So kreativ zeigt das Schifffahrtsmuseum rätselhafte Weser-Funde

Video vom 14. Oktober 2021
Ein ausgestellter, runder Fisch im Schifffahrtsmuseum Bremerhaven.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Die neue Schau "Raum für Vermutungen" in Bremerhaven präsentiert kuriose Exponate aus zwei Perspektiven. Ihre Geschichte erzählen Forschende und Kreativschaffende.

Eine Flasche mit Seetang steht in einer Glasvitrine.
Einer der kuriosen Funde ist eine mit Seetang gefüllte Flasche, datiert auf nach 1905. Bild: DSM | Annica Müllenberg

Elf Exponate zeigt die neue Sonderausstellung im Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM). Allesamt gefunden auf dem Wesergrund zwischen Bremen und der Seestadt. Darunter sind eine Seetangflasche, das Fisch-Präparat eines nordatlantischen Seehasens und eine römische Kasserolle. Das Besondere: Neben einer wissenschaftlichen Betrachtung, haben sich auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller den Ausstellungsstücken genähert. Geschichten über Geschichtliches. Erfundenes über Gefundenes.

Eines der Objekte ist das Schultergelenk eines Wals. Gefunden vor knapp 15 Jahren auf dem Grund der Weser in Bremen. Forschende sagen, es sei über 300 Jahre alt. Demnach ist der Wal damals die Weser hoch geschwommen und dann in Bremen am Teerhof verendet. Literarisch hat sich der Schriftsteller Michael Augustin dem Gelenk angenommen – auf Plattdeutsch. In seiner Geschichte spielen Politikerinnen und Politiker mit dem Gelenk Fußball. Der Fantasie sind keine Grenze gesetzt.

"Raum für Vermutungen" mit Fiktion und Fakten

Eine Vitrine und eine Texttafel stehen in einer Museumshalle.
Die neue Sonderausstellung bietet "Raum für Vermutungen". Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Weitere Beiträge stammen von Anke Bär, Nora Bossong, Christine Glenewinkel, Klaus Hübotter, Per Leo, Anna Lott, Gülbahar Kültür, Moritz Rinke, Reyhan Şahin aka "Lady Bitch Ray" und Ian Watson. Doch neben der fiktiven Betrachtung darf in einem Forschungsmuseum auch die wissenschaftliche nicht fehlen. Diese erhalten die Gäste durch eine besondere Konstruktion, ähnlich einer Friseurhaube, erklärt Anne Schweisfurth vom Hafenmuseum Speicher XI in Bremen, die die Ausstellung im Schifffahrtsmuseum konzipiert hat. In der "Haube" ergänzen 360-Grad-Bilder des Fundortes sowie Audio-Beiträge die Präsentation.

In dieser Haube sieht man ein Panoramabild des Fundortes. Die sind alle jetzt aufgenommen. Aber man kann sich wirklich hineinversetzen. Und dann hört man den Wissenschaftlern zu, was sie zu den Objekten zu erzählen haben.

Anne Schweisfurth, Kuratorin

Zu sehen war die Sonderausstellung bereits in Bremen und Brake. Jetzt also Bremerhaven. Alle Objekte stammen aus Archiven der Landesarchäologie Bremen, dem Schiffahrtsmuseum Unterweser in Brake, dem Focke Museum, dem Hafenmuseum Speicher XI und natürlich aus dem DSM. Das steuert ein historisches Bordgeschütz eines britischen Flugzeugs aus den 1940er Jahren bei. "Es verweist auf ein akutes ökologisches Problem und schlägt eine Brücke zu unserem aktuellen 'North Sea Wrecks'-Projekt, das zur Problematik 'Munition am Grund der Nordsee' forscht", sagt Ruth Schilling, wissenschaftliche Leitung am DSM.

Was steckt hinter der Idee?

Stellt sich noch die Frage: warum dieser ungewöhnliche, künstlerische Ansatz?

Wenn so ein Objekt ausgegraben wird, fragt man sich "Was ist das?", "Warum liegt das hier?", "Wie kommt das hier hin?". 1.000 Fragen, viele Vermutungen. Und dann haben wir Autorinnen und Autoren, die alle mit Bremen und der Weserregion verbunden sind, eingeladen, dazu eine literarische Vermutung anzustellen. Denn wer ist Experte für Vermutung und Phantasie? Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Anne Schweisfurth, Kuratorin

"Anders als die üblichen sachlichen Objektbeschreibungen im Museum sind diese literarischen Texte radikal subjektiv und fiktiv, sie bieten den Besuchenden einen künstlerischen, inspirierenden und spannenden Zugang zu den Exponaten", sagt Schweisfurth. Und Museumsdirektorin Sunhild Kleingärtner ergänzt: "Als Forschungsmuseum zeigen wir den Gästen die Sicht der Wissenschaft. Die neue Ausstellung öffnet mit der künstlerischen Interpretation von Exponaten eine ganz neue Herangehensweise, die einen spannenden Perspektivwechsel zulässt."

Am Ende der Ausstellung können Besucherinnen und Besucher sich noch bis April selbst an diesem Perspektivwechsel beteiligen: Auf alten Schreibmaschinen können sie ihre eigenen Geschichten zu den Exponaten aufschreiben – und Teil des wissenschaftlich-kreativen Austauschs werden.

Audio vom 16. Oktober 2021
Ein präparierter Fisch steht in einer Vitrine.
Bild: DSM | Annica Müllenberg
Bild: DSM | Annica Müllenberg

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Autoren

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor
  • Leonard Steinbeck

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 15. Oktober 2021, 11:40 Uhr