Fragen & Antworten

Die Seele in der Pandemie: Immer mehr Bremer suchen Psychotherapeuten

Besonders Kinder und Jugendliche leiden in der Pandemie. Psychotherapeuten haben doppelt so viele Anfragen wie zuvor. Das ist die aktuelle Lage und so finden Sie Hilfe.

Ein junger Mann spricht mit seiner Psychiaterin (Symbolbild)
Die Corona-Pandemie bringt für viele Menschen schwierige Umstände, wie Einsamkeit mit sich. Doch es gibt Hilfsangebote. Bild: DPA | Mascha Brichta

Auch Menschen in Bremen und Bremerhaven sind zurzeit einsamer, haben Ängste und ihnen fehlt eine Perspektive. Das sorgt dafür, dass psychische Erkrankungen wie Depressionen, Erschöpfungszustände und Ängste zunehmen. Psychotherapeuten und Kliniken im Land bekommen nach eigenen Angaben immer mehr Anfragen von Hilfesuchenden. Ganz besonders betroffen sind offenbar Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Wie ist die Lage im Land wirklich und was kann man tun?

Was macht die Pandemie mit unserer seelischen Gesundheit?
Unsere Psyche leidet unter den Auswirkungen der Pandemie: Kaum soziale Kontakte, eine fehlende Tagesstruktur und viele negative Eindrücke wirken sich auf unsere Stimmung und unser Gehirn aus. Hinzu kommen bei einigen Menschen Existenzängste, Sorgen und Perspektivlosigkeit. Manche wissen nicht, wann sie wieder arbeiten können, andere sind mit der Mehrfachbelastung durch Arbeit, Kinderbetreuung und Homeschooling überfordert, und manche haben Angst, an Covid19 zu erkranken oder Angehörige zu verlieren. All diese Ängste, Unsicherheiten und chronischer Stress sind Risikofaktoren für psychische Erkrankungen. Das belegen unter anderem Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO und des IASC (Inter-Agency Standing Committee) aus dem vergangenen Jahr.

Dass in der aktuellen Ausnahmesituation Symptome von Angst, Stress und Depressionen auftreten, ist völlig normal. Bei Menschen, denen es aber schon vorher nicht gut ging, die besonders belastet oder schon einmal psychisch erkrankt waren, können sich Symptome schnell zu handfesten psychischen Erkrankungen entwickeln. Je früher diese behandelt werden, desto größer ist die Chance, auch schnell wieder gesund zu werden.
Dr. Uwe Gonther
Laut Uwe Gonther, ärztlicher Direktor am Ameos Klinikum Bremen meint, vor allem Kinder und Jugendliche treffe die Pandemie am härtesten. Bild: Norbert Hayo
Welche Erkrankungen haben besonders zugenommen?
Das Ameos Klinikum Bremen und die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Klinikum Bremen-Ost berichten, dass seit Corona verstärkt Patienten mit Depressionen, Angststörungen und Erschöpfungszuständen zu ihnen kommen. Laut einer Befragung der Krankenkasse Pronova im Frühjahr 2021 berichten Suchtexperten außerdem, dass der Alkohol- und Drogenmissbrauch zunimmt. Menschen, die schon vor Corona ein Suchtproblem hatten, sind doppelt gefährdet. In der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost lassen sich vor allem jüngere Menschen auch verstärkt wegen Essstörungen, Schlafstörungen und psychosomatischer Beschwerden behandeln.
Wer ist betroffen?
Unter den Patienten sind immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bestätigt, dass sich die Pandemie auf Kinder und Jugendliche sehr negativ auswirkt: 71 Prozent der Kinder und Jugendlichen berichten darin, dass sie sich von der Pandemie stark belastet fühlen. Zwei Drittel von ihnen geben an, dass ihre Lebensqualität vermindert ist und sie sich psychisch nicht wohl fühlen. Vor Corona war dies nur bei einem Drittel der Kinder und Jugendlichen der Fall gewesen. Auch Uwe Gonther, ärztlicher Direktor am Ameos Klinikum Bremen meint, vor allem Kinder und Jugendliche treffe die Pandemie am härtesten. Für sie sei die Perspektivlosigkeit am schwersten zu verkraften.

Kinder und Jugendliche trifft die Pandemie am härtesten.

Dr. Uwe Gonther, Ärztlicher Direktor, Ameos Klinikum Bremen
Dr. Peter Bagus
Dr. Peter Bagus vom Klinikum Bremen-Ost empfiehlt, sich unbedingt Hilfe zu suchen, wenn man sie braucht. Bild: Klinikum Bremen Ost
Peter Bagus nimmt in seiner Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Klinikum Bremen-Ost ebenfalls einen Anstieg bei jüngeren Patientinnen und Patienten wahr. Besonders anfällig sind seiner Meinung nach junge Menschen, die sich in einer Phase der Orientierung befinden: Das Ende der Schulzeit, der Beginn einer Ausbildung, eines Studiums oder der Übergang in den Beruf sind Situationen, in denen es besonders wichtig ist, positiv in die Zukunft zu schauen und sich mit Gleichaltrigen austauschen zu können. Auch, dass die Ausbildung oder das Studium jetzt online bewältigt werden muss, mache vielen zu schaffen, meint Bagus.

