtigt und sich Verstärkung geholt.

Wir haben in diesem Fall tatsächlich eine perfekte Ausgrabung geschafft: Der Goldhort wurde als Block mit der umgebenden Erde aus dem Boden ausgestanzt und kam dann in einer Kiste auf die Intensivstation für archäologische Funde – in die Restaurierungswerkstatt des Landesamtes. Dort konnten wir mit Röntgentechnik und Computer-Tomographie alle Details genau festhalten: Wie die Artefakte aussehen, wie sie angeordnet waren etc.
Der Goldhort von Gessel wurde ja ganz "gezielt" gefunden. Wie konnte man sich so sicher sein, auf etwas Interessantes zu stoßen?
Dass wir einen Goldschatz finden, damit haben wir eigentlich nicht gerechnet. Denn die Wahrscheinlichkeit so etwas zu finden, ist extrem niedrig.

Wir haben uns das Areal vorher angeschaut und waren uns aufgrund der Lage und der Beschaffenheit sehr sicher, dass wir etwas finden werden. Das können wir ganz gut prognostizieren, wenn wir uns ansehen, wie die Landschaft aussieht. Also zum Beispiel Hangneigung, Gewässernähe, Bodengüte, die Nähe zu anderen bekannten Fundstellen oder die verkehrsgeografische Situation.
Welche Schätze vermuten Sie noch in Niedersachsen oder hier in Bremen?
In der Kulturlandschaft Europa vermuten wir eigentlich überall Artefakte. Grundsätzlich haben wir die Anwesenheit des Menschen in Niedersachsen – und natürlich auch in Bremen – seit etwa 300.000 Jahren nachgewiesen. Und wenn wir uns vorstellen, dass die Menschen Hunderte, Tausende von Generationen hier gelebt haben, dann können wir uns vorstellen, dass diese Menschen eine ganze Menge Dinge im Boden hinterlassen haben.

Das Meiste davon ist sehr vergänglich, aber gerade bei Metallfunden haben wir eine gute Chance, auch Steinwerkzeuge. Das heißt, wir müssen nur nachschauen – und dann werden wir diese Dinge früher oder später finden. Gerade in der Bronzezeit wurden auch Schätze vergraben. Das gehörte offensichtlich zu einer Selbstvergewisserung der Eliten dazu. Für uns ist vor allem wichtig, dass diese Schätze professionell geborgen werden, damit wir sie richtig lesen können.
Eine Fibel aus Gold aus dem Gesseler Goldhorst
Die Einzelteile des Goldschatzes haben Archäologen mit neuester Technik nachgebildet. Drei Originale sind jeweils in der Ausstellung im Kreismuseum Syke zu sehen. Bild: Landesmuseum Hannover | M. Strohmeyer
Wie ist das mit Privatmenschen: Darf ich mir einen Metalldetektor schnappen und losziehen?
Nein. Sowohl in Bremen als auch in Niedersachsen ist die Suche mit einem Metalldetektor genehmigungspflichtig – und zwar egal, ob Sie damit bronzezeitliche Gräber suchen oder nur Kronkorken und Hufeisen, denn ein Detektor kann nicht zwischen alt und modern unterscheiden.

Zum einen bedeutet so eine Suche immer einen Eingriff in den Boden – und so könnten archäologische Fundstellen zerstört werden. Zum anderen besteht immer auch die Gefahr, dass Sie Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg entdecken. In allen Fällen müssen Sie wissen, wie Sie damit umgehen. Deshalb bieten wir für Interessierte in Niedersachsen und Bremen Kurse zum fachgerechten Umgang mit Metall-Suchgeräten an.
Was finden die Leute denn so mit einem Metalldetektor?
Mehr als 90 Prozent sind Schrott: Schrauben, Matchbox-Autos, alles Mögliche. Aber sie finden auch immer wieder archäologische Artefakte oder eben Kampfmittel. Und diese Dinge gilt es, richtig zu behandeln und zu melden.
Wenn ich etwas Interessantes finde, wem gehört das dann?
Im Normalfall gilt die Regel: 50 Prozent gehören dem Finder, 50 Prozent dem Grundstückseigentümer. Wer mit der Sonde auf dem Acker eines Bauern gehen will, sollte also vorher schon absprechen, was mit einem Fund passiert. Meist sind die Landwirte froh über die Sondengeher und die dürfen ihre Funde behalten, weil sie sich im Gegenzug verpflichten, Gegenstände aufzusammeln, die Hightech-Landmaschinen kaputt machen könnten. Schrott oder Schrauben zum Beispiel. Wichtig ist, dass archäologische Funde im Interesse der Allgemeinheit gemeldet werden.

Bei solchen herausragenden Funden wie dem Goldhort von Gessel – der ist allerdings bei einer staatlichen Grabung gefunden worden und gehört sowieso dem Land – greift das so genannte "Schatzregal". In diesen sehr seltenen Fällen sagt das Land: 'Dieser Fund ist so wichtig, dass wir ihn gerne im Landesmuseum zeigen wollen.' Die Finder werden dann entsprechend entschädigt – und da lassen wir uns auch nicht lumpen. Wir wollen ja, dass der nächste seinen Fund auch meldet.
Solche Amateur-Archäologen – sind die für Sie Fluch oder Segen?
Diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, zerstören etwas, das sich nicht wieder regeneriert. Es ist wie eine aussterbende Tierart: Das, was rausgerissen wird, wächst nicht wieder nach.

Aber diejenigen, die unsere Kurse mitgemacht haben und sich an die Regeln halten, sind ein großer Segen. Amateur-Archäologen helfen mit, unsere archäologische Kulturlandschaft zu verstehen – und neue Fundstellen zu entdecken. Wir als Profis können nicht ganz Norddeutschland absuchen. Wenn wir die Schwarmintelligenz ehrenamtlicher Unterstützer haben, dann verdichtet sich unser Kartenbild – und wir verstehen unsere archäologische Vergangenheit besser.

Wie ein Hobby-Archäologe 1973 ein versunkenes Dorf im Watt entdeckte

Video vom 13. Juni 2021
Mehrere Hobby-Archeologen im Wattenmeer.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Juni 2021, 19:30 Uhr