1.000 Grundschüler spielen Schach – angefeuert von einem Werder-Star

Am Donnerstag spielten etwa 1.000 Kinder auf dem Bremer Marktplatz Schach. Dank Marco Bode haben sie in der Schule das Schachspielen gelernt.

Kinder spielen in Bremen Schach

Nsrin schaut das Schachbrett an der Schultafel nachdenklich an und nimmt die Hand zum Kinn. Konzentriert starrt sie auf die Figur, die vor ihr wie ein weißer Fleck steht. Dann steigt sie auf die Kante unter der Tafel, streckt den Arm aus, greift zum weißen Turm und verschiebt ihn um ein Feld. Der Junge auf der anderen Seite des Magnetbrettes scheint verunsichert. Er bewegt den König. Das kleine Mädchen mit den dunkelbraunen, welligen Haaren schiebt den Turm schnell nach unten. Im Raum herrscht Stille. Einige Kinder an den Tischen flüstern leise. Der König ist eingesperrt. Nsrin dreht sich um, ihre dunklen Augen glänzen. Sie lächelt die Klasse an: Schachmatt!

Eine Unterrichtsstunde pro Woche

Das Spiel ist Teil des Schachunterrichts an der Grundschule am Pastorenweg in Gröpelingen. 21 Kinder zwischen sieben und zehn Jahren üben einmal in der Woche gemeinsam Schachspielen. In einer Stunde lernen sie die Grundlagen des Denksports und trainieren anschließend die Züge in kleinen Turnieren. Die Schule nimmt an der Initiative "Schacht macht Schlau" vom Bremer Verein "Das erste Buch" teil, der von Werder-Star Marco Bode mitgegründet wurde. Laut einer Studie der Universität Trier soll Schachspielen in jungen Jahren Konzentration, Wahrnehmungsvermögen und logisches Denken fördern.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Schachspielen bei Grundschulkindern das logische Denken fördert. Außerdem lernen die Kinder zu gewinnen, zu verlieren und sich an die Regeln zu halten. Oft haben sie zu Hause keine Regeln, aber hier, beim Schachspielen, müssen sie sie respektieren.

Michel Ufen
Michel Ufen, Lehrer
Ravza Nur Bayrak und Selin Akcan
Ravza Nur Bayrak und Selin Akcan

Der Lehrer fragt die Kinder, die in kleinen Gruppen an vier großen Tischen sitzen: "Wieso  Schachmatt?" "Weil der König nicht abhauen kann, er wird bewacht", antwortet ein blondes Kind selbstsicher. "Richtig", sagt der Lehrer. Alle applaudieren, einige lachen und scherzen miteinander. Neben ihnen stapeln sich im Raum Brettspiele und Bücher.

Bei den Kindern sieht Schach spielen sehr leicht aus. Sie üben jedoch schon seit zehn Monaten. Michel Ufen, der sie unterrichtet, sagt, dass etwa ein Viertel der Klasse schon richtig spielen kann. "Und Bauernkloppen können alle", fügt er hinzu. "Ich hatte am Anfang Angst, dass nicht alle mitgekommen wären." Doch die Angst erwies sich als unbegründet.

Einfache Wege finden, um die Regeln zu vermitteln

Michel Ufen und Robby Sugara
Lehrer Michel Ufen und Assistent Robby Sugara bringen den Kindern das Schachspielen bei.

Wichtig sei, dass man einen Weg findet, um die Regeln in vielen kleinen, einzelnen Schritten zu vermitteln. Dass niemand dem König nahe kommen dürfe, zum Beispiel, weil er wie ein Sumo-Ringer mit dickem Bäuchlein sei, der viel Platz um sich herum brauche. Auch ein Bild vom Olympia-Sprinter Usain Bolt kann helfen, die Rolle des Läufers zu erklären. Ufen sagt, er habe dabei nur gute Erfahrungen gemacht. Nicht nur in Bezug auf die Leistung der Kinder, sondern auch auf das Miteinander innerhalb der Klasse. Viele Kinder haben hier einen Migrationshintergrund, doch Schach bedient sich einer universellen Sprache. Schließlich wurde das Brettspiel in Indien erfunden und kam später über den Nahen Osten nach Süd- und Nordeuropa.

Doch wie bewerten die Schüler den neuen Unterricht? Ravza Nur, die in einem Monat zehn Jahre alt wird, sagt: "Es macht Spaß – und man kann vom Verlieren auch was lernen." Vom Gewinnen offenbar auch: Sie habe beim Spielen schon mal den ersten Platz erreicht, erzählt sie mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Eine Lieblingsfigur hat sie ebenfalls: den Bauer. Ihr pflichtet Selin, neun Jahre alt, bei: Der Bauer sei der beste, weil er ganz vorne stehe. "Und wenn man den Bauer bewegt, kann man auch die hinteren Figuren weiter bewegen", führt Ravza Nur hinzu. Ist doch logisch.