Er glaubt, dass psychische Beschwerden auch bei Menschen mittleren Alters zugenommen haben, viele sich aber nicht trauen, in eine Klinik zu kommen, weil sie Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus haben. Von einigen aus dieser Altersgruppe habe er gehört, dass diese erst kommen wollen, wenn sie geimpft sind. Ein erhöhtes Risiko sieht Bagus zudem bei Familien mit Kindern, da diese aktuell besonders stark belastet sind.
Die Psycholgogische Psychotherapeutin Amelie Thobaben im Interview bei buten un binnen.
Psychotherapeutin Amelie Thobaben hat deutlich mehr Anfragen als vor der Pandemie. Bild: Radio Bremen
Wie gut können die Menschen in Bremen und Bremerhaven versorgt werden?
Die Versorgung in Bremen ist im Vergleich zu vielen anderen Bundesländern noch verhältnismäßig gut. Trotzdem haben viele niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten lange Wartezeiten. Das war schon vor Corona so, hat sich aber nun noch einmal verschärft. In den meisten Praxen fragen deutlich mehr Menschen an.

Bei mir in der Praxis hat es sich etwa verdoppelt. Wobei ich nicht genau weiß, wie viele Menschen einmal und nie wieder anrufen, weil mein Anrufbeantworter schon darüber informiert, dass ich keine Psychotherapieplätze habe.

Amelie Thobaben, psychologische Psychotherapeutin, Präsidentin Psychotherapeutenkammer Bremen
Auch die Bremer Kliniken spüren die Auswirkungen der Coronakrise nach eigenen Angaben deutlich. Das Ameos Klinikum Bremen verzeichne seit Herbst einen kontinuierlichen Anstieg der Anfragen. Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost hätte aufgrund der vielen Anfragen die Bettenzahl zwischenzeitlich verdoppeln können, sagt Chefarzt Peter Bagus. Er rechne damit, dass die Nachfrage noch bis mindestens Ende des Jahres hoch ist, sich danach aber auch wieder normalisieren wird.
Grundsätzlich gilt: Je länger Patientinnen und Patienten auf eine adäquate Behandlung warten müssen, desto langwieriger ist meist auch die Genesung. Eine schnelle Vermittlung und Behandlung sind daher immer gut.
Wie komme ich an einen Therapieplatz?
Einen Termin für ein Erstgespräch bei einem niedergelassenen Therapeuten vermittelt die Terminservicestelle (erreichbar unter 116 117) innerhalb von vier Wochen. Stellt ein Psychotherapeut einen Weiterbehandlungsbedarf fest, vermittelt die Terminservicestelle dann auf Grundlage der ausgestellten Überweisung einen Termin zur psychotherapeutischen Behandlung. Auf der Seite psych-info.de kann man sich auch selbst nach einem geeigneten Psychotherapeuten in seiner Nähe umschauen. Meist sind telefonische Sprechzeiten angegeben, zu denen die jeweiligen Therapeutinnen und Therapeuten zu erreichen sind. Oft ist Durchhaltevermögen gefragt und es ist nötig, mehrere Stellen durchzutelefonieren. Eine gute erste Anlaufstelle bieten auch offene Beratungsstellen in Bremen und Bremerhaven.
Kathrin Moosdorf
Kathrin Moosdorf vom Kinderschutzbund Bremen empfiehlt, dass Eltern Kindern deutlich machen, dass alle Gefühle erlaubt sind. Bild: Kinderschutzbund Bremen
Was kann ich tun, um mich vor psychischen Erkrankungen zu schützen?
Vorbeugend empfehlen Experten Sport, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige soziale Kontakte. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen kann man versuchen, den Kontakt zumindest über Telefonate und Online-Treffen aufrechtzuerhalten. Bei gemeinsamen Spaziergängen an der frischen Luft kann man gleichzeitig die Beziehung pflegen und sich bewegen. Es ist außerdem gut, eine Tagesstruktur zu entwickeln, sich Pausen zu gönnen – auch von Bildschirmzeiten – und sich Zeit für angenehme Aktivitäten zu nehmen. Peter Bagus vom Klinikum Bremen-Ost empfiehlt, soziale Kontakte so weit es geht aufrechtzuerhalten, sich körperlich zu bewegen und vor allem auch sich nicht zu scheuen, Hilfe zu suchen, wenn man welche braucht.
Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen, wie können Eltern erkennen, dass sie Hilfe brauchen?
Am wichtigsten ist, dass Eltern aufmerksam sind und mit ihren Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, wie es ihnen geht, sagt Kathrin Moosdorf, Geschäftsführerin beim Kinderschutzbund Bremen. Eltern sollten den Kindern vermitteln, dass es ok ist, die Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Aufmerksam werden sollten sie, wenn sich das Verhalten der Kinder und Jugendlichen plötzlich ändert: sie besonders ängstlich, aggressiv oder zurückgezogen reagieren. Wenn man dann merkt, dass es eine Grenze überschreitet, sollte man sich ruhig Hilfe holen.

Bremer Telefonseelsorge: Wenn Corona auf die Psyche schlägt

Video vom 3. Januar 2021
Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch. Sie telefoniert und schaut auf den Computermonitor.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Katharina Mild Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Mai 2021, 19:30 Uhr