So protestieren die Bremer

Banner, Mahnwachen, oder auch mal eine angemalte Straße – Bremer sagen gerne ihre Meinung und finden dabei kreative Wege. Nicht erst seit gestern.

Amerikafeindlicher Protest 1968 am Rathaus.
Junge Bremer demonstrieren gegen die Politik der USA und die Unterstützerrolle der Bundesrepublik während der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche 1968 in Bremen. Bild: Staatsarchiv Bremen | Schmidt

Auch wenn es heute viele andere Formen gibt, Protest zu organisieren, hat das gute alte Transparent nicht ausgedient. Man sieht es immer wieder im Bremer Stadtbild. "Asphaltiert – Abserviert, mehr Asphalt & Teer, und wir wählen euch nicht mehr" – dieses Banner hing im vergangenen Herbst prominent über der Bremer Ritterstraße im Viertel. Eine Bürgerinitiative hatte sich zuvor erfolglos dagegen gewehrt, dass die historischen Pflastersteine entfernt werden. Diese Form, über Banner und Transparente seinen Protest zu äußern, stammt aus der Zeit der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, erklärt Sebastian Haunss. Er ist Protestforscher an der Uni Bremen.

Die Papierform hat Vorteile. So können Menschen, die zufällig vorbeilaufen, sich das anschauen. Außerdem ist sie ein Mittel: So findet ganz allgemein die Protestkommunikation in Szene-Vierteln statt.

Sebastian Haunss, Protestforscher, Uni Bremen

Obgleich man mehr Zeichen von Protest in den Städten findet, gibt es sie auch auf dem Land. Klassischerweise dann, wenn es um umstrittene Bauprojekte geht, wie zum Beispiel eine Ortserweiterung. Im Wendland zeigte sich der Protest im Zuge der Anti-Atomkraft-Bewegung in nahezu jedem Vorgarten. "Man musste sich da fast rechtfertigen, wenn man solche Schilder nicht im Vorgarten hatte", sagt Haunss.

1968 in Bremen: Schüler organisieren Proteste

Einen enormen Schub bekam die Protestkultur in den 1960er Jahren, erklärt der Wissenschaftler. Damals bereitete die Studentenrevolte den Boden dafür. In Bremen, damals noch ohne Universität, gingen die Proteste allerdings von Schülern aus. Sie schauten sich Modelle aus dem studentischen Milieu ab. Im Januar 1968 sorgten dann die Bremer Straßenbahnproteste bundesweit für Schlagzeilen.

Schüler sammelten sich am 15. Januar vor der "Glocke" zu einer Sitzblockade. Es ging ums Geld, aber mehr noch ums Prinzip. Denn die Bremer Straßenbahn AG wollte den Ticketpreis um zehn Pfennig erhöhen. "70 Pfennig – lieber renn ich" wurde zum Schlachtruf und läutete in der Hansestadt das Revolutionsjahr 1968 ein. In Bremen schafften Schüler etwas Besonderes: Sie bekamen Unterstützung für ihr Anliegen aus der Arbeiterschaft. Schließlich nahm Senatspräsident Hans Koschnick die Preiserhöhung zurück.

Frühe Demos gegen Atomwaffen

Doch nicht erst das Jahr 1968 brachte die Bremer auf die Straße. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Mai-Demonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) regen Zulauf. Es ging nicht nur um Arbeit, sondern früh auch um Abrüstung. Das war den Bremern so wichtig, dass am 1. Mai 1956 große Menschenmengen zusammenkamen, um unter dem Motto "Kampf dem Atomtod" zu protestieren. Auch die Ostermärsche der Friedensbewegung wurden in Bremen bald populärer, nachdem sie 1960 mit rund 50 Teilnehmern begonnen hatten.

In die vielen verschiedenen Proteste im Jahr 1968 mischte sich ebenso schnell der Ruf nach Frieden und Abrüstung. Anlässlich der amerikanischen Freundschaftswoche in Bremen sammelten sich Demonstranten auf dem Marktplatz, um gegen den Vietnamkrieg der USA zu demonstrieren. Sie malten sich schwarze Kreuze ins Gesicht. Damit wollten sie ausdrücken, dass die Bundesrepublik Deutschland ihr Gesicht verloren hätte, weil sie in ihrer Politik zu den Amerikanern hielt.