Es lohnt sich, Schachspielen zu lernen. Und es lohnt sich auch, die Regeln zu lernen. Man muss viele Regeln  auswendig kennen, damit man in einem Spiel gewinnen kann.

Ravza Nur Bayrak
Ravza Nur, Grundschülerin

Das Projekt hat einen prominenten Initiator: Ex-Nationalspieler Marco Bode. Er sei selbst schachaffin, erzählt er im Interview. Ihm ist die Grundidee zu verdanken. "Unser Verein engagiert sich schon lange für Bildung. Wir wollten uns ein neues Thema überlegen. Ich persönlich mag Schach und habe erfahren, dass es in anderen Städten im Unterricht benutzt wurde. Eine Studie der Universität Trier gibt Hinweise, dass es die Bildungschancen verbessern kann. So entstand die Idee, das Projekt in Bremen größer aufzuziehen."

Knapp 1.500 Schüler sind dabei

Bode am Rande der Fußballwoche für Menschen mit geistiger Behinderung beim Interview.
Auch Marco Bode hat Schach spielen in der Schule gelernt. Damals war er etwas älter als die Kinder der Grundschule am Pastorenweg.

Eine kuriose Anekdote hat das Vorhaben begünstigt – zumindest indirekt. Bode hat das Schachspielen in der Schule gelernt, und zwar mit zehn. Der damals angehende Fußballspieler wollte eigentlich in die schulische Fußball-Arbeitsgemeinschaft, doch alle Plätze waren bereits belegt. Also wich Bode auf die Schach AG aus – und blieb dort zwei Jahre. Danach hat ihn die Leidenschaft für das Brettspiel nicht mehr verlassen.

Jetzt hofft Bode, im nächsten Jahr weitere Schüler für Schach zu begeistern. Momentan machen 73 Klassen mit knapp 1.500 Schülern mit. Neue Klassen hätten sich fürs kommende Schuljahr bereits gemeldet. Doch dem ehemaligen Fußballspieler geht es nicht nur um den Denksport an sich: "Wir möchten durch Schach das Bildungsniveau in Bremen verbessern."

"Es ist der größte Pilotversuch dieser Art in Deutschland"

Ob das Spiel tatsächlich Schüler zu besseren Noten verhelfen kann, ist zwar wissenschaftlich noch nicht zweifelsfrei bewiesen. Eine Rolle spielen anscheinend auch das Alter sowie das eigene Leistungsniveau. Doch Studien belegen zumindest Verbesserungen der kognitiven Fähigkeiten, vor allem bei leistungsschwächeren Kindern.

Das Projekt ist sehr gut angenommen worden. Ich denke, dass wir es zunächst verstetigen werden. Eventuell könnte man es dann auch Schritt für Schritt ausbauen. Das ist aber noch nicht entschieden worden.

Schulleiter Karl-Holger Meyer sitzt an seinem Schreibtisch
Karl-Holger Meyer, Schulleiter

Der "größte Pilotversuch dieser Art in Deutschland", wie Bode ihn bezeichnet, ist jedenfalls an der Schule am Pastorenweg gut angenommen worden. "Die Schüler sind begeistert. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es Schritt für Schritt ausgebaut wird, vielleicht sogar auf alle Klassen ausgeweitet. Das ist aber noch nicht entschieden. Darüber sollten eventuell die pädagogische Konferenz und der Elternbeirat beschließen", sagt der Schulleiter Karl-Holger Meyer.

Kinder spielen Schach an der Grundschule am Pastorenweg
Sind die Regeln erstmal klar, ist Schach "kinderleicht".

Momentan spielen die Kinder jedenfalls weiter. Nsrin übt am Tisch das Bauernkloppen. Sie beschreibt mit dem Zeigefinger die möglichen Züge, bewegt dann den Bauer. Der Junge am Tisch nebenan ruft plötzlich "Schach", doch das Wort klingt mehr wie eine Frage als ein Siegesruf. Er blickt zögerlich auf das Brett – zu Recht, denn sein Gegner schlägt den Bauern mit der schwarzen Dame. Das Matt schafft er vielleicht doch beim nächsten Zug – oder spätestens im nächsten Unterricht.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier beginnt, 20. Juni 2019, 6:10 Uhr