Wie ein Bremer den Radikalenerlass erlebte

Mit dem sogenannten Radikalenerlass vom 28. Januar 1972 sollten verdächtig Gesinnte aus dem linken und rechten Spektrum aus dem Staatsdienst entfernt werden. 70 Lehrer, Postler und Beamte aus Bremen waren von dem Berufsverbot betroffen – vornehmlich Linke. Einer von ihnen war der Grünen-Politiker Hermann Kuhn.

Protestanten halten ein Transparent, das die Abschaffung des Berufsverbotes fordert.
Während der 70er wurde von Protestanten immerwieder die Aufhebung des Berufsverbotes für betroffene Bremer gefordert.

Februar 1972: Hermann Kuhn ist gerade von Frankfurt nach Bremen gezogen. Er ist Ende 20, steckt in seinem Lehrerexamen und will bald an Grund- und Hauptschulen unterrichten. Kuhn engagiert sich nebenbei beim kommunistischen Bund – einer maoistischen Organisation in Bremen.

Das erste Berufsverbot für Hermann Kuhn

Der heute 72-jährige Kuhn sagt: Zu dreiviertel hatte der Bund demokratische Ziele. Das restliche Viertel würde er heute auch nicht mehr unterschreiben. Der Radikalenerlass schreckt den jungen Mann nicht – er macht sogar noch sein Referendariat. Andere Lehrerkollegen haben da schon längst mit Berufsverboten zu kämpfen. Dagegen protestiert der angehende Lehrer 1974 bei einer Sitzung der Bildungsdeputation – was ihm zum Verhängnis wird:

Wir sind da mit 20 bis 30 Leuten reinmarschiert und haben ein Transparent hochgehalten mit dem Slogan 'Trotz Berufsverbot – Die Schule bleibt rot'. Schöne Losung, reichlich naiv. Und da sind wir fotografiert worden, und das wurde festgehalten. Und als mein Rechtsanwalt dann fragte, wieso wird Herr Kuhn nicht eingestellt, da wurde diese Begründung genannt.

Hermann Kuhn

Mit einem Trick zurück ins Lehreramt

Überrascht hat das den heute 72-Jährigen damals nicht, aus der Bahn geworfen ebenso wenig. Er engagiert sich weiter beim Kommunistischen Bund. Und: Er trickst die Behörden aus, indem er sich an einer niedersächsischen Schule bewirbt:

Die waren damals nicht so gut organisiert, haben mich tatsächlich genommen, bis mich auch da der Verfassungsschutz enttarnt hat. Relativ einfach damals durch die Bürgerschaftswahlkandidatur 1975, und das war dann nicht so schwierig für die Schlapphüte, das rauszukriegen.

Hermann Kuhn

Bürgerschaftskandidatur führt zum zweiten Verbot

Kuhn wollte für den Kommunistischen Bund Westdeutschland in die Bürgerschaft und gerät deswegen erneut ins Visier der Staatsschützer – kassiert zum zweiten Mal ein Berufsverbot. Auch seine Frau ist Lehrerin, darf aber nicht als solche arbeiten, weil sie sich ebenfalls politisch engagiert. Existenzängste hat Hermann Kuhn trotzdem nicht:

Ich habe dann gejobbt. Damals war das ziemlich leicht, in den 70er Jahren kriegte man schnell Arbeit. Wir waren jung und in dieser Beziehung ziemlich sorglos.

Hermann Kuhn

Mit verschieden Jobs weg vom Lehrerberuf

Er arbeitet unter anderem als Journalist in Berlin und als Schriftsetzer in Bremen; wird Betriebsrat und Vertrauensmann. Der Lehrerberuf kommt für ihn gar nicht mehr infrage. Heute kann Hermann Kuhn sogar verstehen, dass sich der Staat gegen vermeintliche Feinde schützen wollte. Gebracht hat es allerdings nichts.

Insofern sage ich immer: Die Berufsverbote sind Unsinn gewesen, weil sie uns mehr Zulauf und Unterstützung gebracht haben als dass sie uns wirklich behindert hätten, und wir waren vielleicht naiv, aber nicht gefährlich.

Hermann Kuhn

Der Radikalenerlass sei falsch gewesen, weil er sich gegen Gesinnungen gerichtet habe, findet Kuhn. Die Berufsverbote hätten Lehrer getroffen, die vor der Klasse gar nicht politisch aufgetreten seien. Kuhn zerbricht nicht an dem Berufsverbot.

Abschaffung des Radikalenerlasses wird zum politischen Ziel

Er bleibt politisch, zunächst im kommunistischen Bund. Später macht er Politik zu seinem Beruf. Er wechselt zu den Grünen und zieht mit ihnen 1991 in die Bremische Bürgerschaft ein. Dort erreicht er, dass der Radikalenerlass in Bremen endgültig außer Kraft gesetzt wird. Aber erst 2011. Das sei ihm wichtig gewesen und habe ihn endgültig versöhnt:

Wer weiß, ich wäre jetzt Oberstudienrat. Aber da ich dann etwas anderes gemacht habe, hat es mich in eine neue Richtung getrieben. Das ist auch spannend gewesen, und ich habe da null Bitterkeit.

Hermann Kuhn

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27.09.2017, 19:30