Hausbesetzungen gegen hohe Mieten

Einige Jahre später war der Protest gegen die Neugestaltung Bremens auf einem ersten Höhepunkt angelangt. Anwohner und Teile des SPD-Ortsvereins schafften es, die geplante Mozarttrasse mitten durch das historische Ostertorviertel zu verhindern. Das Thema Sanierung blieb aber auch darüber hinaus ein Reizwort. Gegner befürchteten, man würde nicht nur die historische Bausubstanz beiseite schaffen, sondern mit ihr auch die angestammten Bewohner. Eine neue Form des Protests schlug sich in Bremen nieder: die Hausbesetzung. Bekannte besetzte Häuser gab es im Fedelhören und Auf den Häfen.

Parallel dazu baute sich eine größer werdende Ökologiebewegung auf. Man kämpfte gegen die Bebauung des Feuchtgebietes Hollerland, aber auch gegen Atomkraftwerke und Atommülllager. Auf der Grünfläche am Kennedy-Platz residierte vorübergehend eine "Botschaft der freien Republik Wendland", gebaut aus Paletten und Zelten als eine Art Dauer-Mahnwache. Noch heute zeugen die Aufkleber mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein danke" in vielen Hauseingängen des Bremer Viertels von der starken Bremer Bewegung gegen Atomkraft, die in den 1970er Jahren ihren Anfang nahm.

"Fließender Übergang zwischen Kunst und Protest"

Wenngleich die Zeiten trotz größerer Protestwellen wie gegen den G20-Gipfel in Hamburg heute ruhiger sind als in den 1960er- bis 1980er-Jahren, sind Zeichen des Protests nach wie vor im Stadtbild oft zu sehen. Deutlich wird im heutigen Bremen auch ein "fließender Übergang zwischen Kunst und Protest", wie Protestforscher Haunss es nennt. Gemeint sind Schriftzüge wie diese: "Wo Lebensräume wachsen, ist häufig auch der Ort, wo Lebensträume platzen" oder Parolen wie "Steintor bleibt dreckig". Laut Haunss sind solche Sprüche, die nicht immer politisch sind, ein weiteres Phänomen von Szenevierteln.

Solche Statements im öffentlichen Raum, wo sie möglichst lange stehen bleiben, deuten auf das Vorhandensein von Subkulturen hin. Graffiti dienen oft auch als Reviermarkierung. Dort, wo die Sprayer selbst wohnen oder wo sie auf eine sympathische Aufnahme hoffen.

Sebastian Haunss, Protestforscher, Uni Bremen

"Transparente an Häusern wirken mobilisierend"

Daneben finden sich auch andere Aktionen. Doch nicht immer gehen diese glimpflich aus. So entschlossen sich die Mitglieder der Bürgerinitiative Lahnstraße etwa im Sommer 2016, gleich die Umsetzung ihrer Verkehrspläne selbst in die Hand zu nehmen. Weil sie die zugeparkten Straßenseiten und fehlende Rücksichtnahme von Autofahrern und Radlern satt hatten, ließen sie kurzerhand eine Kreuzung blau anstreichen. Ganz professionell von einer Straßenbaufirma, mit entsprechender Farbe, die sich hält und nicht wasserlöslich ist. Das gab ordentlich Ärger, das Bauressort stellte den Gründern der Initiative die Kosten für das Abfräsen der Straße in Rechnung.

Doch Protest in Bremen geht auch anders: Oft mit erkennbar selbst gemalten Transparenten, die, statt bei einer Demonstration getragen, am Haus oder im Vorgarten befestigt werden. Sie haben laut Haunss zwei Funktionen: Erstens sollen sie mobilisierend wirken, weitere Unterstützer aus dem Umfeld generieren. Zweitens wirken sie als Mahnung oder Forderung.

Beispiel: "Profit-Baggern mit Unterstützung des Bausenators – Acht Häuser sind beschädigt". Das Transparent einer Bürgerinitiative gegen ein Bauprojekt hängt derzeit an einem Haus in der Straße Fesenfeld im gleichnamigen Stadtteil. Ein so geäußerter Protest stellt von Anfang an mehr Öffentlichkeit her, als zum Beispiel ein Brief an den Bausenator, meint Haunss. Dass er nach wie vor wirkt, hat sich gezeigt: Der Bausenator kam selbst, um sich die Schäden anzuschauen.

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  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag,